Umzug mit 10.000 Mitbewohnern von Tüttleben nach Tabarz

Tabarz. Gewerbegebiet, Gladenbacher Straße. Linkerhand ein schmuckloser, unscheinbar weißer Flachbau. Dann ein buntes Firmenschild - "Amazonas Aquarium". In dem langgezogenen Trakt hat Jürgen Kotterba sein Domizil gefunden.

Jürgen Kotterba betreibt das Amazonas Aquarium in Tabarz, wo sich im Schaubecken auch diese herrlichen Diskus-Buntbarsche tummeln. Fotos: Michael Keller

Jürgen Kotterba betreibt das Amazonas Aquarium in Tabarz, wo sich im Schaubecken auch diese herrlichen Diskus-Buntbarsche tummeln. Fotos: Michael Keller

Foto: zgt

Er ist von Tüttleben nach Tabarz gezogen. Klingt einfach, was aber alles andere als das ist. Denn schätzungsweise 10.000 Mitbewohner - Zierfische in 250 Arten - zogen mit. Ein Kraftakt.

Kotterba, geboren in Gotha, hat sein ganzes Leben irgendwie mit den geschuppten Gesellen zugebracht. Mit sieben hat er sein erstes Aquarium bekommen. Von Beruf ist er Fischerei-Ingenieur.

Fische haben den 53-Jährigen stets begleitet. Und er gibt zu: "Einmal mit dem Aquarianer-Virus infiziert, wird man den nie wieder los". Aus dem einen Becken wurden schrittweise 40. Aquarianer kennen diese wundersame Vermehrung.

Bis 1989 war Jürgen Kotterba Bereichsleiter in der Reinhardsbrunner Fischzucht. Kaum war die Mauer weg, suchte er sein Glück im Westen, fand es aber nur anfänglich. Bei einem Zierfischgroßhändler in Koblenz. Später warb ihn ein Konkurrent aus Frankfurt/M. ab. Aber Kotterba, der Thüringer, kam mit dem Naturell der Hessen nicht klar. Es zog ihn zurück.

Ein langjähriger Freund, Lothar Gorff, ein altgedienter Profizierfischzüchter, fragte ihn irgendwann, ob er nicht Lust hätte, mit ihm einen Zierfischhandel aufzumachen. Gesagt, getan.

In Leina mieteten sie ein Ladengeschäft, schon nach sechs Monaten war es zu klein. "Die Leute hatten Geld, wir wurden überrannt", erinnert sich Kotterba. Etwas Größeres musste her. In Tüttleben bekamen sie ein passendes Objekt angeboten. Im Herbst '92 ging es los. 300 Becken, tausende Fische, das Geschäft brummte. Mit Versandhandel, Stammkunden, Laufkundschaft. Guppys und Neonsalmler, des Deutschen liebste Zierfische, gingen ebenso reißend weg, wie die Arten, mit denen nur erfahrene Aquarianer klarkommen.

Das ging lange gut. Doch dann wollte der Besitzer, von dem Kotterba - Kompagnon Gorff war inzwischen verstorben - den Gebäudekomplex gemietet hatte, verkaufen. Dafür reichten die Mittel nicht.

Jürgen Kotterba, der seit 20 Jahren in Tabarz lebt, bekam ein Rettungsangebot, quasi vor der Haustür. Der Flachbau in der Gladenbacher Straße stand frei. Kotterba griff zu. 350 Quadratmeter, da passen locker 350 Becken rein, rechnete er. Im Oktober 2011 fiel die Entscheidung: Wir ziehen um. Wir, weil Kotterba inzwischen mit Natalja verheiratet war. "Die wusste anfänglich nicht, auf was sie sich einlässt", sagt er grinsend. Aber der Aquarianer-Virus hat auch sie infiziert. Heute müsse er sie abends manchmal regelrecht aus dem Geschäft jagen.

Die beiden haben dann auch den Umzug mit ca. 10.000 Zierfischen über die Bühne gebracht. Das sei, so Kotterba, purer Stress gewesen. Neue Becken in Tabarz aufbauen, anschließen, füllen. Fische in Tüttleben rausfangen, in Transportbeutel verpacken, nach Tabarz fahren, einsetzen. Monate ging das so. Dann war es geschafft. "Ohne Verluste" sagt Kotterba stolz.

Für ihn und seine Fische hat sich der Umzug gelohnt. Mehr Platz, alles übersichtlich. Bessere Technik, geringere Betriebskosten, vereinfachte Arbeitsabläufe. 16 Stunden am Tag, so wie früher in Tüttleben, seien jetzt nicht mehr nötig, sagt der Zierfischfanatiker, der ca. 15.000 Euro und viel Muskelkraft und Gehirnschmalz in das neue Domizil investiert hat. So wird heute der Wasserwechsel z.B. automatisch erledigt.

Gerade hat er seine Visitenkarte, eine Grotte, durch die man den Zierfischhandel betritt, fertiggestellt. 23 Schaubecken vermitteln optisch eindrucksvoll Einrichtungsbeispiele und sollen dem Kunden als Anreiz und Vorlage dienen.

Hier tummeln sich farbenprächtige Regenbogenfische und majestätische Diskus-Buntbarsche neben allen möglichen anderen Arten. Geradeüber die Becken mit Pflanzen und Diskus-Nachzuchten. Im großen Hauptraum dann die 350 Verkaufsbecken. Ein einziges Gewimmel. Mit Guppys von 80 Cent das Stück bis zum 100 Euro-Diskus. Montag bis Samstag können hier Aquarianer nach Herzenslust schauen, was in die bunte Unterwasserwelt im heimischen Wohnzimmer am besten passt und sich gleich Tipps holen. Erfahrung genug hat Jürgen Kotterba.