Viel Applaus: Kristina Vogel wird Zweite bei der Wahl zur „Sportlerin des Jahres“

Baden-Baden  Es war ein grandioser Abend für die gelähmte Bahnradsportlerin Kristina Vogel: Sie wird Zweite bei der deutschen Sportlerumfrage und als Vorbild geehrt . Angelique Kerber wird dank des Wimbledonsieges „Sportlerin des Jahres“.

Kristina Vogel küsst in Baden-Baden ihren Lebensgefährten Michael Seidenbecher, der die große Stütze im Leben der Olympiasiegerin ist.

Kristina Vogel küsst in Baden-Baden ihren Lebensgefährten Michael Seidenbecher, der die große Stütze im Leben der Olympiasiegerin ist.

Foto: Alexander Hassenstein

Sie sah schick aus, trug ein weißes Kleid und auch glitzernde Schuhe in dieser Farbe. Die blonden Haare wehten, als Kristina Vogel Sonntagabend in den Festsaal des Kurhauses in Baden-Baden rollte. Die Erfurterin wurde umarmt und gedrückt, grüßte links und rechts, lachte am Tisch, beim Fahrstuhl, in Nähe der Bar. Und auf der Bühne.

Gleich zwei Mal wurde die erfolgreichste Bahnradsportlerin aller Zeiten, die 2018 zwei Mal WM-Gold gewonnen hatte, ausgezeichnet. Bei der Wahl zur Sportlerin des Jahres belegte die zweimalige Olympiasiegerin und elffache Weltmeisterin den zweiten Platz hinter Wimbledon-Siegerin Angelique Kerber und vor Biathlon-Olympiasiegerin Laura Dahlmeier.

Sie reihte sich damit ein in die Thüringer Schar – Heike Drechsler, Kati Wilhelm, Nils Schumann, Daniel Becke und Ronny Ackermann –, die in den vergangenen Jahren einen Spitzenplatz bei der Abstimmung unter den deutschen Sportjournalisten belegt hatten.

Sparkassenpreis für„Vorbilder im Sport“

Als wunderbare Zugabe erhielt Kristina Vogel, die seit einem Trainingsunfall am 26. Juni ab dem siebenten Brustwirbel abwärts gelähmt ist, noch den diesjährigen Sparkassenpreis für „Vorbilder im Sport“. Weil sie als Persönlichkeit durch sportliche Erfolge, Fairness und charismatisches Auftreten jungen Sportlern und der Gesellschaft ein Vorbild sei, so die Begründung. Wie die Thüringerin ihr Schicksal annehme, wie sie weiter eine positive Lebenseinstellung habe, „inspiriert nicht nur das Umfeld“, sagte Helmut Schleweis, Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes. Frühere Gewinner waren unter anderem Schwimmerin Britta Steffen sowie die Paralympics-Siegerin Verena Bentele.

Die Hälfte des mit 40.000 Euro dotierten Preises will Kristina Vogel an ihre ehemaligen Vereine – den SV Sömmerda und den RSC Turbine Erfurt – sowie an den Thüringer Behinderten- und Rehabilitations-Sportverband verteilen. „Diese Unterstützung ist mir eine Herzensangelegenheit“, sagte die 28-Jährige. Sie war aus Mainz gekommen, wo sie ein beeindruckender Gast im ZDF-„Sportstudio“ war, ihren wackeren Manager Jörg Werner beim Torwandschießen aber vergeblich anfeuerte. Einige Zentimeter fehlten ihm für einen Volltreffer.

In Baden-Baden war zu spüren, wie wohl sich Kristina Vogel im Kreis der Sportfamilie fühlt. Mit einigen Athleten hatte sie jahrelang trainiert und gekämpft, mit manchen gebangt und gefeiert. Die Thüringerin war durch ihre offene Art stets beliebt, nun bekommt sie reichlich von der freundlichen Herzlichkeit als innige Anteilnahme und Hilfe zurück.

Kann sich sogar auf andere Dinge als früher konzentrieren

Immer wieder vermittelte sie zuletzt die mutmachende Botschaft: „Ich kann zwar nicht mehr laufen, aber mein Leben geht trotzdem weiter“. Ja, sie könne sich nun sogar auf andere Dinge als früher konzentrieren. Zwar würden die Worte „ich fühle mich frei“ schwierig klingen, aber 18 Jahre Hochleistungssport hätten nicht nur große Anstrengung, sondern auch enormen Druck bedeutet. „Weil ich ja auch immer gewinnen wollte“.

Eine mehr als fünfmonatige Rehabilitation im Unfall-Krankenhaus in Berlin liegt hinter ihr. Am Freitag wird sie nach Hause entlassen und die Reha dann ambulant in der Hauptstadt fortsetzen – mit dem vorübergehenden Wohnsitz ab dem neuen Jahr in Kienbaum.

Täglich lernt Kristina Vogel dazu, bewältigt den komplizierten Alltag im Rollstuhl immer besser. „Aber das ist auch ein Kampf“, gesteht sie. Und natürlich gebe es auch mal „dunkle Gedanken“, Momente, in denen sie etwas neidisch auf diejenigen blickt, die laufen, oder auf Rollstuhlfahrer, die zum Teil noch ihre Beine etwas bewegen können. Doch sie habe gelernt, zermürbende Fragen rund um den Unfall nicht zu stellen, sei insgesamt „voller Energie“. Allerdings hat sich nichts an ihrer Aussage geändert, dass sie aktuell „keine Zukunft“ im Behinderten-Leistungssport plant. Das wäre allein wegen der noch mangelnden Fitness derzeit weit weg. Sie vermisst Wettkämpfe auch nicht.

Bei den Männern setzte sich der Bad Wildunger Triathlet Patrick Lange durch

Großen Beifall von den 700 Gästen erhielt Kristina Vogel auch von den anderen Top-Platzierten in Baden-Baden. Bei den Männern setzte sich der Bad Wildunger Triathlet Patrick Lange vor Olympiasieger Eric Frenzel (Nordische Kombination) und Zehnkampf-Europameister Arthur Abele durch. Auf Platz neun kam der Jenaer Speerwerfer Thomas Röhler, der in Berlin ebenso EM-Gold geholt hatte.

Lange hatte im Oktober zum zweiten Mal auf Hawaii triumphiert und war dort als erster Mensch unter der Acht-Stunden-Marke (7:52:39) geblieben. Er glaubt nicht, dass es 2019 noch schneller geht. „Das wird schwer zu toppen sein“, sagte der 32-Jährige, „aber ich glaube, es geht noch besser. Das war ja auch erst mein sechster Ironman, ich habe also noch ein paar Jahre Zeit“, sagte Lange, der nach der Zielankunft seiner Freundin einen Heiratsantrag gemacht hatte.

Umjubelter Sieger Sieg bei den Mannschaften waren die Eishockey-Männer, die bei den Olympischen Spielen in Pyeongchang begeistert und die Silbermedaille gewonnen hatten. Erst die Verlängerung des Finale gegen Russland bildete die Endstation des Triumphzuges. Zweite wurden die golddekorierten Paarläufer Aljona Savchenko/Bruno Massot vor dem Deutschland-Achter, der zum WM-Gold gerudert war.

Zweierbob-Olympiasiegerin Mariama Jamanka aus Oberhof landete auf Platz neun vor den Bahnrad-Teamsprinterinnen mit Vogel und ihrer Erfurter Teamkollegin Pauline Grabosch.

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