Start und Ziel vor der Haustür

Eisenach.  Wie sich Ausdauersportler der Region an der Aktion „Rennsteigläufer@home“ beteiligen.

Holger Sakuth (links) mit seinen Lauffreunden Karl-Heinz Wiesemann, Christian Lemm, Fred Dell, Guido Nothnagel und Thomas Möller. 

Holger Sakuth (links) mit seinen Lauffreunden Karl-Heinz Wiesemann, Christian Lemm, Fred Dell, Guido Nothnagel und Thomas Möller. 

Foto: Privat

Seit 1980 ist der Rennsteiglauf nahezu ein Pflichttermin im Sportkalender von Holger Sakuth. In diesem Jahr hätte seine 40. Teilnahme angestanden. „Eine tolle Laufparty über 73,9 km und danach im Schmiedefelder Festzelt waren fest eingeplant. Die Startnummern waren geordert – die Nr. 40 für mich, die Startnummern 401, 402 für die besten Lauffreunde aus meinem Team, dem M&H-Rennsteigteam“, erzählt der Eisenacher. Und natürlich wollte die M&H-Crew, wie zu Sakuths 30. Rennsteiglauf, das große Feld nach dem Start am Eisenacher Markt durch die Karlsstraße führen.

Doch dann kam der 20. März, der Rennsteiglauf 2020 wurde ersatzlos gestrichen. Die offizielle Absage hatte sich abgezeichnet, weshalb der Steuerberater sagt: „Für mich persönlich war der virusbedingte Verzicht 2013, als ich mit Fieber in der Nacht vor dem Lauf wach wurde, viel viel schlimmer. Da gab es echt stille Tränen.“ Schließlich riss damals seine Serie ununterbrochener Starts bei Europas größtem Crosslauf.

Ein Jahr aussetzen, das kam für Sakuth diesmal nicht in Frage. Erste spontane Idee war, dann eben allein nach Schmiedefeld. „Als aber die Aktion Rennsteigläufer@home ins Leben gerufen wurde, wollte ich dann doch den Bitten der Veranstalter folgen, nicht auf die Originalstrecke zu gehen. Schließlich bin ich ja auch Mitglied des Rennsteiglaufvereins“, sagt der von der Insel Rügen stammende Wahl-Eisenacher. Er plante für sich und sein Team, eine eigene Supermarathonstrecke über Hörschel in Richtung Treffurt. Bequemerweise mit Start und Ziel bei ihm vor der Haustür am Eisenacher Petersberg. Nachteil der Strecke: Viel Asphalt. Vorteile: Bei weitem nicht so bergig wie auf dem Rennsteig und 5 Uhr aufstehen reichte. Fünf M&H-Läufer folgten seinem Ruf. Hinzu kam der Berkaer Christian Lemm, mit dem Sakuth bei der Streckenerkundung ins Gespräch gekommen war. Standesgemäß ging es zum vorgesehenen Termin des Klassikers pünktlich 6 Uhr los – unter der Vorgabe, der langsamste Läufer bestimmt das Tempo. An neun geplanten Versorgungspunkte, die eigentlich nur zum Wasser auffüllen vorgesehen waren, hatten die Beteiligten alles vorbereitet, was das Läuferherz begehrt. Sei es Leberwurstbrot, Wiener Würstchen oder die auf dem Höhenweg beliebten Salzbrezeln. Auch auf das gut gekühlte Bier vier Kilometer vor dem Ziel, an dieser Marke gibt es den Gerstensaft auch bei Rennsteigläufern, musste die Truppe nicht verzichten.

Und dann warteten zur Überraschung noch vier Verpflegungsstellen von Läufern aus der Region. Unter anderem revanchierten sich die Treffurter, nachdem Sakuth bei deren Werratal-Marathon für Flüssigkeitsnachschub gesorgt hatte. „So war es kein Wunder, dass wir von 10:29 Stunden Gesamtzeit doch etwa eine Stunde und 20 Minuten bei den Zwischenstopps verbrachten. Und aus meinem Verpflegungsbeutel habe ich nur zwei Energiegels verbraucht, eines für mich und eines für einen meiner Sportfreunde“, schildert Sakuth. Im Ziel blickten alle etwas verwundert auf die vier GPS-Geräte, die eine Abweichung von 1,5 Kilometer aufwiesen. Man entschied sich für den Mittelwert für die offizielle Zeit, was jedoch bei diesem ganz besonderen Rennsteiglauf eher nebensächlich war.

Ganz in Familie bestritt Dominik Koch seinen Ersatz-Rennsteiglauf. Gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Sabine Schneider und Töchterchen Elisa, die der 46-Jährige im Babyjogger über die Strecke zog, ist der Athlet vom TV Barchfeld eine 11-Kilometer-Runde von Eisenach hoch zum Rennsteig und zurück zweimal gelaufen. Dabei ging es für den erfolgreichen Läufer diesmal nicht um Top-Platzierungen und Rekordzeiten. Einfach nur Freude haben und ein wenig an den Rennsteiglauf denken, war sein Motto. Das ist den dreien vollauf gelungen. In 1:45 Stunden hatten Vater, Mutter und Töchterchen die 21,2 Kilometer mit 330 Höhenmetern absolviert. Für die junge Frau war es zudem ein gelungenes Debüt auf der Halbmarathon-Distanz.

Auch für den 40-jährigen René Scheffel, der bereits an vier Rennsteigläufen teilgenommen hat, stand nach der Absage sofort fest: „Wenn ich nicht auf den Rennsteig kann, muss er zu mir nach Siebleben kommen“. Der gelernte Zahntechniker hatte sich gezielt vorbereitet. „Seine größte Angst war die Eintönigkeit der Strecke“, erzählt seine Frau Olivia. Um die 73,9 km des Supermarathons zurückzulegen, lief er sieben Runden um Siebleben. Er startete 6 Uhr mit Laufkumpel André als Radbegleitung. Unterwegs wurde von seinen Freunden und Bekannten angefeuert, die Familie sicherte die Verpflegung ab und zwischendurch fungierte auch Sieblebens Ortsteilbürgermeister als Radbegleiter, so dass es für Scheffel ganz und gar nicht eintönig wurde. Nach 7:32 Stunden erreichte er unter tosendem Beifall und sichtlich erleichtert das Ziel.

Viele ähnliche Aktionen gab es nicht nur in ganz Deutschland, sondern weltweit. Alle Teilnehmer eint die Liebe zum GutsMuths-Lauf und die Hoffnung, dass dieser erste „Rennsteiglauf daheim“ auch der letzte bleibt.