Der letzte Chef von Robotron in Sömmerda

Sömmerda. Ganze Generationen waren im VEB Robotron Sömmerda beschäftigt und verdienten ihr Geld mit präziser Mechanik. Dieter Jordan, einer der Väter des PC 1715 machte als Betriebsdirektor der DDR-Firma dort sprichwörtlich das Licht aus. Nach über 20 Jahren kehrt der einstige erste Mann an der Spitze des Büromaschinenwerkes, Dieter Jordan, noch einmal nach Thüringen zurück.

Dieter Jordan auf seinem Chefsessel - rechts hinter sich Technik aus dem eigenen Haus: ein Stereo-Radio, ein Mini-Fernseher und der damals modernste Bürocomputer. Foto: privat

Dieter Jordan auf seinem Chefsessel - rechts hinter sich Technik aus dem eigenen Haus: ein Stereo-Radio, ein Mini-Fernseher und der damals modernste Bürocomputer. Foto: privat

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Der letzte Betriebsdirektor steht auf dem alten Industriegelände in Sömmerda. Heute ist er 74 Jahre alt, hat graue Haare und lebt in der Nähe von Dresden in Radeberg. Dort, von wo er irgendwann in den Achtzigern nach Sömmerda delegiert wurde, um den Bau der ersten kleinen DDR-Computer voranzutreiben, die heute PCs heißen.

13.000 Menschen arbeiteten einmal hier. Großväter, Väter, Söhne - ganze Generationen verdienten ihr Geld mit hoch präziser Mechanik. "Das hatten die Sömmerdaer den Sachsen voraus", blickt der einstige Kombinatsdirektor zurück. Und er fügt hinzu: "Die waren geborene Techniker und vor allem eines: hoch motiviert. Bei Überstunden musstest Du als Chef nicht lange reden".

In Sömmerda wurde in der langen Industriegeschichte so ziemlich alles gebaut, was möglichst präzise sein sollte. Der Betrieb besaß seit 1817 eine lange eigenständige Tradition. Seit 1920 wurden Schreib- und Rechenmaschinen Marke "Rheinmetall" hergestellt, ab 1953 Kameras und Lochkartentechnik, ab 1975 Buchungs- und Fakturierautomaten sowie Seriendrucker. Bis vor der Wende waren es dann vor allem der Personalcomputer PC 1715 und Drucker, die Industriegeschichte schrieben.

Heute steht Dieter Jordan vor dem, was aus den Zeiten von Robotron Sömmerda noch übrig geblieben ist. Wer aber weinerliche Nostalgie vom alten Robotron-Chef erwartet, der wird schnell enttäuscht: "Der Bruch und Niedergang in Wendezeiten war hart, aber Alternativen gab es kaum", sagt er leise. Es hätte doch nicht weiter so funktionieren können. Und Dieter Jordan erinnert sich an einen Gang durch den alten Gebäudekomplex noch aus Vorkriegszeiten, in dem die Drehmaschinen standen. "Nichts wurde investiert, die Maschinen uralt, das Öl lief bis in den Keller durch."

Es gibt schon einige Episoden, die Dieter Jordan sein ganzes Leben nicht vergessen kann. Zu den wichtigsten gehört wohl der harte Weg bis hin zu den ersten DDR-Computern. Das begann mit dem R 300. Der passte damals in ein Einfamilienhaus, wird aber heute von der Rechenkapazität jedes Handys ausgelacht. "Im Prinzip ging es darum, den Westen zu kopieren, andererseits aber möglichst eigene Technik auf die Beine zu stellen". Dazu wurden die Schaltkreise aus Japan und den USA in geheimen Dresdner Labors mit der Hand aufgesägt, um hinter ihre Strukturen zu kommen. Im Jahre 1982 war es dann für Sömmerda soweit: Partei und Regierung der DDR hatten erkannt, dass es ohne Mikroelektronik nicht geht und trimmten das Sömmerdaer Büromaschinenwerk auf die neue Linie.

Investitionen wurden ausgelöst, Mitarbeiter umgeschult und über den Devisen-Beschaffer Schalck-Golodkowski jene Technik aus dem Westen organisiert, die man im Ostblock nicht herstellen konnte. Immerhin lag man technologisch fünf bis zehn Jahre zurück und die Embargoliste verbot die Importe westlicher Hochtechnologie.

"Es war schon ein brachialer Gewaltakt, den Sömmerdaer Betrieb von der traditionellen Lochkartentechnik auf die ­neuen kleinen Personalcomputer PC 1715 umzustellen. Und zwar mit möglichst einfacher Bauart und mit eigenen Bauteilen ausgerüstet", erinnert sich Dieter Jordan. Überhaupt sei das Ganze nur durch einen geschickten Trick an der Parteiführung vorbei gelungen: ­"Niemand hatte uns den Befehl gegeben, einen Personalcomputer zu bauen. Das haben wir heimlich und aus eigener Kraft getan. Einfach, weil wir wussten, dass diesen kleinen Rechnern die Zukunft gehört. Aber wie das überall auf der Welt so ist: ­Funktioniert eine Sache, dann will jeder der Vater des Erfolges sein. Der PC 1715 wurde zu einem für DDR-Verhältnisse überaus erfolgreichen Produkt. Und plötzlich stellte sich die Obrigkeit an die Spitze der Bewegung und löste sogar eine eigene Initiative zum Bau von Tausenden dieser PCs aus. Fast 100 000 Stück des PC 1715 zu einem Ausgangsstückpreis von knapp 20 000 DDR-Mark wurden bis zur Wende gebaut. Heute sind sie begehrte und teure Sammlerstücke.

Legendär waren auch jene Produkte, die Dieter Jordan im Rahmen der sogenannten Konsumgüterproduktion der DDR produzieren ließ. Waren es anfangs nur einfache Dinge wie Kohlenzangen, Piezo-Gasanzünder oder Obst-Entsafter, so merkten die Sömmerdaer schnell, dass sie damit die hohen Planauflagen aus Berlin nicht erfüllen konnten. "Wir wurden ja am Umsatz gemessen. Und der lag bei einfachen Produkten nicht sehr hoch", sagt Dieter Jordan. Also stellte man auf hochwertige Stereo-Anlagen um - und sogar mit Erfolg. "Wir hatten doch die Elektroniker im Haus. Die hatten die Technik gut im Griff", sagt Jordan. Viele Geräte seien so gut, dass sie heute noch im Einsatz sind.

Dieter Jordan ist mit seinem Spaziergang über das alte Werksgelände fast am Ende.

In der Hand hält der heutige Radeberger zwei kleine Karten. Die eine zeigt, wie groß das Büromaschinenwerk vor der Wende einmal war, die andere die heutigen Dimensionen. Vorher war alles dicht bepackt mit vielen Gebäudekomplexen. Härterei, Schlosserei, Materiallager, Montage, Kindergarten, Feuerwehr - alles drin. Wie es so üblich war zu DDR-Zeiten. Und heute? Viele kleine Handwerksbetriebe und Zulieferer entstanden auf der alten Industriebrache, die mit viel Geld saniert und für Neuansiedlungen vorbereitet wurde. "Da kenne ich einige der alten Weggefährten, die noch heute Chef eines solide funktionierenden Unternehmens sind", sagt Jordan nicht ohne Stolz. Und dann besucht er die kleine Firma Hauke Metallbau, die heute mit 25 Beschäftigten zu den erfolgreichsten mittelständischen Unternehmen Sömmerdas zählt.

Jordans Fazit: "Das war der einzige Weg, der in dieser Situation überhaupt eine Chance in der Marktwirtschaft hatte."

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