Skisprung-Idol Aschenbach stellte in Erfurt sein Buch vor

Hans-Georg Aschenbach hält Entschuldigung von Katarina Witt für angebracht. Das 60-jährige einstige Thüringer Skisprung-Idol debattierte in einer Erfurter Runde über seine Autobiografie "Euer Held. Euer Verräter."

In der Erfurter Schokoladen-Manufaktur "Goldhelm" präsentierte Hans-Georg Aschenbach sein Buch. Foto: Sascha Fromm

In der Erfurter Schokoladen-Manufaktur "Goldhelm" präsentierte Hans-Georg Aschenbach sein Buch. Foto: Sascha Fromm

Foto: zgt

Warum schrieben Sie das Buch?

Vor gut einem Jahr bei einer Geschichtsmesse in Suhl wurde ich vor 700 Leuten von einem Teil des Publikums mit Fragen attackiert: Warum bist Du damals in den Westen gegangen? Warum hast Du Deine Familie alleingelassen? Darauf wollte ich antworten. Alles, was mich als Mensch 60 Jahre ausgemacht hat, habe ich, angeregt durch meine Frau Regina, aufgeschrieben. Gut, vielleicht kommen die Privilegien etwas zu kurz.

Warum sind Sie 1988 in den Westen geflohen?

Eigentlich wollte ich alt werden in dem DDR-System, das für mich ein goldener Käfig war. Ich war Eigenbrötler und in Armee-Uniform isoliert. Erst in einem einem langen Prozess nach dem Sport - durch Gespräche im Medizinstudium oder mit einem Freund beim Mangelwirtschafts-Hausbau in den 1980er-Jahren - habe ich gemerkt, wie unfrei die Leute waren.

Welche Gedanken kamen Ihnen beim Lesen Ihrer Stasi-Akte?

Es hat mich umgeworfen, was auf 2000 Seiten zusammengetragen wurde. Klar, ich war, so gut es ging Individualist, wurde aber als arrogantes Arschloch mit kleinbürgerlichen Tendenzen eingeschätzt. Manche Leute taten das aus Druck, andere um sich Vorteile zu verschaffen. Bei einigen Leuten habe ich es geahnt, bei anderen gar nicht.

Hatten Sie angesichts der Fälle Jörg Berger und Lutz Eigendorf Angst, dass die Stasi nach Ihrer Flucht zurückschlägt?

Ich denke, sie hätten mich irgendwann geholt. Sie hatten detaillierte Pläne von meiner Unterkunft in Freiburg im Breisgau. Ein damaliger Freund war auch beauftragt, mich zu betäuben und im Pkw zurückzubringen. Aber 1989 gab’s für die Wichtigeres als mich. Das DDR-Volk, das dann auf die Straße ging, hat mir den Arsch gerettet, obwohl ich es verraten hatte.

War der Westen das Paradies?

Nein, ich habe kämpfen müssen, hatte mich bei Mercedes und Dutzenden Kliniken beworben - erfolglos. Oft spielte wohl auch das Verräter-Klischee eine Rolle. In Freiburg, an der Klinik von Professor Klümper, fasste ich später Fuß, und fand zu mir selbst und meine neue Frau. Davor dachte ich oft an Rückkehr.

Sie machten 1989 auch als erster geflohener Sportler in der Bild-Zeitung gegen 80.000 Westmark Honorar DDR-Dopingpraktiken öffentlich. Was bewegte Sie, neben dem Geld, dazu?

Ich wollte Kontra geben, weil die Stasi mich geärgert hat. Sie hatte meine Familie, die dann nur unter Hilfe von Rechtsantwalt Vogel und der Uno freikam, nicht ausreisen lassen. Das war meine Rache. Sicher: Einiges war überspitzt und manche Details stimmten nicht. Aber die Entwicklung danach - der entdeckte Dopingstaatsplan 14.25 sowie Verurteilungen von Ärzten - leider traf es oft nur die - und Funktionären bestätigte mich.

DDR-Spitzensportler wie Katarina Witt, Kristin Otto, Jens Weißflog oder Ruth Fuchs überzogen Sie damals mit Häme, verneinten die Dopingpraktiken.

Ein Wort der Entschuldigung, wenn auch noch so klein, würde guttun. Denn es hat sich ja einiges bestätigt. Ich würde in solch einem Fall ein schlechtes Gewissen haben.

Sie schreiben auch, Sie haben selbst gedopt. Nahmen unter Aufsicht eines Aufpassers die berühmten blauen Pillen. Der Österreicher Toni Innauer, damals in Innsbruck geschlagen, fordert nun Olympia-Gold zurück. Was entgegnen Sie ihm?

Ja, ich habe gedopt. Indem ich das zugebe, wird meine ganze Leistung infrage gestellt, obwohl diese durch Doping um höchstens fünf Prozent gesteigert wird. Zudem ist Doping Definitionssache: Die Österreicher hatten mit neuem Material und Helmen Paroli geboten. Das war auch hochgradig umstritten. Andere DDR-Sportler haben sich zum Schritt entschlossen, die Medaille freiwillig zurückzugeben. Ich kann das nicht.

Hat Doping im Skispringen überhaupt etwas gebracht?

Sicher. Aber zu unserer Zeit wurde abenteuerlich experimentiert: 1975 haben wir DDR-Springer uns mit Oral-Turinabol international ruiniert. Wir hatten Kraftzuwachs, nahmen aber zehn Kilo zu und plumpsten regelrecht von der Schanze. Da haben wir 15 Springer der Nationalmannschaft hinter vorgehaltener Hand ausgemacht: Das lassen wir. Aber so eine Gemeinschaft war leider eher selten. Es herrschte ein Klima der Leistungssucht. Ich vornweg.

Sie sprechen sich für ein deutsches Antidoping-Gesetz aus - bringt das etwas?

Eine rechtliche Grundlage wäre sicher gut. Die Angst vor Verantwortung ist dann größer. Ich bezweifle aber, dass auf Anhieb weniger gedopt wird. Sport als Beruf ist genauso ein Motiv wie eben diese Siegessucht. Ich hätte zum Beispiel liebend gern vor Kurzem bei der Senioren-Ski-WM kontrolliert.

Sie waren einst TV-Experte. Haben Sie noch Ambitionen?

Ich war den ARD-Chefs zu kritisch, musste deshalb weg. Ich bin nicht mehr böse drauf, verfolge die Springen daheim.

Ist ein Aschenbach, Weißflog oder Hannawald in Sicht?

Es wird nicht grundlegend vorwärtsgehen, wenn die alten aufgeblähten Hierarchien fortbestehen und weiter technisch falsch trainiert wird. Warum war Wolfgang Steiert als Trainer erfolgreich? - Weil er mit den Jungs im Schwarzwald in Ruhe individuell arbeiten konnte. In Deutschland, glaube ich, ist die Zeit des Leistungssports aber eh vorbei. Die große Motivation ist weg, Idealismus nur noch an wenigen Stellen zu finden.

Ist die neue Sportler-Generation aber vielleicht besser vor Gefahren wie Doping gefeit?

Das glaube ich nicht. Wenn ich nur an China denke - das ist DDR-Sportpolitik hoch zehn. Dort, wo der einzelne Mensch wenig zählt, ist die Gefahr immer präsent. Vielleicht arbeitet ja die Zeit gegen das Doping: In 50 Jahren ist es nicht mehr wichtig, wie schnell jemand läuft oder wie weit einer springt. Da wird die Welt andere Sorgen haben - ich komme vom Thema ab.

Sind Sie glücklich?

Ja. Das mag esoterisch klingen: Im Gegensatz zu den vielen Jahren zuvor sind Denken, Fühlen und Handeln bei mir nun im Einklang. Ich habe mich gefunden. Ich will nicht als Olympiasieger gesehen werden, sondern als Mensch mit allen Facetten.

Haben Sie Hobbys?

Etwas Sport für die Fitness - die Waage nutze ich täglich. Und ich habe eine Harley, mache damit den Schwarzwald unsicher. Obwohl ich gar nicht mal so gern Motorrad fahre. Aber die Freunde, mit denen ich dann unterwegs bin, sind wichtig.

Zur Person

Hans-Georg Aschenbach wurde 25. Oktober 1951 geboren. Er galt bis zur Ära von Jens Weißflog als bester deutscher Skispringer. Skiflug-Weltmeister 1973, Vierschanzentourneesieger 1973/74, Doppel-Weltmeister 1974, Olympiasieger 1976 - dies sind nur einige seiner Erfolge.

Im August 1988 floh der Mediziner bei einem Aufenthalt in Hinterzarten als DDR-Mannschaftsarzt in den Westen, holte seine Ehefrau Elke sowie die Kinder Nico und Sue im Herbst 1989 nach. Die Ehe wurde kurz darauf dennoch geschieden.

Seit 1994 ist er in zweiter Ehe mit Regina verheiratet. Als Arzt ist Aschenbach in Freiburg im Breisgau ansässig.

Im Mitteldeutschen Verlag veröffentlichte er nun seine Autobiografie "Euer Held. Euer Verräter." (19,95 Euro).

Zu den Kommentaren
Im Moment können keine Kommentare gesichtet werden. Da wir für Leserkommentare in unserem Internetauftritt juristisch verantwortlich sind und eine Moderation nur während unserer Dienstzeiten gewährleisten können, ist die Kommentarfunktion wochentags von 22:00 bis 08:00 Uhr und am Wochenende von 20:00 bis 10:00 Uhr ausgeschaltet.