Aus nach 113 Jahren: Erfurter „Schnürsenkelfabrik“ macht Ende August dicht

Krämpfervorstadt  Ende August wird wieder einmal ein Kapitel der Erfurter Industriegeschichte zu den Akten gelegt. Bei der Erfurter Flechttechnik GmbH in der Stauffenbergallee wird dann endgültig der Betrieb eingestellt.

Der im Volksmund als „Schnürsenkelfabrik“ bekannte Flechtwaren-Betrieb in der Erfurter Stauffenburgallee ist Geschichte. Die Produktion liegt still, den letzten Mitarbeitern wurde gekündigt. Foto: Hartmut Schwarz

Der im Volksmund als „Schnürsenkelfabrik“ bekannte Flechtwaren-Betrieb in der Erfurter Stauffenburgallee ist Geschichte. Die Produktion liegt still, den letzten Mitarbeitern wurde gekündigt. Foto: Hartmut Schwarz

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Damit verschwindet ein Unternehmen aus dem Stadtbild, dessen Geschichte bis ins Jahr 1903 zurück reicht.

Ernst Bergmann gründete in der heutigen Stauffenbergallee eine Fabrik, in der sich mit der Herstellung von Schnürriemen beschäftigt wurde. Hergestellt wurden Schnürsenkel für Schuhe, aber auch größere Dimensionen, ganz nach den Ansprüchen der Kundschaft.

1939 wurde der Firmennamen in „Bergal-Werk Lassen & Co.“ geändert – nach dem zweiten Weltkrieg wurde das Werk in Landeseigentum umgewandelt und in Erfurter Flechtwaren „Fletex“ umbenannt. In dieser Zeit waren über 120 Mitarbeiter mit der Herstellung der Schnürsenkel und Flechtwaren beschäftigt. Der Betrieb deckte nicht nur einen Großteil des Bedarfs in der DDR ab, sondern lieferte auch in die RGW-Mitgliedsstaaten – und in die BRD.

Peter Stampf, der Ortsteilbürgermeister der Sulzer Siedlung, hat 14 Jahre als Betriebsschlosser bei der „Fletex“ gearbeitet. Seine erste Erinnerung an diese Zeit: „Die Maschinen waren sehr laut. Die Beschäftigten hatten einen entsprechend lauten Umgangston – nach Feierabend wurde man regelmäßig gemäßigt, nicht so zu schreien.“ Er erinnert sich auch noch an das einstige Produktionsspektrum.

Für alle denkbaren Vereine, Betriebe und Organisationen wurden die Symbole geflochten – Aufnäher für Bekleidungsstücke oder Markenzeichen für Mäntel, Teppiche und andere Artikel. Und beim Bereich der Schnürriemen wurden nicht nur Schnürsenkel hergestellt, sondern auch Fallschirmleinen für die NVA, Überzieher für Holzkleiderbügel und geflochtene Elektroleitungen.

Und bei der Produktion von Kerzendochten war die „Fletex“ in der DDR sogar Alleinproduzent. Vor Weihnachten mussten immer Sonderschichten eingelegt werden, erinnert sich Peter Stampf, damit die Produktion von Kerzen bei Wittol in Wittenberg nicht ins Stocken geriet.

Nach der Wende wurde „Fletex“ von der Treuhand übernommen, 1992 in eine GmbH umgewandelt. Der Betrieb war Zweigwerk eines Wuppertaler Investoren. Produziert wurde nur noch in den alten Hallen, die das Gelände prägenden Verwaltungsgebäude wurden 2008 abgerissen – für den Neubau eines Einkaufsmarktes.

Zuletzt gab es noch etwa 30 Beschäftigte, die miterleben mussten, wie die Produktion stückweise ausgelagert wurde. Zum Jahresende wurde den meisten gekündigt – von den letzten beiden Mitarbeitern werden nur noch Kontrollgänge durchgeführt.

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