Ergebnis im VNG-Verkaufskrimi: 90 Millionen für Stadtwerke Erfurt

Erfurt  Erfurt. Erfurts Aktien an dem Leipziger Gasversorger sind deutlich mehr wert als erwartet. Die Stadt beklagt „zähe Verhandlungen“.

Für die Erfurter Stadtwerke hat sich damit das fast zweijährige Warten gelohnt, denn der Wert der Anteile summiert sich auf 90 Millionen Euro insgesamt. Foto: Sascha Fromm

Für die Erfurter Stadtwerke hat sich damit das fast zweijährige Warten gelohnt, denn der Wert der Anteile summiert sich auf 90 Millionen Euro insgesamt. Foto: Sascha Fromm

Foto: zgt

Die Schriftstücke mit der Zahl liegen seit gut einer Woche auf dem Schreibtisch von Erfurts Stadwerke-Chef Peter Zaiß: 17,47 Euro ist demnach jede einzelne Aktie des Pakets wert, das Erfurt am Leipziger Energieversorger „Verbundnetz Gas“ (VNG) hält. So lautet das Ergebnis des Gutachtens, das Erfurt als Verkäufer und Leipzig als Käufer vor mehr als einem Jahr in Auftrag gegeben hatten.

Für die Erfurter Stadtwerke hat sich damit das fast zweijährige Warten gelohnt, denn der Wert der Anteile summiert sich auf 90 Millionen Euro insgesamt. „Das ist deutlich mehr als wir selbst gedacht hatten“, so Stadtwerke-Geschäftsführer Peter Zaiß. Etwa 15,50 Euro war seine Wunschvorstellung.

Monatelang hatte die Erfurter Seite zittern und hoffen müssen. „Nun sind wir in der besseren Situation“, so Zaiß.

Denn der Gutachterspruch ist bindend. Für weniger darf Erfurt die Aktien nicht an Leipzig verkaufen. Anderenfalls würde sich die Stadt und ihre Tochterfirma der Untreue schuldig machen. Die Kommunalordnung fordert Verkäufe zum Marktwert. Und der ist für den Verkaufszeitpunkt Herbst 2013 nun verbindlich festgestellt.

„Nachverhandlungen gibt es nicht“, sagt auch Oberbürgermeister und Aufsichtsratschef Andreas Bausewein (SPD). Nicht nur wegen der Kommunalordnung, sondern auch wegen einer nachhaltenden Verärgerung gegenüber den sächsischen Verhandlungspartnern.

„Die Verhandlungen waren schwierig, zäh, schleppend und durch permanente Verzögerungen seitens der Leipziger Seite geprägt“, so Bausewein. Dass es Versuche gegeben habe, sogar über die Landesregierung massiv Einfluss auf die Verhandlungen zu nehmen, wollte Bausewein indes nicht bestätigen, aber auch nicht dementieren.

Ein letztes Störfeuer aus Richtung Leipzig

Noch in der vergangenen Woche hatte Leipzig zudem versucht, die Wertermittlung des neutralen Gutachters anzuzweifeln. Man müsse neue Unterlagen beiziehen, weitere Aspekte in die Wertermittlung einbeziehen. „Wir konnten das erfolgreich abwehren“, so Zaiß.

Wie verhärtet die Fronten inzwischen sind, zeigt auch noch eine weitere Ankündigung des Stadtwerke-Chefs. „Bis zum 11. Oktober muss Leipzig erklären, ob deren Stadtwerke die Aktien kaufen wollen oder nicht. Sollte das gemeinsam beauftragte Gutachten auf gerichtlichem Wege infrage gestellt werden, werden wir am 12. Oktober mittels Feststellungsklage die Herausgabe der Aktien verlangen“, so Zaiß.

Noch ist der 4,2 prozentige Erfurter Anteil in einer kommunalen Beteiligungsgesellschaft namens VUB geparkt. Laut Gesellschaftervertrag mussten den anderen Partnern die Papiere zuerst angeboten werden. Nur Leipzig wollte das Paket erwerben. Die VNG als umsatzstärkstes ostdeutsches Unternehmen hat seinen Sitz in der Pleiße-Stadt, zahlt hier Steuern und sichert Arbeitsplätze. Würde das Erfurter Paket außerhalb der VUB verkauft werden, fiele dessen Unternehmensanteil auf unter 25 Prozent. Die aktienrechtliche Sperrminorität, die beispielsweise die Verlegung des Unternehmenssitzes verhindert, ginge verloren.

Diese Gefahr ist durchaus real. Denn während der vergangenen Monate hat der Mehrheitsgesellschafter in der VNG, die Oldenburger EWE, massiv Aktien dazugekauft und hält inzwischen über 74 Prozent der Anteile. Auch er hat gegenüber Erfurt bereits sein Interesse signalisiert, die Erfurter Aktien zu kaufen.

Parallel versuchen jedoch auch die Sachsen die VNG unter ihre Kontrolle zu bringen, haben sich dafür mit einem australischen Finanzinvestor verbunden und der EWE ihrerseits ein Übernahme-Angebot gemacht. Allerdings sollen nur 11,50 Euro je Aktie geboten worden sein.

Doch der Gutachterspruch hat den Preis empfindlich nach oben getrieben. Plötzlich ist das Gesamtunternehmen 2,1 Milliarden Euro wert – und damit über 700 Millionen Euro mehr als bis vergangene Woche noch angenommen. Die Leipziger Übernahmepläne dürften damit endgültig vom Tisch sein.

Die Millionen sollen bei Stadtwerken verbleiben

„Auch wenn die EWE nicht rechtlich verpflichtet wäre, für 17,47 Euro zu kaufen, bin ich mir sicher, dass wir diesen Preis erzielen werden“, so Bausewein für den Fall eines Leipziger Rückzugs. Nach Abzug von noch auf den Aktien lastenden Krediten könnte das Geschäft bis zu 40 Millionen Euro in die Kasse der Stadtwerke spülen. „Dort soll es auch bleiben“, so Bausewein. Mit Bundesgartenschau, Sanierungskosten für die Bäderlandschaft oder Investitionen in den Fuhrpark der Evag gibt es genügend Bedarf, das Geld innerhalb der Stadtwerkegruppe sinnvoll zu investieren“, so der Oberbürgermeister.