Rettung vor Funklöchern — Gothaer Freifunker bringen Internet ins Café

Gotha. Der Verein finanziert sich ausschließlich aus Mitgliedsbeiträgen und Spenden. Knotenpunkte als unabhängige Infrastruktur.

Der Restaurant-Chef Stefan Skoberla (S‘Limerick) schaut, wie Christian Linde, Volker Zeihs und Beatrice Florat (von links) vom Verein „Thüringer Initiative zur Förderung von Informationstechnologie“ im „Aroma“ den Zugang einmessen. Foto: Peter Riecke

Der Restaurant-Chef Stefan Skoberla (S‘Limerick) schaut, wie Christian Linde, Volker Zeihs und Beatrice Florat (von links) vom Verein „Thüringer Initiative zur Förderung von Informationstechnologie“ im „Aroma“ den Zugang einmessen. Foto: Peter Riecke

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Am Gothaer Buttermarkt kann man seit dem Wochenende vor Pfingsten mit dem Handy in einer weiteren Gaststätte ins Internet gehen — und das auch noch gebührenfrei und ohne Anmeldung. Zuvor galt auch dort noch: „Da haste den Salat“. — So steht es in orangen Lettern auf grünem Untergrund über dem neuen Eingang zur „Aroma Coffeeshop & Salatbar“ im Lutherkeller in der Hünersdorfstraße am Rande des Gothaer Buttermarktes. Das ist natürlich diesmal nicht im sprichwörtlichen Sinne, sondern wörtlich gemeint, denn wie der Name schon sagt, werden dort auch Salate angeboten.

Wer jedoch im Vertrauen auf seinen Mobilfunkprovider dort am Tresen Platz genommen hatt, um vor oder während des Essens dieses und jenes mit seinem Mobiltelefon zu erledigen, konnte bis vor kurzem dann wirklich „den Salat haben“, denn das Essen schmeckte gut, aber an eine vernünftige Verbindung ins Mobilfunknetz war nicht zu denken.

Dieses Leiden kannte Inhaber Andreas Wolfram auch schon aus seinem alten Objekt wenige Hausecken weiter am Buttermarkt im Schatten der Innungshalle und des Irish Pub „S‘Limerick“.

Um so mehr freute er sich über das Angebot junger Leute, ihm für seine Aromabar auf zwei Etage einen für die Gäste kostenfreien Internetzugang zu installieren. Natürlich nicht per Stecker an jedem Tisch, sondern per WLAN (Wireless lokal area network — englisch für drahtloses Netzwerk auf kleinem Gebiet), so dass man auch mit den modernen Smartphones und Tablet-PCs einen Internetzugang nutzen kann.

Auch Nicht-Fachleute gern gesehen

Thüringer Initiative zur Förderung von Informationstechnologie, kurz TIF-IT, nennt sich der Gothaer Verein, dem unter anderem Christian Linde, Volker Zeihs und Beatrice Florat angehören, die im Aroma den Internetzugang einrichteten. Sie haben alle einschlägige Berufe und an der Fachhochschule Schmalkalden studiert. Doch für die Vereinsmitgliedschaft ist das keine Bedingung. Ganz im Gegenteil, man wolle auch Outsider ansprechen, sagt der stellvertretende Vereinsvorsitzende Christian Linde. Auch eine Grundschul-Lehrerin sei Mitglied, nennt er ein Beispiel. Ihre Hilfe bei der Versorgung mit Internet-Zugangspunkten ist nur ein kleiner Teil der Vereinstätigkeit, aber ein wichtiger.

Störerhaftung aufwendig vermieden

Da in Deutschland noch immer ein Anschlussinhaber haftet, wenn andere über seinen Anschluss Rechtsverletzungen begehen (die sogenannte Störerhaftung), beziehen sie die eigentlichen Nutzdaten aus Schweden, in dem es wie in den meisten Ländern weltweit keine Störerhaftung gibt. Dabei helfen Mitglieder der bundesweiten Freifunk-Initiative aus Erfurt.

Von dort kommt das Signal über einen virtuellen Tunnel, also verschlüsselt, per Internet nach Gotha. Da jedes Datenpaket den Umweg über Schweden nimmt, sind die Reaktionszeiten entsprechend lang. Solange die von der Großen Koalition in Berlin angekündigte Abschaffung der Störerhaftung noch nicht in Gesetze gegossen ist, wird das auch so bleiben. Physisch hat der Verein einen DSL-Anschluss der Telekom in seinem kleinen Büro am Buttermarkt. Von dort geht das Signal zum Café Kanne (Harmonie) schräg gegenüber. Dort kann man bereits seit April unentgeltlich im Internet surfen und die so beliebten Messenger-Dienste mit dem Smartphone nutzen.

Die Kosten übernimmt er selbst, doch die Finanzierung allein aus Mitgliedsbeiträgen (150 Euro im Jahr) und Spenden setzt enge Grenzen, es sei denn, es kämen deutlich mehr Mitglieder und Spenden hinzu. Dann könnte man sich auch einen Anschluss mit mehr Bandbreite leisten. Eine intensive Nutzung durch viele Surfer hätte dann nicht so schnell deutliche Verlangsamung von Nachrichtenübermittlung und Webseitenaufbau zur Folge.

Mehr Teilnehmer bringen mehr Ausfall-Sicherheit

Warum nicht einfach Werbung in die Zugänge geschaltet oder stundenweise Pässe verkauf werden, versteht man nach einem Blick auf die Homepage „freifunk.net“: „Wir verstehen frei als öffentlich zugänglich, nicht kommerziell, im Besitz der Gemeinschaft und unzensiert“ ist dort zu lesen. Langfristiges Ziel ist, eine Netz von Freifunk-Routern aufzubauen, das auch dann noch funktioniert, wenn einer der großen kommerziellen Provider mal ausfällt. Wer mitmacht und einen Router in seinem Haus mit Strom versorgt, kann Daten auch über das interne Freifunknetz übertragen. Selbst wenn es keine Verbindung ins weltweite Netz gäbe, funktionierte es wie ein Internet in einem Wohnviertel oder in einer Stadt, genug Teilnehmer vorausgesetzt.

Doch der Gothaer Verein will mehr. „Die argen Missstände im Gebrauch und im Verständnis der Informationstechnologie bei der Allgemeinheit und den Unternehmen“ haben zur Gründung im Dezember 2013 bewogen, erklärt er auf seiner Homepage im Internet. Da geht es um eine Vielzahl von Themen wie den Einsatz von Verschlüsselung, um die Privatsphäre zu bewahren bis zum Nutzen freier statt kommerzieller Software. Auch die Router laufen mit Linux.

Treffen alle 14 Tage in der ungeraden Woche, Sonntag 15 Uhr, Buttermarkt 2

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