Nach scharfer Kritik: Thüringer Ski-Verband verteidigt Verpflichtung von Wehling

Oberhof  Neuer Geschäftsführer tritt sein Amt am 1. Dezember an. Anti-Doping-Kämpfer Misersky findet das „skandalös“

Foto: Patrick Seeger, dpa

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Schnell hat der Thüringer Ski-Verband (TSV) reagiert. Und schnell hat er mit seiner umstrittenen Personalentscheidung die Kritiker auf den Plan gerufen. Am Rande der deutschen Meisterschaften in Oberhof gab der Verband vor Wochenfrist bekannt, dass Ulrich Wehling neuer Geschäftsführer werden soll (wir berichteten). Der dreifache Olympiasieger in der Nordischen Kombination bekleidete in der DDR hochrangige Funktionen – und gilt deshalb für einige in dieser Position als unzumutbar.

Von einer "skandalösen Entscheidung" spricht der frühere Thüringer Langlauftrainer Henner Misersky, der als Anti-Doping-Kämpfer einst mit den DDR-Funktionären in Konflikt geraten war. "In der Auseinandersetzung mit mir um eine neue doping-gestützte Verbandskonzeption im DDR-Skiverband im Frühjahr 1985, die Hormon-Doping bereits ab der Altersklasse 16 weiblich festschrieb, die ich ganz klar ablehnte, war Wehling Verantwortungsträger", sagt Misersky.

Ulrich Wehling war von 1982 bis 1990 der stellvertretende Generalsekretär des Deutschen Skiläuferverbandes (DSLV) der DDR. Er soll in das staatlich verordnete Doping im Sport fest eingebunden gewesen sein, weshalb er nach der politischen Wende im Deutschen Ski-Verband (DSV) seine Aufgabe als Koordinator in den neuen Bundesländern 1992 aufgeben musste. Zudem arbeitete Wehling als inoffizieller Mitarbeiter für die Staatssicherheit.

Ines Geipel, frühere Sprinterin des SC Motor Jena und heute Vorsitzende des Doping-Opfer-Hilfe-Vereins, kritisierte wie Misersky die Personalentscheidung scharf. "Das ist sportpolitisches Absurdistan, was Thüringen hier macht. Immer wieder neu hochbelastete DDR-Funktionäre in Position zu bringen – das halten wir für widersinnig, ignorant und skandalös", sagt Geipel. Auf internationaler Ebene spielten die Vorwürfe gegen seine DDR-Vergangenheit offenbar keine Rolle. Von 1992 bis 2012 fungierte der Olympiasieger als Renndirektor in der Disziplin Nordische Kombination beim Ski-Weltverband FIS.

Der Thüringer Ski-Verband (TSV) verteidigte die Verpflichtung von Wehling als neuen Geschäftsführer. "Ulrich Wehling ist ein kompetenter Mann und bringt als ehemaliger FIS-Renndirektor einen großen Erfahrungsschatz mit, den wir in Thüringen brauchen", sagt TSV-Vizepräsident Wilfried Hocke. Verbandschef Gerd Siegmund war im September nach gerade einmal einem Jahr im Amt zurückgetreten. Seitdem sucht der Verband einen Nachfolger.

Vertrag läuft über zwei Jahre

Offenbar auch deshalb war der TSV bemüht, den Posten des Geschäftsführers so schnell wie möglich zu besetzen. Tobias Grosse, der erst im Februar diese Aufgabe übernommen hatte, hört zum 30. November auf und wechselt aus privaten Gründen zurück nach Hamburg. Schon damals hatte sich Wehling in Thüringen beworben. "Diesmal war er für uns erste Wahl", sagt Vizepräsident Hocke. Beim Vorstellungsgespräch wurde auch Wehlings DDR-Vergangenheit thematisiert. "Er hat uns darauf angesprochen. Wir sehen keinen Grund, ihm deswegen Vorhaltungen zu machen", sagt Hocke.

Wehling wird am 1. Dezember seine neue Aufgabe übernehmen. Derzeit wohnt der 64 Jahre alte Funktionär noch in der Schweiz. "Wir gehen davon aus, das er dann bei uns in Thüringen präsent ist", sagt Hocke. Allerdings ist die Verpflichtung des Geschäftsführers ohnehin keine langfristige Entscheidung. Der Vertrag läuft über zwei Jahre. Dann ist Wehling im Rentenalter – und der TSV auf der Suche nach einem Nachfolger.

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