Zum WM-Auftakt werden Erinnerungen an alte Skandale wach

Mit 26 Stunden Verspätung wird am Samstag in Sofia die erste von zwölf Partien um die Weltmeisterschaft im Schach gespielt. Ab 16 Uhr deutscher Zeit will der Inder Viswanathan Anand seinen Titel gegen den umstrittenen Bulgaren Veselin Topalov verteidigen. Hinter den Kulissen gab es schon die ersten Machtkämpfe.

Ränkespiele am Schachbrett: Hinter den Kulissen einer Schach-WM geht es selten friedlich zu. Foto: Peter Riecke

Ränkespiele am Schachbrett: Hinter den Kulissen einer Schach-WM geht es selten friedlich zu. Foto: Peter Riecke

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Sofia. Viel ist in den vergangenen Monaten spekuliert worden, ob es klug war von Weltmeister Viswanathan "Vishy" Anand, sich in die Höhle des Löwen zu begeben. Nicht wenige Beobachter hegen den Verdacht, das Team des Herausforderers könne seinen Heimvorteil für unlautere Manöver nutzen. Nicht umsonst gilt Topalovs schillernder Manager Silvio Danailov als einer der skrupellosesten Ränkeschmiede der - an Skandalen nicht eben armen - jüngeren Schachgeschichte.

Fast schon legendär ist Danailovs Versuch, seinen Schützling Topalov nach dessen kapitalem Fehlstart bei der WM 2006 im kalmückischen Elista mit Hilfe von ebenso wilden wie völlig haltlosen Betrugsvorwürfen zurück auf die Siegerstraße zu führen. In der als "Toilet-Gate" bekannt gewordenen Affäre beschaffte sich der Manager Videobänder, die Topalovs damaligen Gegner, den Russen Vladimir Kramnik, beim Toilettengang während der Partie zeigten. Der würde dort heimlich die Hilfe eines Schachcomputers in Anspruch nehmen, so Danailovs waghalsige Behauptung, die er mit wirren Statistiken über Kramniks Pinkelverhalten und dessen "computerähnliche" Zugfolgen garnierte. Dank guter Kontakte zur Funktionärselite erzielte der Manager damit sogar einige Wirkungstreffer, die in einem kampflosen Partiegewinn Topalovs gipfelten.

Jedoch kehrte der so verleumdete Kramnik in Elista trotz aller Tiefschläge ans Brett zurück und sicherte sich den Titel. Seither gelten Topalov und Danailov als die Bösewichter der Schachszene. Dem bulgarischen Weltranglistenzweiten gelingt es nur langsam, die damals mit einem Schlag verspielten Sympathien durch sein immer wieder spektakuläres Angriffsschach zurückzugewinnen.

Sein stets besonnen auftretender aktueller Kontrahent Anand wollte indes alles daran setzen, den Kampf ausschließlich auf das Schachbrett zu beschränken. Doch dieses Vorhaben darf schon jetzt als gescheitert angesehen werden: Anand, der aufgrund der Aschewolke über Europa mehrere Tage in Frankfurt festsaß, musste sich schließlich auf eine zermürbende 40-Stunden-Odyssee mit dem Auto machen, um rechtzeitig zur Eröffnungsfeier in Sofia zu sein.

Der Weltschachverband traf eine Kompromissentscheidung und verschob den WM-Auftakt um einen Tag nach hinten. Anand hatte sich eigentlich drei zusätzliche Tage erbeten, um sich von den Strapazen zu erholen. Diesen Antrag wies das WM-Organisationskomitee zunächst recht ruppig zurück. Jede Verschiebung der drei Millionen Euro teuren WM - davon erhält der Sieger 1,2 Millionen und der Verlierer 800.000 Euro Preisgeld - koste mehrere zehntausend Euro, warfen die Organisatoren ein. Doch beim Blick auf die Zusammensetzung des Komitees fällt vor allem ein bulgarischer Name ins Auge: Silvio Danailov.

Einen klaren Favoriten gibt es nach Einschätzung der meisten Experten nicht. In der Weltrangliste liegen Topalov und Anand knapp hinter dem führenden Norweger Magnus Carlsen. Die bisherige Bilanz spricht mit 11:10 Siegen (bei 23 Remis) für den Ex-Weltmeister aus Salamanca, der wie der Titelverteidiger in Spanien lebt. Ein 6:6 nach zwölf Turnierpartien scheint im Bereich des Möglichen. Doch eine Verlängerung im Schnellschach will Topalov, schwach in diesem Metier, vermeiden.

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