Letzte Fahrt für die Ohratalbahn in Gotha

Ehe am Sonnabend, um 22.22 Uhr der letzte Zug der Orthalbahn in Gotha ankam, fuhren hunderte noch einmal auf den jetzt stillgelegten 36 Kilometern nach Gräfenroda mit. Axel Eger war dabei.

Die Crawinkler rollten am Abend ihr Protest-Transparent gegen die Stilllegung der Ohratalbahn in Gotha aus. Foto: Lutz Ebhardt

Die Crawinkler rollten am Abend ihr Protest-Transparent gegen die Stilllegung der Ohratalbahn in Gotha aus. Foto: Lutz Ebhardt

Foto: zgt

Gotha

12.15 Uhr: Der historische rote Triebwagen fährt auf Gleis 5 ein. Innerhalb weniger Minuten sind alle Sitzplätze besetzt. "Ist hier immer so viel los oder nur heute", fragt einer scheinheilig seinen Nachbarn. Es ist ein Zug der Generationen: Opas mit Enkeln, Eltern mit Kind und Kegel. Fahrplanpünktlich 12.39 Uhr geht’s los.

Emleben

12.48 Uhr: Am Streckenrand haben sich die ersten Fotografen postiert. Am Bahnübergang in Emleben hat einer eine Stehleiter mitgebracht. Blitzlichter zucken. Manchmal auch aus einem Gebüsch in der Ferne.

Petriroda

12.52 Uhr: Im alten Triebwagen, der eigens von der Schwarzatalbahn herübergekommen ist, laufen die Scheiben an - ein unklimatisiertes Bahngefühl wie früher. Ein Kind malt mit den Fingern Figuren an die Fenster.

Georgenthal

12.58 Uhr: Die Grünen steigen zu. Steffen Fuchs, Landratskandidat und Mitglied im Gothaer Kreistag, spricht durch ein grünes Mikrofon zu den Fahrgästen. Er wird ganz feierlich-christlich, als er von der alten Dame Ohratalbahn spricht, die nun zu Grabe getragen werde. Doch er glaubt durchaus an eine Auferstehung und verteilt Protestkarten, die die Leute unterschreiben und an die Landesregierung schicken sollen.

Die Diskussionen im Zug werden heftiger, der Ton markiger. Irgendwer sagt, dass die Strecke mit der Streichung des Frühzuges "regelrecht madig" gemacht worden sei. Sogar das Wort "Sabotage" fällt.

Ohrdruf

13.04: Ein blassoranges Bettlaken mit der Aufschrift "Wir brauchen unser Bähnchen" hängt an einem Gebäude am Bahnhof. Zwei Frauen winken aus einem Fenster dem Zug zu. Am Bahnsteig stehen drei Radwanderer. Sie können nicht einsteigen, beide Wagen sind zu voll. Für Pendler mit Fahrrad bedeutet die Einstellung der Linie eine echte Niederlage. In Bussen kommen sie mit den Rädern nicht mehr mit.

Luisenthal

13.09 Uhr: Immer wenn die Gleise parallel zu einer Straße führen, bleibt die Bahn zweiter Sieger. Die digitale Geschwindigkeitsanzeige vorn im Führerstand schafft es höchstens auf 50 km/h - wenn es geradeaus oder bergab geht. Die Autos brausen da mühelos vorbei.

Crawinkel

13.20 Uhr: Die Bahnhofsuhr hat ihre besten Tage hinter sich. Sie ist in einen blauen Müllsack gehüllt. Auf dem Bahnsteig halten zwei ein weißes Transparent: "Ohratalbahn - wir werden dich vermissen". Es sind Mandy und Stefan Schambach vom SPD-Ortsverein. Nutzen die Crawinkler die Bahn wirklich so sehr? "Na ja, einige" schränkt Mandy Schambach ein. Ihr Mann, elf Jahre war er hier Bürgermeister, ist regelmäßig nach Erfurt gefahren. "In einer Stunde war ich da", sagt er. Wer feste Arbeitszeiten hat, für den sei es günstig gewesen. Jetzt fährt er mit dem Auto, eine Dreiviertelstunde. "Aber mit der Bahn war es entspannter."

Frankenhain

13.21 Uhr: Matthias Schlegel macht die kurze Fahrt nach Gräfenroda und zurück mit. Er gibt zu bedenken, dass man zuletzt abends spätestens 16.39 Uhr von Gotha aus fahren konnte. Zu früh und damit unattraktiv für Pendler.

Gräfenroda

13.35 Uhr: Einige steigen zum Fotografieren aus, die meisten bleiben sitzen. Es geht sofort zurück. Ein Kameramann verpasst die Abfahrt. Er steht resigniert winkend auf dem Bahnhof .

Drinnen hat Guido Seidlitz seine Videokamera auf ein Stativ montiert und filmt aus dem hinteren Wagen die Strecke. Er ist extra aus Langenfeld im Rheinland gekommen. Der 42-jährige Dozent für Computertechnik ist ein Eisenbahnfreak. "Das Fernsehen hat mich drauf gebracht", erzählt er mit Blick auf die nächtlichen Sendungen. Seit 2005 filmt er Bahnstrecken, "weil das eine Nische war". Die Videos stellt er ins Internet (christelvonderbahn.de). Er lässt den Film einfach rückwärts laufen, da sieht es aus, als ob wir vorwärts fahren. Auch wenn die Signale dann rot zeigen, lacht er. Er sagt, dass außer der Ohratalbahn am selben Tag die Strecken zwischen Stolberg und Berga sowie von Magdeburg nach Loburg eingestellt werden.

Ohrdruf

14.05 Uhr: Am Fahrkartenautomat klebt ein handbeschriebener Zettel: Strecke Gotha-Gräfenroda-Gotha nicht mehr im System. Und an der verschlossenen Tür des Bahnhofsgebäudes steckt ein A 4-Blatt, das für eine Unterschriftensammlung wirbt. Der Ausdruck ist fast ein Jahr alt: 15/12/2010 steht links oben. Unterschriften bitte beim Fahrdienstleiter.

In dessen Raum ist es mollig war. Jochen Rasch schickt am Abend 21.56 Uhr den letzten Zug auf die Reise, dann endet sein Dienst. Bis dahin hat der 60-Jährige säuberlich jeden Zug und jeden Halt in einer Kladde vermerkt. Mit Kugelschreiber, ganz ohne Computer. Seit gestern sitzt er auf dem Bahnhof Themar. Acht Kollegen waren sie zuletzt noch in Ohrdruf, von einst rund 50 in den 1970-er Jahren. "Ein bisschen Wehmut ist schon dabei", sagt er. Hier an der Strecke hat er 1967 gelernt, war dann Rangierer und Stellwerker und später 22 Jahre lang, von 1978 bis 2000, Fahrdienstleiter in Crawinkel.

Gotha

15.20 Uhr: Die Ohrdrufer Trauergesellschaft mit symbolischem Sarg steigt aus, auch die "Olsenbande" ist dabei.

Der Triebwagenführer verriegelt den Führerstand und wechselt ans andere Ende des Zuges. Noch einmal geht es für ihn zurück durchs Ohratal, ehe halb sieben sein Dienst endet. Zur Stilllegung der Strecke möchte er "lieber nichts sagen", auch nicht seinen Namen. Sein neuer Dienstort ist Erfurt. Dann "geht es eben bis Glauchau oder rauf nach Göttingen".

22.22 Uhr: Die letzte Fahrt macht Hans-Jürgen Trunk, Lokführer seit 1977 und 27 Jahre lang hier unterwegs. Langsam rollt der Zug aus Crawinkel auf Gleis 5 ein. Die wenigen letzten Fahrgäste steigen aus. Dann ist die Ohratalbahn Geschichte.

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