Toller Flug über 100 Meter bei Oberhofer Schanzen-Weihe

Oberhof. Ein junger Kombinierer stellt auf der neuen "kleiner" Anlage ersten inoffiziellen Rekord auf. Die Baukosten liegen bei zwölf Millionen Euro.

Ein Stück Sportgeschichte: Kombinierer Philipp Blaurock vom SV Biberau sprang 101 Meter auf der neu gebauten Normalschanze (hinten links). Auf der Großschanze (hinten rechts) fehlen noch die Matten und die Anlaufspur. Foto: Alexander Volkmann

Foto: zgt

Die Augen von Philipp Blaurock leuchteten, er lächelte und ballte mehrfach die Faust. "Es war ein Traum, ein angenehmes Fluggefühl", sagte der Nordische Kombinierer. Um 10.22 Uhr hatte der 23-Jährige gestern mit seinem Sprung die neu gebaute Normalschanze im Oberhofer Kanzlersgrund eingeweiht.

Der mächtige Satz des Kombinierers ließ die gut 150 Schaulustigen mit der Zunge schnalzen: Der Waldauer, der für den SV Biberau startet und in Oberhof wohnt, schwang sich beherzt in die edelweiße Keramik-Anlaufspur (die im Winter vereist werden kann), nahm Geschwindigkeit auf, hob am majestätisch wirkenden Tisch ab - und landete sicher auf den grünen, aus finnischer Produktion stammenden Matten bei 101 Metern. Der erste inoffizielle Schanzenrekord war perfekt.

Denn die folgenden 20 Spezialspringer und Springerinnen sowie Kombinierer aus verschiedenen Wintersport-Regionen Deutschlands, die ihren ersten Lehrgang am Rennsteig bestreiten, kamen nicht an die Weite heran. "Ich freue mich vor allem, endlich wieder daheim springen zu können", verriet Blaurock, der sonst zum Training nach Oberstdorf oder Klingenthal fahren musste, weil seit 2010 keine Sprünge auf den maroden Kanzlersgrund-Anlagen möglich waren.

Edelmann musste Weihe-Sprung absagen

Eigentlich sollte Weltklasse-Kombinierer Tino Edelmann diesen Weihe-Sprung vollführen. Doch der Zella-Mehliser weilt zum Lehrgang in Italien. Und so drückte Edelmanns Vater Klaus, der Landestrainer, dem im Contintalcup um Top-10-Plätze kämpfenden Blaurock das Startnummer-Leibchen mit dem Datum "13.10.14" in die Hand.

"Es war mir eine Ehre, ein bisschen Sportgeschichte zu schreiben. Und ich bin dankbar, dass dieses Projekt - wenn auch spät - für unsere Sportart verwirklicht wurde", sagte der zur Landespolizei-Sportfördergruppe gehörende Blaurock. Die neue Thüringer Schanze mit dem sogenannten kritischen Punkt von 100 Metern erinnert ihn an den modernen 90-m-Bakken in Oberstdorf. "Der Luftstand ist nicht so hoch, es sind elegante Sprünge möglich."

Blaurocks persönlicher Rekord stammt auch aus Oberstdorf - 139 m auf der großen Anlage. Bis er den in Oberhof in Angriff nimmt, muss er sich aber noch gedulden. Denn es verzögert sich noch bis mindestens Jahresende, dass die große Hans-Renner-Schanze komplett saniert sein wird. "Wir arbeiten mit Hochdruck daran, müssen aber auf gutes Wetter hoffen", sagt André Lange, Chef der Wintersport-GmbH. Das Profil des Aufsprunghangs wurde bereits nach neuesten Erfordernissen verändert. Die Anlaufspur muss noch neu montiert werden, und der Mattenbelag fehlt noch.

Großschanze soll bis Jahresende fertig werden

"Es gab viele Probleme mit dem Hang. Es wird aber alles Schritt für Schritt", sagte Oberhofs Bürgermeister Thomas Schulz und sprach ungeachtet der Verzögerungen angesichts der fertigen kleinen Schanze von "einem glücklichen Moment. Der Freistaat Thüringen hat nun wieder die Möglichkeit, seine einstige Rolle als Kaderschmiede des Skispringens zurück zu gewinnen und zu behaupten", sagte Schulz.

Insgesamt werden die Anlagen im Kanzlersgrund zwölf Millionen Euro kosten. Die tragen zum größten Teil Land und Bund, aber auch der Landkreis steuert einiges bei.

Wann wieder Großereignisse in Oberhof über die Schanzen gehen, ist offen. Ursprünglich sollten schon die deutschen Meisterschaften dieses Jahres Anfang August stattfinden, mussten dann aber nach Hinterzarten verlegt werden. Nächstes Jahr folgt ein neuer Anlauf - aber Weltcups sind vorerst angesichts voller Terminkalender und weltweit gewachsener Konkurrenz außer Sicht.

"Ich bin jedoch sicher, über kurz oder lang kommt das wieder", prophezeit Sven Schmidt. Dem Landestrainer der Spezialspringer war die Erleichterung gestern deutlich anzusehen. "Unsere Sportler haben endlich wieder eine Super-Perspektive", sagt er und gesteht nach dem Weggang vieler Talente in den letzten Jahren ein: "Wir sind gegenwärtig etwas schwach auf der Brust."

Nun aber habe Thüringen "die modernste Normalschanze der Welt - ein großes Lob! Die Springer fühlen sich, so mein erster Eindruck, richtig wohl", sagt der Brotteröder Trainer.

Landestrainer spricht von unschlagbaren Argumenten

Architekt Hans-Martin Renn - zugleich Chef der zuständigen Kommission im Weltverband Fis - überreichte gestern den Oberhofern zugleich ein Zertifikat, dass die neue Schanze bis 2019 international tauglich ist.

Schmidt wird mit seinen Schützlingen bis zum Winter noch jeweils 70 bis 80 Heimsprünge absolvieren. "Mit der Anlage werden nun jene Talente belohnt, die sich trotz aller Widrigkeiten durchgebissen haben und in Oberhof geblieben sind", hebt der Trainer den Schmiedefelder Tim Heinrich hervor.

Schmidt hat auch die Hoffnung nicht aufgegeben, dass einige abgewanderte Sportler zurückkehren. "Oberhof hat mit den Schanzen und dazu der Skihalle unschlagbare Argumente."

Und was sagt der zu Blaurocks 101 Metern? - "Die sind gut, aber 111 Meter sind drin", glaubt Schmidt. Bürgermeister Schulz fügt aber warnend an: "Es soll nur Bestleistungen geben, keine Unfälle."

Sprung-Historie im Kanzlersgrund:

  • Die Hans-Renner-Schanze (Baujahr 1959 bis 1961/ kritischer Punkt 140 m) war die größte Skisprung-Anlage der DDR. Die kleinere Rennsteigschanze (HS 96) wurde von 1983 bis 1987 erbaut.
  • Die Weltcups in Oberhof erlebten namhafte Sieger: Ole Gunnar Fidjestoel (Norwegen), Jens Weißflog (Oberwiesenthal), Dieter Thoma (Schonach), Mika Laitinen (Finnland), Andreas Widhölzl (Österreich).
  • Letzter Sommer-Grandprix-Sieger war Polens Star Kamil Stoch 2007.
  • Die Oberhofer Schanzenrekorde halten Anssi Koivuranta (Finnland) mit 147 Metern beziehungsweise Jens Deimel (Winterberg) mit 100 Metern.
  • In den letzten Jahren wurden die Schanzen immer baufälliger. Als Folge fand nach der Saison 2009/10 kein Weltcup mehr in der Kombination statt. 2011 wurde beschlossen, die Schanze in den nächsten beiden Jahren zu renovieren. Die Normalschanze wurde komplett neu gebaut. Die Großschanze wird weiterhin renoviert.

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