Flüsterasphalt könnte Tempo-30-Zonen unnötig machen

Erfurt. Spezielle Deckschicht für Straßen hält aber nicht allzulange der täglichen Beanspruchung stand.

Seit dem Sommer dieses Jahres gilt auf der Binderslebener Landstraße in Höhe der Erfurter Hauptfriedhofs Tempo 30. Anwohner hatten sich jahrelang . über den Verkehrslärm beschwert. Foto: Susann Fromm

Seit dem Sommer dieses Jahres gilt auf der Binderslebener Landstraße in Höhe der Erfurter Hauptfriedhofs Tempo 30. Anwohner hatten sich jahrelang . über den Verkehrslärm beschwert. Foto: Susann Fromm

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Das nervt viele Autofahrer: Immer wieder findet man auf Straßen innerhalb der Ortschaft eine Begrenzung auf 30 Kilometer pro Stunde. Obwohl man schneller fahren könnte. Denn es geht dabei nicht um die Sicherheit an Kindergärten oder Schulen, sondern um Lärmschutz für Anwohner und Passanten. Beispiele findet man in der Binderslebener Landstraße oder abends am Juri-Gagarin-Ring in Erfurt. Dabei gäbe es die Möglichkeit, bestimmte Asphaltsorten aufzubringen, die die Lärmbelastung reduzieren.

Solch lärmoptimierender Asphalt liegt in Erfurt zum Beispiel in der Hannoverschen und der Stotternheimer Straße. Gegenüber herkömmlichen Asphaltdeckschichten ist hier die Lärmreduzierung deutlich messbar, unterstreicht Alexander Reintjes vom Erfurter Tiefbau- und Verkehrsamt. Derartige Beläge sind eine Zwischenlösung, sie reihen sich ein zwischen tatsächlichen Spezialasphalten zur Lärmreduzierung wie offenporige Asphalte und nur lärmreduzierten Asphaltdeckschichten.

Poren werden durch Staub verstopft

Im Bereich der Thüringer Straßenbauverwaltung wurden solche offenporigen Asphalte (Opa) fast gar nicht eingebaut, sagt Markus Brämer, Präsident des Landesamtes für Bau und Verkehr. Auf dem ehemaligen Abschnitt der A"4 bei Eisenach (Hörselberge) hatte sich diese Art Belag nicht bewährt.

Opa kann zwar auf Autobahnen zu einer Lärmreduzierung von bis zu 5 Dezibel führen - zum Vergleich: ein Radio in Zimmerlautstärke erzeugt etwa 50 Dezibel - allerdings beträgt die Liegedauer nur 6 bis 8 Jahre gegenüber herkömmlichen Deckschichten von 12 Jahren.

Durch die Offenporigkeit wird ein Teil der Geräusche "geschluckt". Aber durch rasches Verstopfen der Poren mit Staub und Dreck ist dieser Effekt nicht von langer Dauer, sondern muss durch regelmäßige Hochdrucksäuberungen wieder hergestellt werden. Bei Starkregen entsteht außerdem Aquaplaning. Die lärmmindernde Wirkung tritt erst ab einer Geschwindigkeit von 60 km/h ein, sodass ein Einbau innerhalb von Ortsdurchfahrten nicht zielführend ist, meint Brämer. In Erfurt wurden viele Straßen mit lärmreduzierten Belägen versehen, allesamt im Konjunkturpaket II. So die Alfred-Hess-Straße. In der Moritzwallstraße wurde eine Art Flüsterasphalt aufgebracht, der nach jetzigen Erkenntnissen das höchste Potenzial für eine lange Liegedauer hat. Bislang gilt: Die Asphaltbeläge, die am meisten lärmreduzierend wirken, sind aufwendig bei der Unterhaltung und haben eine geringere Haltbarkeit als weniger lärmreduzierende Beläge, so Reintjes. "Derzeit bauen wir recht konservativ." Weil andere Beläge höhere Liegezeiten haben und ähnliche Werte bei der Lärmreduzierung.

Kommentiert von Wolf-Dieter Bose:

Weniger Geräusche

Die Botschaft ist wenig erfreulich: Einen hochwirksamen Flüsterasphalt, der auch noch langlebig ist, den gibt es bislang nicht. Und wird es vorläufig wohl auch nicht geben, selbst wenn bundesweit verschiedene Bauweisen getestet und erprobt werden.

Die von Experten bevorzugten Lärmschutz-Erdwälle kommen bestenfalls an Autobahnen sowie deren Auf- und Abfahrten zum Einsatz. Der Geräuschpegel in den Ortschaften wird dadurch nicht geringer. Doch die Anwohner vielbefahrener Straßen haben ein Recht auf einen verkehrslärmarmen Feierabend. So dürften die ungeliebten Tempo-30-Abschnitte nicht nur nicht weniger werden. Es ist eher zu befürchten, dass sie noch zunehmen. Es sei denn, der richtige Asphalt wird doch erfunden und er ist nicht zu teuer.

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