Thüringer in Tokio: „Unser Pulver war verschossen“

Erfurt.  Die Top-Läufer Jürgen May, Manfred Matuschewski und Siegfried Herrmann rannten bei den Olympischen Sommerspielen 1964 ihren Ansprüchen hinterher.

Olympische Sommerspiele 1964 in Tokio. Jürgen May im Vorlauf über 1500 Meter.

Olympische Sommerspiele 1964 in Tokio. Jürgen May im Vorlauf über 1500 Meter.

Foto: imago/Horstmüller

Nein, in Japan war Jürgen May nie wieder. Seit 1964, als sich sein Traum von Olympia erfüllte. „Es war auch ein Traumland – exotisch, tolles Essen, Hightech, das Gewusel in den Gassen der Altstadt…“, erinnert sich der 77-Jährige. Doch sportlich gesehen hielten die Sommerspiele für die drei mitfavorisierten Thüringer Läufer – May sowie seine Mitstreiter Manfred Matuschewski und Siegfried Herrmann – kein Happy-End bereit. Das hatte einen Hauptgrund: „Wir hatten unser Pulver schon in der deutsch-deutschen Ausscheidung verschossen“, sagt der gebürtige Nordhäuser, der wie die anderen bei Ewald Mertens in Erfurt trainierte. In einer Truppe, die sowohl 1963 als auch 1965 zu Weltrekorden stürmte und die Massen begeisterte. Oft mehr als die Fußballer.

Doch im Olympia-Jahr stand, sechs Wochen vor Tokio, die interne Qualifikation an. Im kalten Krieg. „Da mussten wir in Hochform sein, um gegen die starken Westdeutschen zu bestehen“, blickt May auf die „nervenaufreibenden Rennen“ in Westberlin und Jena zurück. Die meisterte das Trio mit Bravour. Doch dann Richtung Tokio „haben wir uns ein Stück weit leer gefühlt.“

Hinzu kam die ungewohnte hohe Luftfeuchte. Für May war es, mit 22, der erste große Auslandsstart. „Und ich habe Lehrgeld gezahlt“, sagt er und lächelt heute darüber milde. Als Achter schied er über 1500 Meter in seinem Halbfinale aus.

Seinem Turbine-Klubkameraden Manfred Matuschewski erging es nicht besser: Der aus Weimar stammende „Millimeterläufer“ – so genannt, weil er sich oft hauchdünn mit den letzten Spurtschritten den Sieg sicherte – kam nicht über Rang vier im Halbfinale über 800 Meter hinaus. Drei Zehntel fehlten zum Endlauf. Und Siegfried Herrmann lief über 10.000 Meter als Elfter ein. Gut eine Minute hinter dem indianischen US-Sieger Billy Mills.

Überhaupt, Olympia stand für das Thüringer Trio nie unter einem guten Stern: 1956 in Melbourne schied Herrmann über 1500 Meter in Top-Form aus. Dem gebürtigen Unterschönauer, später achtfacher DDR-Meister, riss im Vorlauf die Achillessehne. Matuschewski wurde in Rom 1960 immerhin Sechster über 800 Meter. Der spätere Europameister (1962,d 1966) blieb dort jedoch unter seinen Möglichkeiten.

Ein Traumjahr erwischten die Thüringer in der Saison nach Tokio: May rannte am 14. Juli 1965 in Erfurt auf dem legendären TVI-Sportplatz Europarekord über 1500 Meter (3:36,4 min), eine Woche später an gleicher Stelle gar Weltrekord über 1000 Meter in 2:16,2 min. Herrmann ließ es dort am 5. August krachen: Weltrekord über 3000 Meter in 7:46,0 min. May gelang es zudem in einem denkwürdigen 1500-m-Rennen in Prag, sämtliche Tokio-Medaillengewinner zu bezwingen. Allen voran Doppel-Olympiasieger Peter Snell. Vom spurtschnellen Neuseeländer und den Ideen seines legendären Trainers Arthur Lydiard, den die Erfurter 1964 kennenlernten, hätte er „trainingsmethodisch enorm profitiert“, sagt May.

Mays Flucht in den Westen

Doch olympische Meriten blieben ihm verwehrt, aus anderem Grund – dem „Schuhkrieg“ 1966 hatte May zur EM einem DDR-Teamkameraden empfohlen, mit Puma- statt Adidas-Spikes zu laufen – und dafür 500 Westmark Handgeld kassiert. Als das aufflog, sperrte die DDR-Sportführung May lebenslang. Seinen Titel „Sportler des Jahres“ musste er an Fußballer Peter Ducke abtreten. Seinen Job als Volontär bei der Tageszeitung „Das Volk“ war er los. 1967 floh May mit seiner Freundin über Ungarn in den Westen – hinterm Armaturenbrett eines US-Straßenkreuzers zitternd. „Wir hatten Todesängste.“

Seine Sperre lief erst nach Mexiko 1968 ab. Wenig später rannte er Jahresweltbestzeit. Und so nahm er 1972, für die Bundesrepublik startend, nochmals Anlauf. Doch „nach einem Seuchenjahr“ kam er in München über 5000 Meter nicht über den Vorlauf hinaus. „Ich spürte, meine Zeit war vorbei.“

Auch Matuschewskis Karriere erlitt später, als Trainer, einen bösen Knick: Als sein Sohn eine westdeutsche Frau heiratete, fiel er beim DDR-Verband in Ungnade. Er wurde zum sportmedizinischen Dienst abgeschoben – Verbindungsmann auch für Dopingfragen. Dies brachte ihm nach der Wende einen Strafbefehl in Höhe von 5000 Mark ein.

Im Prinzip glänzte Olympia letztlich nur für Siegfried Herrmann golden: Als späterer Trainer führte er den im April verstorbenen Hartwig Gauder 1980 in Moskau zum Triumph im 50-km-Gehen.

Während Coach Herrmann 2017 mit 84 Jahren starb und Matuschewski, mittlerweile 80, mit seiner vierten künstlichen Hüfte in Berlin lebt, fühlt May sich fit. Er wagte nach der Karriere im hessischen Rodenbach einen Neuanfang, war lange Zeit Amtsleiter für Bildung, Kultur und Sport in Hanau, förderte als Trainer viele Talente. Mindestens viermal pro Woche Sport lautet das Credo des 77-Jährigen. Drei Kilometer Joggen im Spessart, Fitnessstudio, Skifahren – auch mit Ehefrau, Touren mit dem Mountainbike, sogar in den Dolomiten. Auch ohne Olympia-Medaille: „Ich hatte viel Glück im Leben“, bilanziert er. „Was wäre, wenn wir auf der Flucht erwischt worden wären?“

In Erfurt, wo er sich einmal jährlich mit alten Teamkameraden trifft, erlebte er vor kurzem das Hallenmeeting, war begeistert von der Jahresweltbestzeit Marc Reuthers über 800 Meter. „Da kann sich was entwickeln.“ Doch generell gelte: „Im Laufbereich sind die deutschen Männer schwach auf der Brust.“ „Aber einem Großteil der Weltspitze traue ich nicht über den Weg“, spielt er auf das Dopingthema an.

Nein, nach Japan zieht es ihn nicht noch einmal. Aber nach Neuseeland. Auch wenn ihn der Tod von Olympia-Ikone Peter Snell (80), zu dem er lange brieflich Kontakt hatte, im Dezember 2019 tief erschütterte. „Eine Reise dorthin reizt mich dennoch. Träume muss man haben, ein Leben lang – und man muss versuchen, sie zu verwirklichen.“