Special Olympics in Oberhof: Wetteifern wie die großen Vorbilder

Oberhof  Sie kämpfen um Bronze, Silber und Gold – und doch steht bei den Special Olympics der Spaß am Sport im Vordergrund.

Der Österreicher Jürgen Bönner startete am Mittwoch im 1-Kilometer-Skilanglauf.

Der Österreicher Jürgen Bönner startete am Mittwoch im 1-Kilometer-Skilanglauf.

Foto: Sascha Fromm

Biathlet Johannes Thingnes Boe ist sein Vorbild. Genau da, wo der Norweger Anfang des Monats um Weltcup-Punkte kämpfte, geht nun Sven Müller-Welt an den Start. „Ich hoffe, dass ich gut durchkomme. Ob ich eine Medaille gewinne, sehen wir zum Schluss“, sagt der hoch gewachsene Mann aus Neuhaus am Rennweg.

Der 40-Jährige ist einer der knapp 170 Athleten, die in diesen Tagen an den Thüringer Winterspielen in der Lotto Thüringen Arena in Oberhof, der Ski-Arena in Heubach und der Gunda-Niemann-Stirnemann-Halle in Erfurt teilnehmen. Sie sind ein Teil der Special Olympics, der weltweit größten und vom IOC offiziell anerkannten Sportbewegung für Menschen mit geistiger und mehrfacher Behinderung. In diesem Jahr konnten sie in vier Sportarten an den Start gehen: Für den Skilanglauf haben sich 106, für Ski alpin 35, für Eiskunstlauf 22 und für Snowboard drei Athleten gemeldet. Sie stammen aus Thüringen, vor allem aus dem Südthüringer Raum, und anderen Bundesländern, aber auch aus Österreich und den Niederlanden.

Bei den Skilangläufern wird angefeuert und gejubelt; hin und wieder wird auch mal gestürzt. „Ich falle nicht. Ich bin sicher“, sagt hingegen Sven Müller-Welt. Seit zehn Jahren steht er auf Ski und nimmt regelmäßig an Wettkämpfen teil. „Weil es mir Spaß macht“, begründet er. Vor allem dann, wenn er die Konkurrenz überholen könne, so wie es der Norweger Boe in der aktuellen Biathlon-Saison so oft zeigt.

In Vorläufen, den sogenannten Klassifizierungswettbewerben, laufen die Athleten um die beste Zeit. Je nach Abschneiden werden sie in Leistungsklassen mit drei bis acht Sportlern eingeteilt. In diesen gehen sie abermals an den Start und kämpfen auf verschiedenen Streckenlängen – 50 und 100 Meter im Gleitwettbewerb und 500 Meter, ein, zweieinhalb und fünf Kilometer -Einzelwettbewerb – um Bronze, Silber und Gold. Am Mittwoch wurden die ersten Finals ausgetragen, am heutigen Donnerstag finden unter anderem die Finals in 2,5 Kilometer Freistil und der Staffelwettbewerb statt.

Organisiert werden die Thüringer Winterspiele, die am Montagabend feierlich eröffnet wurden, von Special Olympics Thüringen. Mit 40 ehrenamtlichen Helfern des SC Motor Zella-Mehlis stemmen der Vorsitzende Reinhard Morys und Thomas Schmidt die Woche, deren Ziel es ist, die Akzeptanz von Menschen mit geistiger Behinderung in der Gesellschaft mithilfe des Sports zu verbessern. Und sie bekommen viel Lob von den Athleten, weiß Sven Müller-Welt. Er ist nicht nur als Sportler dabei, sondern vertritt seine Zunft als Athletensprecher. „Es hat schön geschneit. Und es ist alles gut vorbereitet“, zieht er ein erstes Resümee.

Für Reinhard Morys steht die Wertschätzung der Teilnehmer im Vordergrund, er würde sich noch mehr Zuschauer an den Strecken wünschen. „Man redet immer von Inklusion, aber das ist noch ein Stück hin“, sagt er. Er weiß, wovon er spricht. Als Therapeut in der Stiftung Rehabilitationszentrum in Schleusingen betreut er die Sportgruppen. Seit rund 20 Jahren kümmert er sich um Sportveranstaltungen für eingeschränkte Menschen im Freistaat. Die Thüringer Winterspiele sind aus den Langlauf-Tagen hervorgegangen. „2014 haben wir sie um weitere Sportarten ergänzt“, sagt er. Nach 2014 und 2016 finden sie nun zum dritten Mal statt.

Enrico Kurz, Betreuer und Trainer für die Athleten der Suhler Werkstätten, ist mit sieben Sportlern im Alter zwischen 24 und 52 Jahren angereist. „Sechs treten über 500 Meter und einen Kilometer an, einer auf den kürzeren Strecken. Alle sind erfahrene Skiläufer“, sagt er über seine Schützlinge. Zweimal pro Woche trainieren sie, die Nähe zu Oberhof und das geförderte Training in der Ski-Halle könnte ihnen einen Wettbewerbsvorteil bringen.

Die Teilnahme an den Winterspielen sei der Höhepunkt des Jahres. „Dafür trainieren sie, darauf fiebern sie hin“, sagt Enrico Kurz. Einige wollen es zu den nationalen Winterspielen 2020 schaffen, die voraussichtlich in Berchtesgaden ausgetragen werden. Mit der Teilnahme in Oberhof, Heubach und Erfurt ist ein wichtiger Schritt gemacht, handelt es sich doch um einen Anerkennungswettbewerb. Über die nationalen Winterspiele kann wiederum der Sprung zur Weltolympiade geschafft werden. Sie findet in zwei Jahren im schwedischen Östersund statt.

Trotz allen sportlichen Ehrgeizes, trotz des Kampfes um Medaillen: Der Sport bringt den Teilnehmern mehr als nur die Abwechslung vom Alltag in der Schule oder einer Behindertenwerkstatt. „Sie sollen sich ausprobieren können und Teamfähigkeit lernen“, sagt Reinhard Morys. Fair Play wird auch bei den Special Olympics groß geschrieben, schon allein wegen des olympischen Eides. „Ich will gewinnen. Doch wenn ich nicht gewinnen kann, will ich mutig mein Bestes geben“, heißt es.

Sein Bestes hat auch Skilangläufer Sven Müller-Welt gegeben. Nach einem kleinen Hügel in der Sägespänerunde drückt er sich ab und geht in die Hocke, um noch ein bisschen schneller zu werden. „Wie Eric Frenzel“, sagt er später und lacht. Der Kombinierer ist sein zweites großes Vorbild, von ihm will er sich viel abschauen. „Weil er läuft wie ein Olympiasieger.“

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