Wie der Vater, so der Sohn

Wandersleben.  Heiko und Franz Burkhardt prägen den FSV Wacker Gotha auf ihre Art und Weise. Gemeinsames Abschlussspiel ist geplant.

Geschichte und Geschichten: Heiko Burkhardt und Franz Burkhardt mit einem Erinnerungsfoto aus der Jugend in Wandersleben.

Geschichte und Geschichten: Heiko Burkhardt und Franz Burkhardt mit einem Erinnerungsfoto aus der Jugend in Wandersleben.

Foto: Thomas Rudolph

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Zu fortgeschrittener Gesprächsrunde kommt der ominöse 9. Dezember 2018 zur Sprache. Heiko und Franz Burkhardt schauen sich an und lachen. Sofort ist die Erinnerung wieder da an jenen Tag, als Vater und Sohn gemeinsam für Wacker Gotha II auf dem Platz standen – zum ersten und bisher einzigen Mal. „Tatort“ ist der Kunstrasenplatz in Waltershausen. Und wie aus der Pistole geschossen erzählen beide detailreich von ihrer kuriosen Premiere.

„Das war ein Gag nach der Weihnachtsfeier. Wir wollten immer mal zusammen spielen. Aber dann ging alles schief. Wir haben 0:2 verloren und Franz ist auch noch vom Platz geflogen“, sagt Heiko, während er schelmisch zu Franz blickt. „Vielleicht wollte ich es vor seinen Augen besonders gut machen. Und in der einen Szene war ich halt ein wenig übermotiviert“, meint der Filius. Dieser will den Ball erobern, trifft aber mit dem Fuß unglücklich nur den Gegenspieler am Kopf. Der draußen stehende Vater – er wurde zur Halbzeit ausgewechselt – ahnt schnell, dass der Junior Lehrgeld zahlen würde.

Mehr als ein Jahr später können beide über diesen Vorfall lachen. Damals war vor allem dem 20-Jährigen alles andere als zum Lachen zumute. Drei Spiele Sperre zieht das Vergehen nach sich, fünf Mal muss er deshalb bei der Ersten zuschauen, da die Zweite zwei Wochen später in den Ligabetrieb eingreift. Trotz der verkorksten Premiere sind sich beide sicher: Einmal noch wird es eine Wiederholung geben.

Das Ereignis im kalten Dezember ist aber nur eine der vielen Episoden, die Franz und Heiko gemeinsam erlebt haben. Seit dem Kindesalter verbindet den 44-jährigen Gothaer, der seit langer Zeit mit Frau Marie-Luise in Wandersleben wohnt, der Fußball mit seinem Sohn. Die ersten Schritte auf dem Platz im Heimatort geht das Duo gemeinsam; später – Franz wechselt 2011 zu Wacker – treffen sie sich bei den B-Junioren wieder.

Da ist Heiko nach Spielerstationen in Siebleben, Seebergen, Friemar und Wandersleben schon wieder zu seinem Ausbildungsverein, bei dem er als junger Erwachsener in der Landesklasse spielt, zurückgekehrt. Die vier gemeinsamen Jahre bis zum Herauswachsen aus den A-Junioren sind in jeder Hinsicht speziell. Auf der einen Seite familiär, weil der Vater den Sohn („Franz ist zeitgleich mein bester Kumpel“) trainiert. Andererseits wirkt es auf Franz mitunter befremdlich, keinen „neutralen“ Coach zu haben. „Ich fand es immer schön, weil ich wusste, dass er von allen Spielern im Team geschätzt wird. Aber ich wollte mich auch unter anderen Trainern beweisen, mir nicht nachsagen lassen, ich würde Vorteile besitzen“, umschreibt der Lehramts-Student die Zeit.

Mit den Jahren des Abstands zieht auch Heiko ein gemischtes Fazit. „Meist hat sich das ins Gegenteil verkehrt. Ich habe ihn viel kritischer behandelt und gesehen als die anderen. Das war schon in Wandersleben so. Wenn alle zwei Runden auslaufen mussten, waren es bei Franz drei. In der Nachbetrachtung war es sicher zu hart“, gibt der Mittelfeldmann zu.

Und trotzdem: Ganz so viel verkehrt kann er nicht gemacht haben. Denn aus dem als Kind etwas dicken Sprössling, der – das sagen beide unisono – „nicht unbedingt ein Fußballtalent war“, entwickelt sich eben in jener B- und A-Juniorenzeit ein Führungsspieler und Stammakteur, der bereits mit 17 Jahren unter Hagen Becker seine ersten Einsätze im Männerbereich bekommt. Es ist der unbedingte Ehrgeiz und Wille, etwaige fußballerische Limitierung durch Fleiß wettzumachen, der Franz diesen Weg ebnet. „Ich war nie der begnadete Läufer, der zig Kilometer im Spiel abgespult hat. Das kann Franz wie kein anderer“, sagt Heiko, während der Junior meint: „Dafür habe ich nicht die Technik und Übersicht, die ich bei meinem Vater bei Spielen gesehen habe.“

Franz am 18. Geburtstag beim Debüt als Männertrainer nicht eingesetzt

Kurioserweise bringt die Trainerentlassung von Becker im Oktober 2017 das Duo noch enger zusammen. Denn Heiko ist fortan nicht mehr nur Franz‘ Trainer bei den A-Junioren, sondern durch die Übernahme des Amtes auch bei den Herren. Auch diese Premiere ist nicht so ganz einfach. Denn sein Debüt in der Thüringenliga gibt er ausgerechnet am 4. November 2017 – dem 18. Geburtstag von Franz. Zwar gewinnt Wacker mit 1:0. Doch ein Geschenk gibt es für den jungen Linksfuß nicht. Rund eine Stunde lässt er ihn warmlaufen, aber auf eine Einwechslung verzichtet Heiko.

Und dies, obwohl Franz zu diesem Zeitpunkt schon einige Einsätze in der höchsten Thüringer Liga vorzuweisen hat. Seinem Vater geistern aber wilde Szenarien durch den Kopf, zumal sich Wacker im Abstiegskampf befindet. Wie reagieren die gestandenen Spieler? Was, wenn aus irgendeinem dummen Zufall das Spiel doch nicht gewonnen wird? Es bleibt Mutmaßung, was an diesem 4. November passiert wäre. Fakt ist, dass Heiko ihn wohl ohne Bedenken hätte einwechseln können. Denn Franz ist schon lange angekommen – auch, weil erfahrene Spieler wie Norman Bonsack oder Steffen Scheidler das Talent längst als gleichwertig akzeptiert haben. „Es war ein Glück, dass die Mannschaft über große soziale Kompetenz verfügte und keinen Anschein von Arroganz gegenüber den jungen Spielern zeigte“, sagt Heiko. Denn unterm Strich saßen alle in einem Boot.

Dass Wacker am Saisonende trotzdem abstieg, hatte wohl weniger mit dem Trainingsstil, als eher einer allgemein verkorksten Spielzeit zu tun. „Natürlich wurmt es mich immer noch. Aber trotz der harten Zeit und des Abstiegs war es eine lehrreiche Zeit. Du weißt, auf wen du dich verlassen kannst. Auch Präsident Thomas Fiedler stand immer hinter mir, selbst wenn manche Leute andere Sachen erzählt haben.“

Dem Neustart in der Landesklasse unter Lars Harnisch folgte auch für Heiko eine neue und doch alte Episode. Nach mehrjähriger Pause schnürte er für die Kreisliga-Zweite wieder seine Schuhe. Und so hat der FSV Wacker in beiden Teams einen Burkhardt, der den Takt im defensiven Mittelfeld vorgibt. „Mir macht das viel Spaß mit den Jungs, die vom Alter her meine Kinder sein könnten“, sagt Heiko, der zudem altersmilde geworden ist. Das aufbrausende Temperament („Früher kannte ich weder Freund noch Feind, auch in der eigenen Mannschaft nicht“) wich einer gewissen Lässig- und Leichtigkeit.

Von ihr wird sich sicher in ein paar Jahren auch Franz anstecken lassen. Noch gilt für ihn, „jedes Spiel mit 120 Prozent anzugehen. Für mich ist der Fußball mehr als nur Hobby.“

Vielleicht wird ihm der Vater ja ein paar Tipps mit auf den Weg geben können, wenn das geplante Zusammenspiel noch einmal zustande kommt. Es ist gut möglich, dass beide Burkhardts gegen Saisonende einen zweiten Auftritt in der gleichen Mannschaft haben. Sozusagen als letzte, kleine Krönung einer langen Laufbahn Heikos. Der hätte dann nur einen Wunsch an Sohn Franz: „Bitte nicht wieder eine Rote Karte.“

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