Kreuch schaut den Erfindern des Wohnmobils beim Wachsen zu

Gotha  Oberbürgermeister besucht das neue Gothaer Werk und hört von erstaunlichen Perspektiven der Branche. Unbefristete Arbeitsplätze haben System

Eine bequeme Matratze, erläutert Prokurist Philip Kahm Gothas Oberbürgermeister Knut Kreuch, die schnell beiseite geräumt Raum schafft, um Fahrräder zu laden.

Eine bequeme Matratze, erläutert Prokurist Philip Kahm Gothas Oberbürgermeister Knut Kreuch, die schnell beiseite geräumt Raum schafft, um Fahrräder zu laden.

Foto: Klaus-Dieter Simmen

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Es ist eine überaus missliche Situation, wenn es Brei regnet und der Löffel fehlt. So mag man sich seinerzeit bei Westfalia in Rheda-Wiedenbrück (Nordrhein-Westfalen) gefühlt haben. Wachsenden Kundenwünschen stand eine begrenzte Produktionskapazität gegenüber. Zunächst dachte man im Tochterunternehmen der französischen Rapido-Gruppe daran, eine neue Produktion in Frankreich aufzuziehen. "Kurz, wirklich nur sehr kurz war dieser Plan im Gespräch", sagt Westfalia-Geschäftsführer Mike Reuer.

"Uns war klar, das Traditionsunternehmen muss in Deutschland bleiben." So machte sich der Geschäftsführer hierzulande auf die Suche nach einem geeigneten Standort. Dass er den schließlich in Gotha fand, war keineswegs zufällig.

Gotha liege in einer Region, in der Fahrzeugbau eine große Tradition hat. "Das bedeutet Fachkräfte", sagt Reuer, "selbst bei einer vergleichsweise niedrigen Arbeitslosigkeit konnten wir hier auf geeignete Arbeitskräfte hoffen." Die fanden sich schnell, auch dank der Zusammenarbeit mit dem Gothaer Amt für Arbeit.

Komplette Modellpalette ab 2018 aus Gotha

Ebenso überzeugte die Fahrzeugbauer aus Ostwestfalen, dass eine ihren Anforderungen entsprechende Immobilie bereit stand. "Die können wir bei Bedarf erweitern, so dass wir bis zu 2000 Fahrzeuge im Jahr produzieren könnten", blickt der Geschäftsführer in die Zukunft. Ausschlaggebend war auch die Förderpraxis des Landes Thüringen bei Investitionen. Und die werden bei Westfalia in den nächsten drei Jahren am Standort Gotha rund vier Millionen Euro betragen.

All das hörte Gothas Oberbürgermeister Knut Kreuch (SPD) bei seinem Wirtschaftsbesuch nur zu gern. Mit Westfalia hat ein mittelständisches Unternehmen in der Residenzstadt Fuß gefasst, das für Wachstum steht.

Nach anfangs 18 Mitarbeiter hat man bereits auf 21. Im Sommer nächsten Jahres sollen es schon 60 sein. Denn die Produktionszahlen sollen in zwei Monaten auf acht bis zehn Fahrzeuge pro Woche steigen. Gegenwärtig fertigen die Mitarbeiter mit dem Amundsen 450 nur ein Modell der umfänglichen Westfalia-Reihe. Ab Frühjahr 2018 soll die komplette Palette in Gotha produziert werden.

Am Stammort in Rheda-Wiedenbrück wird natürlich auch weiterhin produziert – die sogenannten OEM-Fahrzeuge. Sie baut Westfalia vornehmlich für Mercedes und Ford. "Die Verlagerung der Kastenwagenproduktion nach Gotha kostet am Standort in Ostwestfalen keine Arbeitsplätze", versichert Mike Reuer. Viele der Beschäftigten dort sind schon lange im Unternehmen tätig.

"Das wollen wir auch in Gotha erreichen", erzählt der Geschäftsführer dem Oberbürgermeister. Deshalb hätten alle Mitarbeiter unbefristete Arbeitsverträge bekommen. "Wir investieren hier in unsere Zukunft", so Mike Reuer.

Die Geschichte von Westfalia geht zurück bis ins Jahr 1844. Aus einer Schmiede erwuchs ein Familienbetrieb der Kutschen und Sättel herstellte. Wenig später kamen Hirtenwagen hinzu. Dabei verband das Unternehmen erstmals den Bau einer mobilen Einrichtung mit Wohnen.

Den ersten Wohnwagen stellte Westfalia 1935 vor. Nicht für Freizeitzwecke gebaut – denn das interessierte damals niemanden – aber beim fahrenden Volk fand das Produkt schnell anklang. Das erste Wohnmobil aus einem VW Bulli baute die Firma auf Anfrage eines britischen Offiziers. Damit erfand Westfalia weltweit den ersten Campingbus. Und damit begann eine Erfolgsgeschichte mit Volkswagen, die das Unternehmen zum Marktführer machten sollte.

"Das sind wir auch heute noch", freut sich Reuer, "auch wenn wir unsere Produkte nicht zum kleinen Preis abgeben. Aber unsere Kunden wissen, dass Qualität ihren Preis hat." Und sie schätzen an Westfalia die Innovation, wenn es darum geht, auf kleinsten Raum ein Zuhause zu schaffen. Das geschieht nun in Gotha. In drei Werkhallen entstehen aus Kastenwagen von VW, Fiat und Mercedes hochgeschätzte Reisemobile. Die Branche boomt, der Markt legte um 20 Prozent zu. "Wir haben im gleichen Zeitraum ein Plus von 45 Prozent zu verzeichnen", sagt Mike Reuer.

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