Neuschwanstein ist überall

Berlin. Ob Flughafen BER, Elbphilharmonie oder Stuttgart 21: Die Kostenexplosion bei öffentlichen Bauvorhaben hat in Deutschland Tradition.

Ein paar Millionen Euro an Kosten mehr – davon können die Landesregierungen von Berlin und Brandenburg nur träumen. Der gemeinsame Großflughafen BER, der ursprünglich einmal 2007 eröffnet werden sollte, soll nun 2018 fertig werden. Vielleicht. Wenn überhaupt.

Und er kostet sechs Milliarden Euro. Mindestens. Die Ausgangsplanung in den 1990er-Jahren war von 770 Millionen Euro ausgegangen.

Der Flughafen bei Berlin ist nur das prominenteste Beispiel in Deutschland, wie politische Fehlleistungen, Pfusch am Bau und widrige Umstände zu jahrelangen Verzögerungen und einer Vervielfachung der Bausumme führen können.

Auf Platz 2 steht der neue Bahnhof Stuttgart 21. Die Idee stammt aus den 1980er-Jahren, im Jahr 2008 sollte er fertig sein. 2010 war dann Baubeginn. Und die Kosten? Stiegen von 2,5 auf rund 6 Milliarden Euro. Vorerst.

Platz 3 geht an Hamburg und die Elbphilharmonie. Statt 2010 wird das Bauwerk womöglich im Jahr 2017 eröffnet. Dann dürfte es mit 780 Millionen Euro etwa zehnmal so teuer sein wie einst geplant.

Die Aufzählung ließe sich beliebig fortsetzen. Ob nun die ICE-Strecke über Erfurt, die Fachhochschule in Bielefeld, die Kölner Bahn oder das Landeskriminalamt von Nordrhein-Westfalen: Immer dauert alles viel länger und kostete deutlich mehr wie versprochen.

Nun sind derart große und staatliche Bauvorhaben immer schwierig. Schon die Könige durften früher erfahren, dass ihre Schlösser entweder nicht fertig oder teurer werden – oder beides. Ludwig II. von Bayern etwa konnte seine Kopie von Versailles auf einer Insel im Chiemsee am Ende nicht mehr bezahlen. Schon das Schloss Neuschwanstein kostet doppelt so viel wie geplant.

Damals wie heute stehen am Anfang derartiger Desaster oft die überzogenen Ambitionen der Bauherren. In der Demokratie gibt es allerdings mehr Verantwortliche. Hinzu kommt hier, dass die Kosten zu Beginn geradezu herunter gerechnet werden, um sie politisch durchsetzen zu können. Als Konsequenz wird danach bei Ausschreibungen oft der billigste Anbieter genommen – und nicht der fachlich beste.

In Hamburg etwa offenbarte ein Untersuchungsbericht eine regelrechte Koalition von Interessen, die das Prestigeprojekt Elbphilharmonie unbedingt wollte – und deshalb ab einem bestimmten Zeitpunkt die Öffentlichkeit täuschte.

Das Papier, aus dem „Spiegel Online“ zitierte, berichtet von einer überforderten Projektkoordination, einer überhasteten Ausschreibung und einem chaotischen Nebeneinander von Bauunternehmern und Architekt. Der Erste Bürgermeister Ole von Beust (CDU) habe sich erst zu spät mit den Details beschäftigt. Diese Analyse ließe sich wohl so oder ähnlich auch auf viele Vorhaben in Thüringen anwenden.

Zu den Kommentaren