Ist der Kapitalismus jetzt wirklich am Ende?

Die Krise besser verstehen: Thomas Sauer hält eine Reform der Ökonomie für unverzichtbar.

Die Tafel des Deutschen Aktienindex (DAX), aufgenommen in der Börse in Frankfurt am Main. Foto: Martin Öser/dapd

Die Tafel des Deutschen Aktienindex (DAX), aufgenommen in der Börse in Frankfurt am Main. Foto: Martin Öser/dapd

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Wollen Sie den Kapitalismus abschaffen?

In dem Aufruf geht es erst einmal darum, ein Monopol abzuschaffen, das Monopol einer dogmatisch erstarrten, neoliberal deformierten ökonomischen Theorie. In der Mikroökonomie wird ja gelehrt, dass Monopole in der Regel mit einem Verlust an gesellschaftlichem Wohlstand einhergehen.

Das gilt aber für die Wirtschaftswissenschaft selbst auch: erhebt hier eine Richtung den Monopolanspruch und kann ihn bei den Berufungen, Lehrplänen und der Vergabe von Fördermitteln auch durchsetzen, droht das Fach dogmatisch zu erstarren. In letzter Konsequenz wird es sich von gesellschaftlicher Realität und Bedeutung entfernen. Menschen, die in der DDR den leidigen ML-Unterricht an Schulen und Universitäten über sich ergehen lassen mussten, wissen, wovon ich spreche.

Was folgt daraus?

Dieses andauernde Desaster muss nun endlich Konsequenzen haben, in der Wirtschaftspolitik wie auch in der ökonomischen Lehre und Forschung. Ein "Weiter so" ist nicht vertretbar, gerade wenn ein unkontrollierter Kollaps unseres wohlfahrtsstaatlich abgefederten Kapitalismus verhindert werden soll. Was wir brauchen, das sind wirklich neue Ansätze in der ökonomischen Theorie und in der politischen Praxis.

Was ist denn heute falsch, was gestern galt?

Die vorherrschende neoklassische Wirtschaftslehre geht von einem Menschenbild aus, das von vorneherein so konstruiert wurde, dass der Markt immer das wirtschaftlich überlegene Ergebnis liefert. Staatliches oder gemeinschaftliches Handeln ist aus dieser Sicht immer die unterlegene wirtschaftliche Alternative. Sollten die Effizienz-Prophezeiungen dieses Modells dummerweise einmal nicht mit der Realität übereinstimmen - und das kommt in letzter Zeit immer häufiger vor -, dann kann das aus Sicht dieser Wirtschaftsideologie nur daran liegen, dass der Markt eben nicht richtig funktioniert.

Die neoklassischen Ökonomen sprechen dann gern von externen Kosten, die in der Regel der Allgemeinheit aufgebürdet werden.

Nennen Sie dafür ein Beispiel...

Das beste Beispiel sind die Treibhausgase, die beim Verbrennen von fossilen Brennstoffen in die Luft gefeuert werden. Der Neoklassiker sagt dann: Das Problem bestehe nicht darin, dass Marktprozesse die Gemeingüter saubere Luft und Klimastabilität gefährden. Nein, nein, es gebe vielmehr zu wenig Markt! Ein Markt für Luftverschmutzungsrechte müsse her. Dass der Markt für CO2-Emissionsrechte in der EU eine grandiose Bruchlandung hingelegt hat, kann natürlich nur an technischen Details und nicht an dieser Idee selbst liegen.

Das erinnert gefährlich an den Dogmatismus der katholischen Kirche, die ja noch Jahrhunderte nach Kepler, Kopernikus und Galilei die Irrlehre als verbindlich erklärte, dass die Planeten um die Erde und nicht um die Sonne kreisen würden. Nach der Erfindung des Fernrohrs wurde immer offensichtlicher, dass dies blanker Unfug war.

Aber statt dies einzugestehen, entwickelten die papsttreuen Astronomen immer kompliziertere Rechenmodelle, um die tatsächlich beobachteten Umlaufbahnen wieder in Einklang mit einer im Grundsatz falschen Theorie zu bringen.

Dieser Dogmatismus hat die Durchsetzung der modernen wissenschaftlichen Weltsicht des Sonnensystems lange Zeit behindert und bekämpft.

Hier setzt die Kritik der Unterzeichner des Aufrufs für die Erneuerung der Ökonomie an: Wir fordern die Durchsetzung von Pluralität und Konkurrenz ökonomischer Weltsichten an den Lehrstühlen und in den Forschungsinstituten.

Warum werden die Gegner der traditionellen Ökonomie gerade jetzt aktiv?

Weil die Zeit drängt: Die Ursachen der aktuellen Dreifachkrise von Finanzmärkten, Klima und globaler Armut sind längst noch nicht ausgeräumt.

Einflussreiche Interessengruppen üben bereits wieder ungehindert so viel Druck aus, dass sich die Politik nur noch im Schneckentempo bewegt. Und die wissenschaftlichen Ratgeber geben immer noch viel zu oft die alten, falschen Ratschläge. Manche sind auch von den einzelnen Interessengruppen - wie der Versicherungswirtschaft - direkt gekauft.

Wie sollte diese neue Ökonomie aussehen?

Ich halte drei Punkte für eine Reform der Ökonomie für unverzichtbar: Zum ersten muss die Ökonomie in Forschung und Lehre wieder systematisch in ihren sozialen und ökologischen Zusammenhang betrachtet werden, in den sie ja in der Realität ständig eingebettet ist.

Zum Zweiten ist ein neuer Ökonomiebegriff notwendig, der nicht den rationalen Egoisten zum Ausgangspunkt hat, der kein Heute und kein Morgen kennt. Wir benötigen vielmehr eine Ökonomie, die das Problem der Nachhaltigkeit menschlicher Handlungen zum Ausgangspunkt nimmt.

Das bedeutet drittens, dass der Lösungsansatz zum nachhaltigen Umgang mit unseren ökologischen und sozialen Ressourcen im kooperativen Ansatz menschlichen Handelns liegt.

Sind Sie für mehr Verstaatlichungen?

Nun, drei Jahrzehnte neoliberale Wirtschaftspolitik haben ja bislang nur immer mehr Privatisierung öffentlicher Aufgaben gemacht. Es kann aber nicht sein, dass der Staat und damit die Bürgerinnen und Bürger immer nur dann in Haftung genommen werden, wenn die Privatwirtschaft versagt hat, wie beispielsweise bei der Hypo Real Estate oder der Commerzbank. Es geht darum, dass der langjährige Trend zur Privatisierung der Erträge und Sozialisierung der Kosten gestoppt wird. Wir sollten die Bedingungen dafür schaffen, dass ein dritter Sektor gemeinschaftlichen Wirtschaftens ein stabiler und stabilisierender Faktor im Wirtschaftsleben wird.

Kommentar von Dietmar Grosser: Ist der Kapitalismus jetzt wirklich am Ende?

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