Reportage: Schweinezuchtanlage in Alkersleben erhitzte einst die Gemüter

Vor fünf Jahren ging die Schweinezuchtanlage in Alkersleben in Betrieb. Sie war umstritten, erhitzte die Gemüter – und heute?

Die Schweinemastanlage der Poels Schweinezucht GmbH in Alkersleben. Foto: Marco Kneise

Die Schweinemastanlage der Poels Schweinezucht GmbH in Alkersleben. Foto: Marco Kneise

Foto: zgt

Schweinedorf? – Kommt man mit dem Auto vom Flugplatz Alkersleben aus Richtung Erfurt, sieht und merkt man nichts von der Zuchtanlage. Es herrscht ganz normaler Alltag. Nach dem Ortsausgangsschild geht es aufwärts. Oben auf dem Berg, an der Straße zwischen Alkersleben und Dornheim, steht sie: die umstrittene Anlage. Etwas abseits.

Wer nicht genau nach rechts schaut, übersieht vielleicht sogar das Gelände: ein sauberes und aufgeräumtes Außenterrain. Am offenen Tor hängt das Schild: Schweinebestand – für Unbefugte betreten verboten. Man sieht sechs neue große Silos, ockerfarben. Die Ställe und Hallen präsentieren sich in hellem Gelb. Ganz anders, als man sie bis vor 25 Jahren kannte. Der Zaun grün, teils ganz neu gesetzt, auf dem anderen Teil stehen noch die alten Pfeiler, die anfangs der 1970er-Jahre Schüler der damaligen Erweiterten Oberschule – mithilfe eines Theodolits – einbetoniert hatten.

Knapp 20.000 Tiere in der Anlage

„Rund zwölf Millionen Euro haben wir in die Anlage investiert, ohne Tiere“, sagt Melanie Große Vorspohl, Chefin der Anlage und Gattin des Investors Poels. Der Stall der alten Milchviehanlage ist geblieben, wurde aber vollkommen entkernt für die Ferkel. „Die anderen Ställe sind neu gebaut. Alle recht geräumig und hell, mit großem Luftvolumen.“ 18 Mitarbeiter kümmern sich um gut 20.000 Tiere, davon rund 4700 Zuchtsauen und der große Rest Ferkel der verschiedenen Jahrgänge.

Vor zehn Jahren hatte der niederländische Investor Luc Poels den Antrag gestellt, auf dem Gelände der ehemaligen Milchviehanlage Alkersleben bei Arnstadt eine Schweinezuchtanlage zu errichten. Nach fünf Jahren – 2010 – ging sie dann in Betrieb. Dazwischen lag ein Sturm von Protesten.

Die Nachfrage nach Schweinefleisch ist groß, der Bedarf für die Thüringer Wurst und Fleischwaren kann nur zu 70 bis 75 Prozent durch heimische Tiere gedecktwerden. Doch die Schweinemast- und -zuchtanlagen sind umstritten. Vor allem in den Regionen, wo sie gebaut werden sollen. In manchen gelingt es auch, sie zu verhindern.

Großes Ungemach für Region wurde befürchtet

In und um Alkersleben war von enormen Belastungen durch die vielen Transporte die Rede, von Überdüngung der Böden durch Gülle, von Geruchsbelästigung für die Anwohner und die angrenzenden Regionen. Selbst die Firmen vom Gewerbegebiet Erfurter Kreuz und die Freunde der Traukirche von Johann Sebastian Bach im benachbarten Dornheim sahen großes Ungemach auf die Region zukommen. Eine Bürgerbewegung gründete sich, Unterschriften wurden gesammelt.

Noch heute hängt unter dem Dach eines Fabrikgebäudes im kleinen Dorf Ettischleben ein altes Transparent von damals: Mit der Befürchtung, dass aus dem Wipfratal ein Gülletal wird. Und mit den Worten: Nein zur Schweinefabrik Alkersleben.

„Was will man jetzt noch machen, die Anlage steht und die Menschen essen das Fleisch. Und zwar viel, ich esse keins“, sagt eine Frau, die ihren Namen nicht nennen will. „Der Betreiber verhält sich nach den Gesetzen. Wir hätten damals nicht den Betreiber bekämpfen sollen, sondern diejenigen, die die Gesetze machen. Die Gülle kommt zwar nicht auf die Felder hier in der Nähe, dann gelangen die Antibiotika eben an anderer Stelle in den Boden. Aber es passiert“, sagt die Frau.

Um weiteren Ärger mit den Anwohnern zu vermeiden, „haben wir in unsere Anlage freiwillig einen Luftwäscher eingebaut, der aus der Abluft 80 Prozent des Geruchs, Staubs und Ammoniaks herausfiltert“, erzählt Melanie Große Vorspohl weiter.

Moderne Technik gegen Gülle-Gestank

Einmal im Jahr werden Abluftmessungen vorgenommen und ans Umweltamt geschickt. Beschwerden habe es bis jetzt keine gegeben, sagte die Anlagenleiterin. Für die viel gescholtene Gülle gebe es feste Abnahmeverträge. „Als organischer Dünger ist sie gesucht“, meint Melanie Große Vorspohl. Und sie werde auf einem größeren Radius auf den Feldern ausgebracht, als es anfangs geplant war. Die Gülle wird nicht mehr in großem Abstand über dem Boden versprüht, sondern durch die moderne Technik ganz knapp darüber oder sogar in die Erde eingegrubbert, was den Gestank deutlich eindämmt. „Ich freue mich, dass Ruhe eingekehrt und die Diskussion sachlich geworden ist“, sagt die Chefin.

Eine junge Frau wohnt noch nicht lange in Alkersleben, die Schweinezuchtanlage nahm sie noch nicht zur Kenntnis.

„Die Lage hat sich ziemlich beruhigt“, meint Marcus Reiß. „Hier unten im Ort riecht man nichts, höchstens wenn man oben an der Anlage vorbeifährt und die gerade ihre Lüftung anhaben“, meint der 26-jährige Rettungsassistent. Die Alkerslebener, die oben in der Nähe der Kirche wohnen, die würden etwas riechen, wenn der Wind ungünstig steht, sagt er.

„Ab und zu ist das so“, bestätigt Karl-Heinz Stangel, der gerade sein Auto vor der Haustür abgestellt hat. „Unsere Befürchtungen waren vorher größer, als es dann in Wirklichkeit eingetroffen ist.“ Der 61-Jährige hatte damals selbst mit gegen die Anlage protestiert. „Der Ort wird ja nicht attraktiver mit ihr.“ Im Dorf merke man zwar so gut wie nichts von der Anlage. „Ob es aber dort wirklich so tierfreundlich abläuft, wie uns die Betreiber immer sagen, daran habe ich so meine Zweifel. Man hört ja ansonsten nicht viel Gutes von so riesigen Ställen. Aber selbst habe ich es noch nicht gesehen.“

Ministerium: Stinker-Erlass für Schweineställe in Thüringen

Wie viel Stall braucht ein Tier - sind große Anlagen sinnvoll?