Ski-Legende Grimmer rätselt zum 70. über Staffel-Tragödie

Floh-Seligenthal. Ja, er ist in diesem Winter Ski gelaufen - auf der idyllischen Bergsee-Loipe auf der Ebertswiese am Rennsteig. Immer so eine Stunde, natürlich klassischer Stil. Es hätte mehr sein können -aber die Zeit, die Hüfte ..., sagt Gerhard Grimmer lächelnd.

Thüringer unter sich: Weltmeister Gerhard Grimmer und seine Germina-Ski in Floh-Seligenthal. Foto: Alexander Volkmann

Thüringer unter sich: Weltmeister Gerhard Grimmer und seine Germina-Ski in Floh-Seligenthal. Foto: Alexander Volkmann

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Und ja, er wird auf seinen Touren noch am Stil erkannt. "Meist von Einheimischen, Älteren - selten von Touristen", sagt der Rentner, der am heutigen Samstag 70 wird.

Die Feier steigt ab 11 Uhr bis zum Abend im Berghotel Ebertswiese, das seit 13 Jahren seiner Tochter Stefanie (44) gehört und in dem er mit Ehefrau Ellen (68) oft mit anpackt, Reparaturen und Besorgungen erledigt.

"Einladungen habe ich aber nicht extra geschrieben - wer will, mag kommen", sagt der Thüringer, der Sportgeschichte schrieb: Als erster Mitteleuropäer enteilte er bei einer WM sowie bei den Holmenkollen-Skispielen den Skandinaviern - wurde damit zur Legende. DDR-Kritiker kratzen bis heute daran und werfen ihm vor allem vor, in den 1980er-Jahren den Armeesportklub Oberhof geleitet zu haben.

Andere würdigen ihn, weil er in Wendewirren manche Struktur rettete, die bis heute nachwirkt und Erfolge sichert . . .

Dass er selbst welche feierte und überhaupt sein Metier fand, ist einem Unglück zu verdanken. "Der Schanzenturm in Floh-Seligenthal war eingestürzt", erinnert sich Grimmer. Der im böhmischen Erzgebirge geborene Junge hatte sich in seiner neuen Thüringer Heimat im Fußball, Alpin-Bereich und als Springer passabel versucht, bis der 50-m-Bakken gesperrt wurde.

Zufall, dass er da seine ersten Langlauf-Ski geschenkt bekam und neben der Maschinenschlosser-Lehre anfing zu trainieren. Erste Siege auf Kreisebene folgten - doch Motor Zella-Mehlis wollte ihn nicht. "Zu klein, keine Perspektive."

Der ASK Oberhof probierte es mit Grimmer. Horst Wagner, der ihn bis zum Karriereende betreute, nahm ihn unter seine Fittiche. "Die Leine, an der er uns hielt, wurde erst mit den Erfolgen in den 1970ern etwas länger", so die Erinnerung über den lange verstorbenen Coach.

Ein Aufschwung im DDR-Langlauf deutete sich bereits Mitte der 1960er-Jahre an, noch unabhängig von Grimmer. Er sieht im Training mit den in Trusetal erfundenen Skirollern - über die Skandinavier und Osteuropäer zunächst lauthals lachten - sowie gesteigerte Umfänge als entscheidende Faktoren.

Die WM 1970 in Strbske Pleso bezeichnet er als "meinen Durchbruch" – mit zweimal Silber und einmal Bronze. Wobei er über die 50 km Lehrgeld zahlen musste: Bis 43 km führte er, dann ereilten ihn Krämpfe in beiden Beinen. Platz drei.

Das passierte ihm auf dem Höhepunkt seiner Karriere 1974 in Falun nicht. Grimmer stürmte über 50 km zum WM-Titel. "Ich konnte die letzten Kilometer Tempo rausnehmen und genießen." Es blieb 29 Jahre der einzige deutsche Einzel-Titel, bis der Thüringer Axel Teichmann nachzog. Obendrein gab es 15-km-Silber sowie Staffel-Gold - beides trotz Sturz.

Als "perfektes Rennen" empfand Grimmer jedoch die 50 km von Oslo 1971, wo er nach einer Wachs-Lotterie mit sieben Minuten Vorsprung gewann und von hunderttausend Skandinaviern bestaunt wurde.

Doch so lief es nicht immer - die Olympia-Einsätze glichen Tragödien: 1968 quälte er sich mit einer Blinddarm-Reizung, 1972 in Sapporo hemmte ihn ein Virus-Infekt. "Da habe ich lange mit dem Gedanken gespielt, aufzuhören".

Dann in Innsbruck 1976 "war ich vielleicht schon über den Zenit hinaus". Es wurde noch einmal Rang fünf über 50 km und ein Staffel-Mysterium, über das bestimmt auch an der heutigen Geburtstags-Tafel debattiert wird – denn die Teamkameraden haben sich angesagt.

Der sächsische Startläufer Gerd Heßler hatte damals als Zweiter übergeben. Axel Lesser übernahm die Führung. Doch der Brotteröder stieß in einer Abfahrt mit einer Frau zusammen. Ob es eine russische Betreuerin war - wie Lesser und andere Zeugen vermuten - oder eine Touristin aus Österreich oder Westdeutschland - wie die DDR-Sportführung behauptete - ist nach wie vor ungeklärt. Sicher war nur: Lesser musste mit heftigen Knieschmerzen, die zugleich sein Karriere-Aus bedeuteten, aufgeben.

Der sächsische Wasa-Lauf-Gewinner Gert-Dietmar Klause, später Zweiter über 50 km, sowie Grimmer warteten vergeblich in der Aufwärmzone.

"Zeit heilt die Wunden - aber das Rätsel bleibt", sagt der Jubilar. Nie wieder war ein deutsches Quartett so nah am Staffel-Gold.

Glänzend ging es jedoch mit Grimmers Karriere als Funktionär weiter: Umgeschult zum Ingenieur-Ökonomen leitete er im Range eines Armee-Oberst ab 1981 den ASK. Im Weltverband rang er um Regeln für den neuen Skating-Stil.

Zur Wendezeit war er zunächst "hauptamtlich arbeitslos". Doch im Präsidenten-Ehrenamt des neuen Thüringer Skiverbandes kämpfte er mit dem Bayern Helmut Weinbuch gegen Auflösungserscheinungen an. "Wir haben die Abwanderung stoppen und in Thüringen viel vom Umfeld erhalten können", betont Grimmer.

Als TSV-Präsident trat er 1995 zurück, nachdem ihm im Zuge der Doping- und Stasi-Debatte DDR-Staatsnähe vorgeworfen wurde. Er selbst begründete den Rückzug, dass das Ehrenamt mit der Stelle als Leistungssport-Referent beim Landessportbund kollidieren würde. "Ich wäre wiedergewählt worden, wollte es aber nicht. Sabine Reuß hat dann tolle Arbeit gemacht."

Er verfolgt alles - wenn er nicht mit der Familie wandert, radfährt oder den Rennsteig-Skilauf mitorganisiert - weiter genau. "Es sind zu wenige Talente oben angekommen. Aber es gibt Hoffnungträger", wie den Biberauer Tim Tscharnke. "Bundestrainer Frank Ullrich kann nach den Fehlern zuvor keine Wunderdinge schaffen."

Bewundernd spricht Grimmer von Jens Filbrich. "Der Junge hat menschliche Größe gezeigt, nachdem er zuletzt bei der WM nicht für die Staffel nominiert wurde." Eine Staffel, die noch immer darum kämpft, einmal Grimmer und Co. zu toppen.