Berufe in Thüringen: Orgelbauer – Alle Register ziehen

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Orgel- und Harmoniumbauer montieren neue Instrumente und restaurieren historische. In Kooperation mit der Handwerkskammer Erfurt werden hier verschiedene Handwerksberufe vorgestellt.

Orgel- und Harmoniumbauer Sebastian Brode  stimmt eine Orgel in der katholischen Kirche in  Dingelstädt im Eichsfeld.

Orgel- und Harmoniumbauer Sebastian Brode stimmt eine Orgel in der katholischen Kirche in Dingelstädt im Eichsfeld.

Foto: HWK

Orgel- und Harmoniumbauer sehen bei ihrer Arbeit viel von der Welt, weil sie neben der Werkstattarbeit oft dorthin fahren, wo die groß dimensionierten Instrumente stehen. Sie arbeiten in Kirchen oder Konzertsälen, auch Harmonien gehören zu ihrer Produktpalette.

Der Beruf verspricht Vielfalt

Bevor eine Orgel gebaut wird, sind gesicherte Angaben über Architektur, Raumgröße und Tragfähigkeit des Untergrunds erforderlich. Und auch die akustischen Verhältnisse spielen eine Rolle. Die Aufgabe des Orgel- und Harmoniumbauers ist es, die Instrumente in Abmessungen und Klangcharakteristik den jeweiligen räumlichen Gegebenheiten anzupassen.

Mit Kraft und speziellen Kenntnissen

Handwerkliche Fertigkeiten kommen zum Beispiel in der Holzverarbeitung für den Gehäuse-, Windladen- und Holzpfeifenbau zum Einsatz. Beim Aufbau oder Transport der Instrumente müssen dann ab und zu die Kraftreserven mobilisiert werden. Auch Kenntnisse in Elektrik, Pneumatik und Mechanik gehören dazu. Und nicht zuletzt ist ein gutes musikalisches Gehör beim Stimmen der Orgelpfeifen gefordert. Wer diese vielfältigen Anforderungen mit seinen Vorstellungen und Talenten in Einklang bringen kann, dem winkt ein wahrlich harmonisches Berufsleben.

Ablauf der Ausbildung

Ausbildungsinhalte:

  • Aufbau und Organisation des Ausbildungsbetriebes, Arbeits- und Tarifrecht, Arbeitsschutz, Umweltschutz und rationelle Energieverwendung
  • Lesen und Anfertigen von Skizzen und Zeichnungen, Instand halten von Werkzeugen
  • Warten und Bedienen von Maschinen und Einrichtungen, Holz und Holzwerkstoffe, Be- und Verarbeiten von Holz, Metallen und Kunststoffen, Arbeiten mit Klebstoffen, Behandeln von Oberflächen
  • Kenntnisse des Aufbaus und der Funktionszusammenhänge von Orgeln und Harmonien, Herstellen von Windversorgungsanlagen, Bau von Windladen
  • Anfertigen von Holzpfeifen einfacher Bauart, von zylindrischen Pfeifen aus Zinn-Blei-Legierung
  • Aufbauen von Orgeln in der Werkstatt, Stimmen von Orgelpfeifen und Harmoniumzungen, Intonieren von Pfeifen, Pflegen und Reparieren von Orgeln und Harmonien

Ausbildungsdauer: 3,5 Jahre

Zwischenprüfung: Während der Berufsausbildung ist eine Zwischenprüfung durchzuführen. Sie soll vor dem Ende des zweiten Ausbildungsjahrs stattfinden.

Gesellen-/Abschlussprüfung: Die Ausbildung schließt mit einer Gesellen-/Abschlussprüfung ab.

Mein Weg ins Handwerk: Sebastian Brode (42), Orgel- und Harmoniumbauer aus Heiligenstadt

Was hat Sie motiviert, den Beruf des Orgel- und Harmoniumbauers zu erlernen?

Schon als Kind war ich oft in der Orgelbauwerkstatt meines Vaters und von der Vielseitigkeit im Orgelbau fasziniert. Auf der einen Seite die vielen Materialien, die zum Einsatz kommen wie zum Beispiel verschiedenste Holzarten zum Bau der Holzpfeifen und Windladen, Zinn-Blei-Legierungen für die Metallpfeifen, feinstes Leder für die kleinen und großen Bälge bis hin zur Elektrik und Elektronik.

Und auf der anderen Seite die hohe Genauigkeit, mit der die zwischen wenigen hundert und mehreren tausend Pfeifen verschiedenster Längen und Durchmesser gebaut und am Ende intoniert werden müssen, um den perfekten Klang zu erzeugen. Ein besonderer Augenblick ist es immer, wenn die ersten Töne einer neuen oder restaurierten Orgel in der Werkstatt oder einer Kirche erklingen.

Was gefällt Ihnen besonders am Handwerk des Orgel- und Harmoniumbauers?

Ich schätze die Herausforderung, mich immer wieder auf ganz unterschiedliche Instrumente aller Bau- und Stilepochen einzulassen und mich bei deren Pflege, Instandsetzung oder Restaurierung in die Gedankenwelt des Erbauers der oft Jahrhunderte alten Instrumente zu versetzen und dabei die technischen, handwerklichen und musikalischen Aspekte sowie die architektonischen Gegebenheiten des Kirchenraums mit einzubeziehen.

Was möchten Sie jungen Leuten mit auf den Weg geben, die sich für dieses Gewerk interessieren?

Durch die viele Handarbeit mit verschiedensten Werkzeugen ist der Beruf sehr abwechslungsreich und vielseitig. Nie ist eine Orgel wie die andere und man schafft ein Werk, dass bei entsprechender Pflege Jahrzehnte bis Jahrhunderte überdauern kann – gerade in dieser kurzlebigen Zeit ein Gegensatz zu „moderner Technik“. Durch den hohen Anteil an individueller Handarbeit ist die Möglichkeit der Automatisierung von Arbeitsschritten gering. Trotzdem wird heute im Orgelbau bei größeren Instrumenten Elektronik im Spielsystem eingesetzt, als Registrierungshilfe für die Organisten im Spieltisch oder zur Übertragung des Signals zwischen Taste und Windladen, auf denen die Pfeifen stehen.

An all diesen Dingen sollten junge Leute, die sich für diesen Beruf interessieren, Spaß haben. Außerdem sollten sie bereit sein, oft und auch für längere Zeit auf Montage zu sein, bei größeren Betrieben durchaus auch im Ausland.