IHK-Wirtschaftsbeirat kritisiert Praktiken in Zeitarbeitsbranche

Er nennt die verbreitete Praxis der Leiharbeit in Deutschland modernen Menschenhandel. Und er beschäftigt selbst Zeitarbeiter in seinem Unternehmen. Er kritisiert den Thüringer Wirtschaftsminister, weil dieser für Firmen mit Zeitarbeitern die Investitionsförderung kürzen will. Und er setzt sich für das Prinzip ein: Gleicher Lohn für gleiche Arbeit.

Matthias Grafe, Vorsitzender im regionalen IHK-Wirtschaftsbeirat, kritisiert die Situation in der Zeitarbeitsbranche. Foto: Thomas Mülle

Matthias Grafe, Vorsitzender im regionalen IHK-Wirtschaftsbeirat, kritisiert die Situation in der Zeitarbeitsbranche. Foto: Thomas Mülle

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Weimar. So manches riecht nach Widersprüchen in den wirtschaftspolitischen Aussagen von Matthias Grafe, Vorsitzender im regionalen IHK-Wirtschaftsbeirat. Jetzt hat er die Widersprüche aufgeklärt.

Der Blankenhainer Unternehmer hält die Missbrauchsrate in der Arbeitnehmer-Überlassung für höher als die Bundesregierung. "Ich glaube, da sind mindestens 20 Prozent Missbrauch, nicht nur zwei oder drei", sagt Matthias Grafe. Dennoch sei die Flexibilisierung auf dem Arbeitsmarkt erfolgreich gewesen, betont er mit Verweis auf die Arbeitsmarktstatistik. "Deshalb darf die Politik auch nicht die Flexibilisierung bekämpfen, sondern den Missbrauch der Arbeitnehmer-Überlassung."

Die Grafe Advanced Polymers GmbH hat nach Angaben ihres Geschäftsführers sogar so schlechte Erfahrungen mit Zeitarbeitsfirmen gemacht, dass sie inzwischen nur noch mit einem bestimmten Unternehmen zusammenarbeitet. "Es gab sogar Fälle, da haben wir konkrete Stundenlöhne für die überlassenen Arbeitnehmer vereinbart, und das Geld wurde trotzdem nicht an die Leute ausgezahlt", sagt er. Inzwischen sei es so, dass Zeitarbeiter sein Unternehmen tatsächlich mehr kosten als die unbefristet angestellten Mitarbeiter. "Der Verleiher will ja auch noch daran verdienen", begründet Matthias Grafe.

In Weimar stammten im vergangenen April 81 von 186 bei der Arbeitsagentur als zu besetzen gemeldete Stellen von Zeitarbeitsfirmen. Im Weimarer Land waren es 41 von 179. Deshalb hält Grafe das Instrument der Arbeitnehmer-Überlassung auch für wichtig. Als Unternehmer könne er Umsatzentwicklungen, vor allem die Nachhaltigkeit, längst nicht immer so sicher abschätzen, wie das Arbeitsrecht den Kündigungsschutz nach der Probezeit nahezu unumkehrbar mache. Zeitarbeit sei ein Ausweg.

Matthias Grafe ist sogar überzeugt: "Wenn wir in der Krise 2009 bei 36 Prozent Umsatzeinbruch nicht die Zeitarbeit und die Kurzarbeit gehabt hätten, dann wären wir deutschlandweit in einem volkswirtschaftlichen Desaster gelandet."