Reinholz kündigt weitere Betriebe in der Massentierhaltung an

Obwohl der massenhafte Einsatz von Medikamenten in der Tierproduktion heftig kritisiert wird, will der Thüringer Landwirtschaftsminister Jürgen Reinholz (CDU) weitere Großunternehmen ansiedeln. Bei der Veranstaltung unserer Zeitung "Thüringen kontrovers" hat er seine Politik verteidigt.

Am Montagabend hat sich Thüringens Landwirtschaftsminister Jürgen Reinholz (CDU) an einer Diskussionsrunde unserer Zeitung beteiligt. Foto: Marco Kneise

Am Montagabend hat sich Thüringens Landwirtschaftsminister Jürgen Reinholz (CDU) an einer Diskussionsrunde unserer Zeitung beteiligt. Foto: Marco Kneise

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Erfurt. Die Größe der Unternehmen habe so gut wie gar nichts mit dem Einsatz von Antibiotika und der Qualität der artgerechten Haltung von Tieren zu tun, so Reinholz. Das ganze Gegenteil sei der Fall: "In moderneren Thüringer Agrarbetrieben gelten meist strengere Spielregeln als in winzig kleinen Ställen etwa in Bayern", fügte er hinzu.

Auf der Diskussionsveranstaltung "Thüringen kontrovers" im Haus Dacheröden forderte der Minister auch eine fortgesetzte Förderung von landwirtschaftlichen Großunternehmen: "Die EU-Förderung wird für die Landwirte in Ostdeutschland ab 2014 sinken. Wir sind dann nicht mehr Ziel 1-Gebiet. Wir fordern aber von der EU Übergangsregelungen. Darüber hinaus darf die Förderhöhe nicht abhängig gemacht werden von der Größe des Landwirtschaftsunternehmens. Das würde gerade ostdeutsche Landwirte benachteiligen."

Während das Sozialministerium einen Umdenkprozess beim Einsatz von Antibiotika einräumt, entgegnete Jürgen Reinholz: "Die Frage der Tiergesundheit hängt nicht an der Stallgröße, sondern an den Haltungsbedingungen."

Cornelie Jäger, Referatsleiterin für Tierarzneimittel und Tiergesundheit im Sozialministerium, bestätigte in der Diskussion: "Wir sind, nach den Erfahrungsberichten der Kollegen vor Ort, durchaus der Meinung, dass Antibiotika zu umfangreich eingesetzt werden."

Die Amtschefs deutscher Agrarministerien haben bereits am Rande der Internationalen Grünen Woche in Berlin getagt und grundsätzlich empfohlen, dass der Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung nur noch in therapeutisch begründeten Einzelfällen notwendig und dadurch auf das absolut unerlässliche Maß beschränkt wird. Dies gilt auch für Haustiere.

Darüber hinaus wird die Bundesregierung aufgefordert, gemeinsam mit den Ländern ein verbindliches nationales Antibiotika-Minimierungskonzept zu erarbeiten. Der Thüringer Agrarminister erklärte, dass ein gesellschaftliches Umdenken, wie es beim Atomausstieg der Fall war, nicht möglich sei.

"Das Thema Atomausstieg mit Vorgaben im Bereich der Ernährung zu vergleichen, hinkt völlig", sagte Reinholz. Weder die Bundes- noch die Landesregierung könne ein Gesetz erlassen, "mit dem freien deutschen Bürgern vorgeschrieben wird, wie sie sich zu ernähren haben".

Selbst eine Preisregulierung sei nur schwer möglich, sagte Reinholz. "Wenn die Menschen ihren Fleisch- und Wurstkonsum beibehalten wollen und gleichzeitig nicht bereit sind, deutlich mehr Geld auf die Ladentheke zu legen, dann wird man an der modernen industriellen Tierhaltung nicht vorbeikommen." Die erste Verantwortung bei der Ernährung trügen die Eltern.

In der teils hitzigen Debatte forderten einige Gäste die Thüringer auf, weniger Fleisch zu essen. Aus ihrer Sicht fehlt es an Anreizen für die Agrarbetriebe, nicht immer mehr und immer billiger produzieren zu müssen. Dies sei auch eine Frage der Ethik. Der Politik wurde vorgeworfen, viel zu wenig gegen den Vormarsch überdimensionierter Schweinemastanlagen in Thüringen zu tun.

Agrargroßbetriebe

In Deutschland gibt es circa 220 000 viehhaltende Betriebe.

Rund 12 Millionen Rinder, 25 Millionen Schweine und 120 Millionen Stück Geflügel zählen zum Viehbestand.

Auch in Thüringen sind neue große Anlagen zur Massentierhaltung bereits in Planung oder fertiggestellt.

Dies betrifft Remda, Neumark bei Weimar, Immenrode bei Sondershausen oder Oldisleben bei Artern.

Kritiker befürchten, dass durch den neuen Wettbewerb kleine Betriebe an die Wand gedrückt werden.

Die großen Ställe werden oft von Holländern betrieben, die aus Kostengründen hierher kommen.

Thüringen Kontrovers zum Thema Massentierhaltung

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Kommentiert von Dietmar Grosser

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