Sicherheit im Erfurter Stadion: Fraktionen sehen Stadt in der Verantwortung

Erfurt  Noch ein Sicherheitsproblem – die Rückwände in den Fanblöcken. Man kann hochklettern, weil wirksame Sperren fehlen

Auf die Rückwände der Zuschauertribüne kann ohne Anstrengung geklettert werden. Foto: Marco Schmidt

Foto: zgt

Wenn heute Nachmittag der FC Rot-Weiß Erfurt gegen den FSV Zwickau um Punkte gegen den Drittligaabstieg kämpft, werden seitens der Polizei und der Security wieder misstrauische Blicke in Richtung der Gästetribüne geschickt.

Aus Sachsen haben sich nicht nur Zwickau-Fans, sondern auch einige Hundert Dynamo-Ultras zur "Unterstützung" angesagt. Was sie unter Unterstützung verstehen, ist hinreichend bekannt. Das Misstrauen der Sicherheitskräfte wird aber auch aus einer anderen Quelle gespeist. Denn exakt vier Wochen zuvor, am 4. Februar, hatten gewaltbereite Gästefans aus Frankfurt und Jena am Fanblock versucht, ein Tor aufzubrechen. Nur mit massivem Körpereinsatz hatten Ordner einen Durchbruch verhindert. Steine flogen auf die Security. Aufgesammelt hinter dem mit Splitt aufgeschütteten Fanblock.

Über 25 000 Euro zahlt RWE heute für Ordner

Für den FC RWE bedeutet das heute laut Clubpräsident Rolf Rombach Kosten von über 25 000 Euro. Das Ordnungsamt hat die Zahl der Ordner – wohl auch unter dem Eindruck der Ausschreitungen vom 4. Februar – von 152 auf 240 erhöht. Für den finanziell gebeutelten FC eine Hypothek, die die Gewinne aus den Eintrittsgeldern teilweise wieder auffrisst.

Die offenbar gewordenen Sicherheitsprobleme beschäftigen seither die Stadtpolitik. Während Kathrin Hoyer, die Beigeordnete, die den Stadionbau federführend begleitete, mit dem Erfurter Sportbetrieb auf einer Linie liegt ("Wir haben alles richtig gemacht"), sieht man das Sicherheitsproblem in den Stadtratsfraktionen inzwischen mit sehr kritischen Augen.

SPD-Fraktionschef Frank Warnecke meint: "Wenn nachgerüstet werden muss bei den Sicherheitsstandards, dann durch den Bauherrn, vorausgesetzt, es wurden Auflagen nicht eingehalten und es gibt Mängel. Wir, die Stadt, waren der Bauherr und wir haben das Stadion ordentlich zu übergeben".

"Die ganze Sache offenbart konstruktive Schwächen", springt ihm CDU-Fraktionschef Michael Panse bei. Falls nachgerüstet werden muss, kann man für diesen "funktionalen Mangel", wie es Juristen ausdrücken, nicht den FC RWE finanziell zur Kasse bitten, sagt er. Die Stadt ist Eigentümer des Stadions und die müsse das Problem lösen. Und dazu müsse eben auch das nötige Geld zur Verfügung gestellt werden. Panse warnt: "Das eigentliche Problem beginnt an dem Tag, an dem wirklich etwas passieren sollte". Ein Albtraum. Man stelle sich nur vor, Chaoten in den Fanblöcken bewerfen mit den Steinen von der Freifläche Spieler oder Schiedsrichter. Dann drohten Stadionsperre oder Geldstrafe. Die CDU-Fraktion will daher genau wissen, ob man vielleicht aus Kostengründen im Nachgang sogar Einsparungen an Sicherheitseinrichtungen durchgedrückt hat. Dazu soll die Leistungsbeschreibung für die Ausschreibung überprüft werden.

Auch Alexander Thumfart, Grünen-Fraktionschef, sieht das nicht anders. "Wir haben gemeinsames Interesse an sicheren Fußballspielen, es muss daher nachgebessert werden und wir müssen einen Modus der Finanzierung finden, um die Tore zu verstärken. RWE kann das nicht zahlen, wir wollen den Verein nicht in den Ruin treiben". Es gelte, eine verträgliche Lösung zu finden, indem sich alle, Fraktionen, Ordnungsamt, Rot-Weiß, Katrin Hoyer, und die Fanklubs an einen Tisch setzen, so Thumfarts Vorschlag.

Werkausschuss tagt am 30. März erneut

Im Werksauschuss Multifunktionsarena, der sich am 23. Februar höchst verwundert zeigte über die Stellungnahme des Chefs des Erfurter Sportbetriebes (ESB) Jens Batschkus (wir berichteten), ist man sich einig: die Sicherheitsmängel sind abzustellen. Man sprach eine Empfehlung in Richtung der Beigeordneten aus. Inhalt: Gutachter bestellen, Sicherheitsstandards überprüfen, bei erkennbaren Mängeln nachbessern, Geld dafür zur Verfügung stellen.

In einer Ausschusssitzung am 30. März werden die Sicherheitslücken Thema werden. Schon deshalb, weil der DFB in Frankfurt unmissverständlich erklärt hat, man werde den bekanntgewordenen Hinweisen nachgehen und gegebenenfalls Nachbesserungen verlangen. Sonst könnte es im extremsten Fall keine Spielgenehmigung für das Steigerwaldstadion geben.

"Aussitzen ist hier nicht. Wir legen nach. Über Sicherheitsfragen kann man nicht hinwegsehen", sagt Marion Walsmann (CDU), die stellvertretende Ausschussvorsitzende. "Die Arena GmbH ist gut beraten, wenn sie das Stadion übernimmt, eine Mängelliste ins Protokoll aufzunehmen. Um sich abzusichern gegen Fehler, die andere zu verantworten haben".

Was Marion Walsmann noch nicht wusste: in der Auflistung der Sicherheitsmängel findet sich nun auch noch ein drittes gravierendes Problemfeld – die Rückwände in den Fanblöcken. "Bereits zwei Mal hatten wir den Fall, dass betrunkene Fans dort hochgeklettert sind, weil Sperren fehlen", sagt Andreas Nichelmann, ehemaliger Sicherheitsbeauftragter des FC Rot-Weiß, heute beim 1. FC Magdeburg. Einfache Taubenabwehrspikes würden schon reichen, meint er. Und die Reaktion des ESB. Keine. Ein Umstand, über den Nichelmann fassungslos ist.

Da hat der studierte Sicherheitsmanager beim 1. FC Magdeburg mehr Einfluss. Und einen emsigen Klubpräsidenten, Peter Fechtner, der einen guten Draht zur Stadtverwaltung hat. Fechtner betont, dass das aber nicht immer so war: "Früher meinte man hier, Fußball zuerst und die Stadt soll gefälligst liefern. Das hat nicht funktioniert". Man müsse als Fußballklub auch "eine gewisse Demut" an den Tag legen und nicht nur fordern. Weil man das begriffen hat, läuft es gut in Magdeburg. Mit Geben und Nehmen. Die Stadt hat Sicherheitsmängel, die sich mit denen in Erfurt deckten, beseitigen lassen und bezahlt.

Gestörtes Verhältnis zwischen Stadt und RWE

Mag sein, dass in Erfurt das gespannte Verhältnis zwischen Stadt und dem Fußballklub dazu beiträgt, dass man von konstruktivem Miteinander nicht reden kann. Oberbürgermeister Andreas Bausewein (SPD): "Das Verhältnis zum Klub ist schwierig. Ich glaube aber nicht, dass hier im Rathaus die Feinde des FC RWE sitzen, die nur grübeln, wie sie Rot-Weiß Schwierigkeiten machen können. Die Feinde des FC RWE sitzen im Verein selber. Den Präsidenten Rolf Rombach schließe ich da ausdrücklich aus. Aber es gibt da ein paar Leute rundherum, da wirst Du wahnsinnig". Klare Worte.

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