Wenig Sand im Getriebe

Gotha.  Tennis ist im Freien unter Einhaltung von Regeln erlaubt. Ein Selbstversuch mit Vizelandesmeister Jonathan Roth.

Mit einem Netz werden die Bälle eingesammelt. Geübte Spieler (links Jonathan Roth) können die Filzkugel natürlich auch ohne die Hand aufnehmen und den Ballwechsel starten.

Mit einem Netz werden die Bälle eingesammelt. Geübte Spieler (links Jonathan Roth) können die Filzkugel natürlich auch ohne die Hand aufnehmen und den Ballwechsel starten.

Foto: Niklas Kubitz

Bevor wir uns auf der Tennisanlage des TSV Gotha treffen, gibt Jonathan Roth noch ein paar Hinweise. Nein, eine Maske muss niemand tragen. „Aber komm bitte umgezogen“, schreibt der 20-Jährige, der auch in der nächsten Saison für den TC Ruhla 92 in der Regionalliga aufschlägt und amtierender Vizelandesmeister der Herren ist.

Kein Problem, sage ich mir und setze mich mit kurzen Sportklamotten ins Auto, Schläger und Bällen inklusive. Auf der Fahrt nach Gotha geistern zwei Gedanken durch den Kopf. Zum einen, wie einschränkend die Hygiene-Maßnahmen sind, nachdem der Sport im Freien wieder erlaubt ist. Zum anderen, ob ich mir da nicht eine zu hohe Hürde zugemutet habe. In der Jugend spielte ich auch mal beim TC Rot-Weiß Erfurt aktiv. Aber jetzt, nach Jahren ohne Training, geschweige denn Spiel? Und dann auch noch mit einem „Naschbrettbauch“, der sich durch die letzten Wochen ohne Sport unter den T-Shirts wölbt? Na, mal sehen. Aber ja: Gedanken an den klassischen „Doppelfehler“ geistern herum.

Zumindest das Wetter meint es gut mit uns. Punkt 10 Uhr scheint die Sonne, kein Lüftchen weht umher. Auf der Anlage schlagen ein paar passionierte Senioren bereits die ersten Bälle, doch gehen wir zunächst die erforderlichen Maßnahmen durch, die großflächig am Clubhaus niedergeschrieben sind. Flugs zum Desinfektionsmittelspender geflitzt und die Hände gesäubert, danach die unterschiedlichen Bälle aus den Dosen geholt. Wir entscheiden uns für die „Hochsicherheitsvariante“. Wer den Ballwechsel eröffnet, nimmt seinen Ball – so, dass der andere diesen möglichst nicht berührt. Eine reine Vorsichtsmaßnahme unsererseits, eine Übertragung des Virus ist durch den Ball nicht möglich.

Hoffentlich bin ich nicht gar zu blind, denke ich mir klammheimlich. Denn Lust, dauerhaft in kurzer Zeit acht Bälle aufzusammeln, hat wohl keiner von uns. Als wir die Schlägerhüllen auf unterschiedliche Bänke gelegt haben – der Mindestabstand von zwei Metern muss immer bestehen – bittet Jonathan zu den ersten lockeren Schlägen auf den Sandplatz. Vor- und Rückhand im Aufschlag-Feld, später ein paar Volleyschläge – es läuft besser als gedacht, was aber meist an den punktgenauen Zuspielen des Jenaer Studenten liegt.

Das Schreckensszenario sekündlich einzusammelnder Bälle erfüllt sich glücklicherweise auch in der Folge nicht, als wir lockere Duelle von der Grundlinie ins Repertoire packen. Dass Jonathan ab und zu ein „guter Schlag“ über den Platz ruft, steigert die Freude und spornt an, auch wenn die erste kurze Pause nach 30 Minuten ganz gelegen kommt.

In der Folge wird die Streuung der Bälle größer. Klar, das hat vor allem mit der schlechten Beinarbeit, aber vielleicht auch fehlender Konzentration zu tun. Hier macht sich wohl bemerkbar, dass ein paar Cornflakes zum Frühstück nicht ausreichen.

Um den Spaß oben zu halten, rufe ich mir immer wieder innerlich ein „straff dich“ zu. Und weil mein Gegenüber den einen oder anderen etwas schief geratenen Ball artistisch fischt, behalten die Ballwechsel bis zum Schluss ein passables Niveau.

Nach etwa einer Stunde Training haben wir es geschafft. Gut erschöpft (zumindest ich), aber nicht gänzlich am Ende, treffen wir uns am Netz. „Na, das war doch ganz ordentlich“, sagt der in Boilstädt wohnende Roth. Gemeinsam noch den Platz säubern, dann ist unser Experiment vorbei.

Da die Leute dazu angehalten sind, nicht allzu lang auf der Anlage zu verweilen, bleibt nur kurz Zeit für einen Plausch. Danach geht es wieder vorbei am Desinfektionsmittelspender, die Hände werden erneut gesäubert.

Und dann ins Auto. Sofort kommt der Gedanke auf: Hach, was hätte man für eine Dusche nach dem Training gegeben. Die ist jedoch verboten. Also verschwitzt in das von der Sonne aufgeheizte Gefährt reingesetzt und die rund 20 Kilometer in den Heimatort gedüst. Die Schweißperlen fließen von der Stirn, ein Glück sorgt ein über den Sitz gelegtes Handtuch dafür, dass der Innenraum nicht zu sehr versifft. Es ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Wermutstropfen.

Als dann zu Hause endlich das Wasser über den Körper spritzt, ist aber auch das vergessen. Das Fazit bliebt positiv: Alles geht schnell, nix tut weh. Wer Spaß am Sport hat, nimmt sich gerne ein paar Minuten Zeit, um den Regeln zu folgen. Und es macht Freude, endlich wieder dem Ballsport zu frönen. Denn im Gegensatz zu vielen Kollegen ist das Laufen an mir quasi vorbeigegangen.

So hoffe ich, dass auch die Hallen in nächster Zeit wieder öffnen. Einmal, damit in meinem Fall der Plastikball im Tischtennisverein wieder hin und her gespielt wird. Zum anderen, dass durch den Sport aus dem Naschbrett- wieder ein Waschbrettbauch entsteht.