Straße der Industriekultur: "Ruhla-Uhren - die gehen nach wie vor!"

Ruhla (Wartburgkreis). Wo früher über 10.000 Menschen Arbeit fanden, werden von Gardé auch heute noch Zeitmesser gebaut. Die Erben der industriellen Tradition haben sich auf Funkuhren spezialisiert.

Die Schornsteine rauchen. Unsere historische Ansichtskarte von Ruhla zeigt, dass praktisch der ganze Ort in seiner Tal-Lage von der damaligen Metall- Industrie bestimmt wurde. Das Imperium der Thiels setzte auf Eigenproduktion - von der Maschine bis zum fertigen Endprodukt. Auf der einen Seite wurden Uhrenteile hergestellt, auf der anderen montiert und versandfertig gemacht. Foto: Thüringer Wirtschaftsarchiv

Die Schornsteine rauchen. Unsere historische Ansichtskarte von Ruhla zeigt, dass praktisch der ganze Ort in seiner Tal-Lage von der damaligen Metall- Industrie bestimmt wurde. Das Imperium der Thiels setzte auf Eigenproduktion - von der Maschine bis zum fertigen Endprodukt. Auf der einen Seite wurden Uhrenteile hergestellt, auf der anderen montiert und versandfertig gemacht. Foto: Thüringer Wirtschaftsarchiv

Foto: zgt

Ein Witz am Anfang: "Ruhla-Uhren - die gehen nach wie vor!" Doch mit dieser Gehässigkeit aus DDR-Zeiten tat man den "Uhrenwerkern" aus Ruhla eigentlich unrecht. Und dafür gibt es mehrere Gründe.

Der erste: Die Herstellung von Zeitmessern in dem kleinen Städtchen nahe Schmalkalden blickt auf eine lange Tradition zurück. Die Ruhlaer wussten zu allen Zeiten, wie man Uhren kostengünstig und trotzdem zuverlässig baut. Das begann mit einer Taschenuhr, die schon in den 1880er-Jahren in Großserie auf den Markt kam.

Der zweite: Trotz Massenproduktion vor allem in den Sechzigern konnte Ruhla beim Thema "Schöne Uhren" immer wieder Zeichen setzen. Ein paar davon zeigen wir rechts unten. Der dritte: Wenige Hersteller können auf ein Erfolgsmodell verweisen, das mehr als einhundert Millionen Mal verkauft wurde. Die Ruhlaer können es - mit der Armbanduhr Kaliber 24.

Und der vierte: Von Ruhla gingen Erfindungen aus, die weltweit die Uhrenfertigung revolutionierten. Hier entstand eine der ersten Digitaluhren. Und mit der "elektrischen Uhr" wurde sogar ein Vorgänger der Quarzuhr entwickelt. Alles aber begann mit der Geschichte der Metallgewinnung und -verarbeitung.

Beides betrieb man in dieser Region schon im 11. Jahrhundert: In Ruhla blühte der Eisenbergbau. Vor Ort wurde in Schmelzhütten das Erz verhüttet, die nötigen Brennstoffe lieferte der Wald. Waffen und Rüstungen entstanden. Als die "Ritterzeit" zu Ende ging, stellten sich die Ruhlaer auf die Messerherstellung um. Später produzierte man in Ruhla Pfeifenbeschläge.

Daraus entwickelte sich Ende des 19. Jahrhunderts eine Massenproduktion kleinerer Metallwaren. Am wichtigsten aber wurden die Uhren. Das begann mit Gehäusen, Kinderuhren, mechanischen Armbanduhren für Erwachsene bis hin zu den ersten Digital-Uhren aus DDR-Jahren.

Den Grundstein für die eigentliche Ruhlaer Uhrentradition legten die Gebrüder Georg und Christian Thiel 1862. Sie fingen mit einem Startkapital von 2452 Talern und in einer kleinen Hütte an, was noch in alten Büchern nachzulesen ist.

Auch die beiden Thiels starteten mit Pfeifenbeschlägen als Hauptprodukt. Nebenbei wurden kleine Geldbörsen aus Metall und sogar schon Schutzhüllen für Taschenuhren produziert. Letzteres machte offenbar Appetit auf mehr!

Nach kurzer Zeit jedenfalls wurde die Produktion erweitert und es kamen weitere Kleinmetallartikel dazu, sodass man ab 1871 auch ins Ausland lieferte. Zu dieser Zeit zählte der Betrieb 80 Mitarbeiter und es wurde gutes Geld verdient.

Im Jahre 1873 siedelte der Betrieb auf das Gelände der Reiß'schen Filzfabrik im Ruhlaer Grund um, wo sich der Stammsitz des Werkes bis zur Zerschlagung befand. Die großindustrielle Fertigung wurde 1874 begonnen. Der auslösende Artikel war die Kinderspieluhr. Diese wurde in großen Mengen nach England und in die USA verkauft. Ende der 1880er-Jahre spezialisierte sich das Unternehmen mit der Ruhlaer Taschenuhr von 1891 auf das zukünftige Kerngeschäft Uhren, speziell auf günstige, aber dennoch zuverlässige Taschenuhren. Zum Vergleich: Eine Ruhlaer Taschenuhr kostete damals drei Mark, jene der Konkurrenz oft das Doppelte.

1897 wurden bereits 4000 Stück pro Tag hergestellt - hauptsächlich für den Export nach Amerika. Gleichzeitig begann die Entwicklung von eigenen Spezialmaschinen und -werkzeug für die Herstellung von Uhren. Übrigens: Von dieser guten Tradition profitieren heute noch zahlreiche Ausgründungen des einstigen Uhrenwerkes.

Schon vor mehr als 100 Jahren war Ruhla komplett auf Uhren eingestellt. Auf der einen Seite der Stadt wurden in vielen Hallen und Gebäuden die Teile für die Zeitmesser hergestellt - auf der anderen wurden sie montiert. Bis zu 10.000 Menschen aus der nahen und weiten Umgebung standen hier einmal in Lohn und Brot.

Doch wie das in der Geschichte häufig war: Die größten Profite wurden im Ersten und dann auch im Zweiten Weltkrieg mit der Fertigung von Zeit-Zündern für Granaten erzielt. Die wurden mit Uhrwerken ausgestattet, bei denen sich ja die Ruhlaer bestens auskannten.

Auch die Armbanduhr entstand eigentlich in Kriegszeiten. Weil es den Soldaten zu umständlich und gefährlich war, mitten im Kampf die Taschenuhr herauszuziehen, wurde die Armbanduhr entwickelt. Diese entstand in Ruhla ganz einfach aus einer quer gedrehten Taschenuhr, die mit zwei Bändern versehen war.

Nach der Besetzung Ruhlas am 8. April 1945 durch US-amerikanische Truppen wurde zunächst die Arbeit eingestellt und dann die gesamte Belegschaft entlassen. In der ersten Hälfte des Juli 1945 wurde die Produktion wieder aufgenommen und 1949 konnte die bis dato höchste Produktionsmenge von 1938 sogar überboten werden. Am 1. Mai 1952 wurde das Unternehmen auf Beschluss der Regierung der UdSSR verstaatlicht. Inzwischen wurde das Augenmerk auf eine großserientaugliche Produktion gelegt. Die einfacheren Uhrwerke blieben in Ruhla, die mit Steinlagern bestückten gingen nach Glashütte. 1961 wurde mit der Ruhla electric die erste elek-trische Armbanduhr der DDR auf der Leipziger Messe als Eigenentwicklung vorgestellt.

Das erfolgreichste Modell dieser Zeit war die Armbanduhr Kaliber 24 . Es wurde im Jahre 1963 als robustes mechanisches Stiftankeruhrwerk entwickelt. Insgesamt wurden von diesem Uhrwerk rund 120 Millionen Stück hochgradig automatisiert gefertigt. Das bedeutete in den besten Jahren einen Ausstoß von 30.000 Stück am Tag. Diese unglaubliche Menge wanderte in so ziemlich alle Länder der Welt. Das Kaliber 24 steckte in westdeutschen Uhren der großen Versandhäuser unter Marken wie "Meister-Anker" ebenso wie in amerikanischen oder russischen Fabrikaten. Nach der Wende wurde das volkseigene Kombinat in mehreren Teilen privatisiert. So entstanden etwa 40 neue Unternehmen.

Als einziger Uhrenhersteller in Ruhla blieb die Gardé Uhren und Feinmechanik Ruhla GmbH bestehen. Interessant: Eben unter diesem Namen wurden in der DDR Schachuhren in den Handel gebracht. Inzwischen gibt es sogar wieder waschechte Ruhla-Uhren.

Das heute noch in der ursprünglichen Funktion genutzte Verwaltungsgebäude wurde 1929 nach Entwürfen des Architekturbüros Schreiter & Schlag erbaut. Die damaligen Architekten hatten einen guten Ruf und waren vornehmlich in Jena tätig. Dort entwarfen sie unter anderem das Zeiss-Südwerk, das Planetarium, die Kinos "Capitol" und "Palast" sowie eine Reihe von Wohnhausbauten. In Ruhla besticht der sechsgeschossige Stahlbetonskelettbau mit Klinkerverkleidung noch heute mit seiner baulichen Qualität.

Er zeigt eine klare Gliederung durch horizontale Fensterbänder und vertikale Gitterstrukturen vor den Treppenhausfenstern an der nördlichen Stirnseite. In dem immer noch genutzten Verwaltungsgebäude ist vieles von der ursprünglichen Ausstattung erhalten.

So wird der Besucher gleich beim Eingang vom Wandmosaik des legendären Schmiedes von Ruhla gegrüßt. Wer Lust und Zeit hat, der kann hier auch das Museum und den Werksverkauf des heutigen Herstellers Gardé besuchen.

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