Skisprung-Experte Gerd Siegmund: „Eine Absage wäre gravierend“

Erfurt.  Skisprung-Experte Gerd Siegmund aus Erfurt spricht im Interview über die Saison, deutsche Chancen und Thüringer Starter

Der Erfurter Skisprung-Experte Gerd Siegmund.

Der Erfurter Skisprung-Experte Gerd Siegmund.

Foto: AVIA Wintersport

Im polnischen Wisla vollziehen sieben deutsche Skispringer den Start in die neue Saison, die mit der Skiflug-WM in Planica (11. bis 13. Dezember), der Vierschanzentournee zum Jahreswechsel und der Heim-Weltmeisterschaft in Oberstdorf (23. Februar bis 7. März) drei Höhepunkte bereithält. Vor dem Auftakt sprachen wir mit Skisprung-Experte Gerd Siegmund aus Erfurt, einst selbst Weltcupsieger, über die Saison im Zeichen der Corona-Krise, deutsche Chancen und Thüringer Perspektiven.

Herrscht bei Ihnen schon Vorfreude oder doch eher Skepsis beim Blick auf den Skisprung-Winter?

Ich bin froh, dass es losgeht. Aber es sind natürlich gemischte Gefühle dabei. Normalerweise wäre ich in Wisla vor Ort. Aber da ich nicht mehr reisen will als nötig, verzichte ich diesmal schweren Herzens.

Die Weltcup-Saison beginnt mit drei Wettbewerben innerhalb von drei Wochen in Polen, Finnland und Russland. Kann der Plan angesichts der Corona-Krise aufgehen?

Ich hoffe, dass es funktioniert und alle gesund bleiben. Es wurde viel getan, um die Probleme zu beherrschen. Zum Beispiel mit Charterflügen sollen die Athleten zu den Weltcups transportiert werden, um somit die Kontakte zu minimieren.

In Wisla wird es die frenetischen polnischen Fans nicht geben, sondern eine Geisterkulisse. Was bedeutet das für die Athleten?

Alle Skispringer haben eine große Kulisse lieber als eine leere Arena. Manche aber, die Druck spüren, kommen so vielleicht besser zurecht. Anderen wiederum fehlt der Rückhalt der Fans als letzter Kick.

Ist es ohne Zuschauer also ein anderer Wettbewerb?

Nein, das würde ich nicht sagen. Als Skispringer hoffst du auf guten Wind und darauf, 0,1 Punkte mehr als die Konkurrenz zu haben. Und neu ist die Situation gar nicht. Die letzten Wettbewerbe der vergangenen Saison fanden im März in Oslo und Lillehammer wegen Corona ja auch schon vor leeren Kulissen statt, dann wurde die Raw-Air-Tour ja abgebrochen.

Ist es besser vor einer Geisterkulisse als gar nicht zu springen?

Ja, für die nationalen Verbände hätte eine Absage gravierende Folgen. Ohne Wettbewerbe würde es keine Fernsehbilder geben und deshalb auch keine Sponsoreneinnahmen. Das würde auf Dauer nicht gehen.

Welche Folgen hätte das für die Athleten?

Das sind Profis und in Deutschland in der Regel über Bundeswehr, Zoll oder Bundespolizei abgesichert. Aber Preisgelder und Prämien würden ja komplett wegfallen.

Ihr Sohn ist acht Jahre alt und inzwischen selbst Skispringer. Wie kompliziert ist momentan die Situation für den Nachwuchs im Sport?

Die Kinder spüren, wie schwierig die Situation überall ist. Auch wenn draußen aktuell für Kinder und Jugendliche das Training in Thüringen in der Regel wieder möglich ist, verlieren viele schnell die Motivation, wenn man dauerhaft keine Wettkämpfe machen kann.

Was bedeutet das aus Ihrer Sicht?

Ich sehe den Unterbau gefährdet. Die möglichen Folgen halte ich für bedenklich. Was da gerade ausgelöst wird und übrig bleibt, merken wir erst in zwei, drei Jahren.

Welchen Einfluss hatte die Corona-Krise auf die Vorbereitung der deutschen Springer?

Die deutsche Mannschaft ist sehr gut vorbereitet, da mache ich mir überhaupt keine Gedanken. Wie ich gehört habe, hat Markus Eisenbichler im Training schon sehr gute Sprünge gezeigt. Und auch Karl Geiger wird das Springen nicht verlernt haben.

Wer könnte überraschen?

Martin Hamann aus Aue hat im Sommer starke Leistungen gezeigt und einen riesigen Schritt gemacht. Jetzt bin ich gespannt, wie er im Weltcup zurechtkommt.

Und Andreas Wellinger? Was trauen Sie ihm zum Comeback nach seinem Kreuzbandriss zu?

Er ist trotz starker Trainingsleistungen im Sommer noch nicht am Ende des Weges und zum Saisonauftakt nicht unbedingt der Kandidat für erste Plätze. Aber er wird sich genauso wie Severin Freund selbst den Druck machen, um wieder vorn anzugreifen.

Was erwartet Sie von den deutschen Springern bei den drei Höhepunkten des Winters?

Bei jedem dieser Wettbewerbe geht es darum, eine Medaille zu gewinnen. Im vergangenen Winter war Deutschland die beste Mannschaft, das gilt es zu verteidigen. Und dass es auch darum geht, um den Gesamtsieg bei der Vierschanzentournee mitzuspringen, ist eigentlich logisch.

Bei den Frauen beginnt der Weltcup erst im Januar. Was bedeutet das?

Das ist extrem bitter, zumal der Kalender ja auch ohne die coronabedingten Absagen der Wettbewerbe in Lillehammer, Sapporo und Yamagata schon extrem dünn war. Dabei finden viele Mädchen das Skispringen inzwischen richtig cool. Im Thüringer Nachwuchs gibt es viele Trainingsgruppen, in denen 50 Prozent Jungen und 50 Prozent Mädchen trainieren. Auf lange Sicht mache ich mir hier weniger Sorgen um die Skisprungfrauen.

Wann schafft es bei den Männern wieder ein Thüringer ins Weltcupteam?

Justin Lisso aus Schmiedefeld hatte zuletzt mit seinen Verletzungen Pech. Aber er könnte es mit seinem Talent am ehesten schaffen.

Wie bewerten Sie die Bedingungen in Oberhof nach dem Umbau der Schanzen?

Die halte ich für phänomenal. Da ist jetzt alles da, was man braucht. Bis nun aber junge Leute ganz oben anklopfen, da braucht es sicher noch drei, vier Jahre.

Skispringen im TV: Samstag und Sonntag, jeweils 16 Uhr, ARD und Eurosport