Thüringer Firmen vermehrt Opfer von Cyberattacken - bundesweit jährlich Milliardenschäden

Erfurt  Sieben von zehn Unternehmen in Thüringen werden Opfer von Cyberattacken. Das Land unterstützt kleine und mittelständische Firmen, die ihre IT-Infrastruktur sicherer gestalten wollen.

Cyberangriffe und Spionage vollziehen sich inzwischen völlig unauffällig per Internet. Es kommt aber auch noch vor, dass Angreifer in klassicher Manier versuchen, unbefugt Zugriff auf Daten zu erlangen.

Cyberangriffe und Spionage vollziehen sich inzwischen völlig unauffällig per Internet. Es kommt aber auch noch vor, dass Angreifer in klassicher Manier versuchen, unbefugt Zugriff auf Daten zu erlangen.

Foto: Thomas Trutschel/photothek.net

Welche App wurde während der Fußball-WM 2006 in Deutschland beim Sommermärchen am meisten geklickt? Michael George, Cybercrime-Spezialist beim bayerischen Verfassungsschutz schmunzelt und wartet auf die Antworten seiner Zuhörer. Keine ist richtig, stellt er dann klar. Denn das iPhone und damit die App genannten Mini-Programme sind erst 2007 auf den Markt gekommen.

So schnell ist die Entwicklung seither vorangeschritten, verdeutlicht sein Beispiel. Was in fünf, zehn oder gar 50 Jahren sein werde, könne heute niemand sagen, erklärt Michael George auf einem Symposium des Thüringer Verfassungsschutzes gemeinsam mit der IHK in Erfurt.

Sieben von zehn Thüringer Unternehmen sollen bereits Opfer von Cyberattacken geworden sein. Genauere Zahlen gebe es nicht, räumt Thüringens Verfassungsschutzchef Stephan Kramer ein.

Land fördert IT-Sicherheit beim Mittelstand

Viele der betroffenen Firmen würden sich nach einer Attacke noch immer nicht melden. Dabei verursache Cybercrime jährlich bundesweit einen Schaden von rund fünf Milliarden Euro.

Der Amtschef betont, dass Internetkriminalität inzwischen jeden etwas angehe: Ein modernes Auto habe bis zu 600 Sensoren, die vernetzt seien. Nichts wäre schlimmer, als ein Unfall, weil von außen Bremsen per Datenzugriff manipuliert wurden, nennt er ein Beispiel. Mit einem solchen Fall könnten Firmen erpresst werden.

Verfassungsschutz und IHK gehen bereits seit einiger Zeit offensiv auf kleine und mittelständische Unternehmen zu, um sie für die Gefahren der modernen Datenwelt zu sensibilisieren, betont IHK-Geschäftsführerin, Cornelia Haase-Lerch. Kleinere und mittelständische Firmen könnten beim Thema IT-Sicherheit schnell an die Grenzen ihrer finanziellen und personellen Ressourcen gelangen.

Aktuell habe Thüringen ein Programm aufgelegt, dass genau diese kleineren Betriebe mit bis zu 15.000 Euro unterstütze, wenn sie ihre IT-Infrastruktur sicherer gestalten wollen, ergänzt Wirtschaftsminister Wolfgang Tiefensee (SPD). Die Nachfrage sei so groß, dass „wir derzeit das letzte Geld im Haushalt zusammenkehren, um alle Anträge realisieren zu können“, so der Minister weiter.

Die meisten IT-Systeme und Softwarepakete löchrig wie alte Wasserleitungen

Ursprünglich seien 1,5 Millionen Euro geplant gewesen. Tiefensee kritisiert in diesem Zusammenhang das langsame Handeln von Behörden und Justiz beim Thema IT-Sicherheit. Es dauere, bis Gesetze an Entwicklungen angepasst oder Durchsuchungsbeschlüsse erlassen werden. Cybercrime-Angriffe vollzögen sich dagegen oft in Mikrosekunden.

Die meisten IT-Systeme und Softwarepakete seien löchrig wie alte Wasserleitungen, beschreibt Michael George die Situation. Jeden Monat komme dann jemand mit einem Pflaster vorbei, um zu flicken. Er fordert „staatliche Impulse“, um IT-Anbieter und Softwarehersteller zu zwingen, sichere Lösungen anzubieten. Eine Möglichkeit dafür wäre die Produkthaftung. Damit kämen auch Softwareanbieter in die Verantwortung für ihre Waren und müssten haften, sollte diese fehlerhaft sein.

Hintergrund: Verfassungsschutz fehlt Personal

Dem Thüringer Verfassungsschutz fehlt Personal für die Spionageabwehr. Das räumte gestern auf dem Symposium Innenminister Georg Maier (SPD) ein. Ihn erfülle mit Sorge, „ob wir noch genug Ressourcen für die Spionageabwehr haben“, sagte der Minister am Ende seiner Begrüßung.

Er warf der Linkspartei, also dem Koalitionspartner in der rot-rot-grünen Landesregierung, vor, ein Aufstocken der Mitarbeiter verhindert zu haben.

Georg Maier kündigte an, den Thüringer Verfassungsschutz so aufstellen zu wollen, dass dieser alle seine Aufgaben erfüllen könne, einschließlich der Spionageabwehr.

Nach Informationen dieser Zeitung sollen beim Verfassungsschutz derzeit mindestens zehn Planstellen für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter fehlen. Für Spionageabwehr sind aktuell offenbar gerade einmal zwei Planstellen vorgesehen.

Der Verfassungsschutz ist in Thüringen für die Spionageabwehr zuständig. Das Landeskriminalamt und die Polizei versuchen dagegen, Cybercrime-Attacken aufzuklären und die ermittelten Täter der Justiz für Gerichtsverfahren zu übergeben.

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