Wintersportler Aschenbach: "Ich war kein Lügner und Verräter"

Hans-Georg Aschenbach ist derzeit ein gefragter Gesprächspartner. Der 59-jährige Brotteröder, der heute als Sportmediziner in Freiburg praktiziert, kommentierte Thomas Köhlers Buch "Zwei Seiten einer Medaille" mit der Aussage, der ehemalige Funktionär leide bei Dopingfragen unter dem Münchhausen-Syndrom. Gegenüber unserer Zeitung äußert sich der ehemalige DDR-Skisprung-Olympiasieger von 1976 nun auch zu den Hintergründen seiner Flucht in den Westen 1988.

Doping bei Sportlern war in der DDR durchaus gebräuchlich. Foto: Alexander Volkmann

Doping bei Sportlern war in der DDR durchaus gebräuchlich. Foto: Alexander Volkmann

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Sie genossen als Spitzensportler der DDR Sonderstatus. Nach Ihrer Flucht nannte man Sie einem Verräter...

Nein, ich bin kein Verräter. Ich habe ja auch Leistung gebracht und wurde dafür mit Privilegien wie Auto, Wohnung und Reisefreiheit gekauft. Das Einzige, was ich mir wirklich vorzuwerfen habe, ist, dass ich die Familie im Stich gelassen habe.

Warum flüchteten Sie aus dieser heilen Welt?

1987 half ich einem Nürnberger Kind in akuter Lebensgefahr in Ungarn. Weil ich den Vorfall nicht gemeldet hatte, wurde mir dies als Verstoß gegen meinen Kundschafterauftrag vorgeworfen. Mein innerer Widerstand äußerte sich zudem durch gefärbte Haare und einen Ohrring, der Schauspieler Don Johnson war mein Idol. Darüber wurde meiner militärischen Leitung Bericht erstattet. Die Folge: Ich verlor meine Mitgliedschaft in der Medizinischen Kommission des Welt-Skiverbandes an den stasi-nahen Arzt Dr. Erich Ahrendt von Dynamo Berlin. Dr. Wolfgang Schneider vom ASK Oberhof intrigierte gegen mich, sodass meine medizinische Karriere am Ende schien.

Welche Gelegenheit bot sich dennoch zur Flucht?

Nach den Misserfolgen der DDR-Mannschaft bei Olympia 1988 wurde ein Großteil der Verantwortlichen ausgewechselt und ich nun zum Mannschaftsarzt der Skispringer berufen. Damit bekam ich den Auftrag, die Dopingpläne neu zu konzipieren. Da wusste ich, die nächste Chance beim Trainingslager in Hinterzarten 1988 werde ich zur Flucht nutzen. Ich wollte mich nicht als Arzt strafbar machen. Ein jugoslawischer Freund und späterer Fluchthelfer war mein einziger Vertrauter. Ihm übergab ich vorab meine medizinischen und zivilen Unterlagen.

Wie gelang es Ihnen zu fliehen?

Unter dem Vorwand, medizinische Ausrüstung vergessen zu haben, entzog ich mich der Stasi-Überwachung. Ich rief aus einem Sportgeschäft in Hinterzarten meinen Fluchthelfer an. Über Steinheim bei Frankfurt fuhr ich mit seiner Hilfe ins Notaufnahmelager nach Gießen. Als ranghöchster Flüchtling der DDR empfingen mich die offiziellen Stellen und wollten Informationen.

Wie erging es Ihnen nach der Flucht?

Anfangs war der goldene Westen nicht so golden. Allerdings war der verhasste Klassenfeind überhaupt nicht klassenfeindlich gesinnt. Manchmal weiß man sich keinen anderen Ausweg, als zum vermeintlichen Feind zu fliehen.

Hatten Sie Angst vor einer Rückführung durch die DDR?

Ja. Ich wurde aus Sicherheitsgründen angewiesen, die Bundesrepublik nicht zu verlassen, nur hier konnte man mich schützen. In vielen Situationen fühlte ich mich verfolgt, reiste nie alleine, wechselte meine Routen und hatte mehrere Telefonnummern.

Kennen Sie Ihre Stasi-Akten?

Ja. Nach den ersten Seiten hörte ich jedoch auf zu lesen. Ich war entsetzt, wie viele frühere Freunde und Bekannte mich überwacht hatten. Ich schiebe das heute weg, aber lasse es nicht gänzlich los.

Verstehen Sie Neid und Missgunst, die Ihnen entgegenschlugen, ja auch heute noch entgegenschlagen?

Ich war privilegiert, genoss eine spezielle Förderung und lieferte dafür Leistungen ab. Aus diesem Grund musste ich linientreu sein. Dies konnte jedes Talent in der DDR nutzen und das macht man mir zum Vorwurf. Ich verstehe den Neid anderer, dass ich meine Privilegien zur Flucht nutzte, aber nicht deren Undankbarkeit. In der DDR-Bevölkerung existierte eine Art Hassliebe: Als Sportler wurden wir für unsere Erfolge geliebt und für die Privilegien gehasst. Es war eine Zwitterhaltung. Auch dieses Thema gilt es im Osten noch aufzuarbeiten.

Wie ist Ihr Kontakt in ihren Heimatort Brotterode?

Häufig besuche ich meine Eltern und Geschwister. Dort, wo ich herkomme, möchte ich einmal nicht mehr als Lügner bezichtigt werden. Ich baute mir in einem neuen System ein neues Leben auf, wie viele andere auch. Ich hoffe, das wird mir eines Tages verziehen.

Suchen Sie jetzt nach Rehabilitierung?

Mir ist es wichtig, dass meine Aussagen nach der Flucht über das flächendeckende Doping in der DDR nicht mehr als Lügen bezeichnet werden. Vor über 20 Jahren sagte ich die Wahrheit. Diese wird heute bestätigt, selbst Kinder wurden gedopt. Ich hoffe, jetzt wird alles aufgearbeitet. Selbst, wenn es noch zehn Jahre dauert, bin ich bereit, meinen Teil beizutragen.

Wer sollte dafür zur Rechenschaft gezogen werden?

Diejenigen, die ganz oben saßen. Dazu gehört der Bereich "Abteilungsleitung Sport", also Thomas Köhler für den Wintersport und Horst Röder für den Sommersport. Rudi Hellmann war die Verbindung zwischen dem Zentralkomitee der SED und dem Deutschen Turn- und Sportbund der DDR, er stand vor Gericht. Auch der Sportmedizinische Dienst trug die Verantwortung für den Leistungssport.

Wie ändert sich die persönliche Sicht auf ihre Erfolge?

Meine Medaillen stellte ich Museen zur Verfügung. Ich bin aber stolz auf meine Leistungen und werde sie persönlich nie in Abrede stellen. Trotz des Bewusstseins, durch Doping gegen die Regeln verstoßen zu haben, habe ich ein Stück Sportgeschichte mitgeschrieben.