Vom Für und Wider des Mindestlohns

Fast 7000 Menschen in der Landeshauptstadt sind trotz Arbeit auf Hilfe angewiesen und erhalten Zuschuss vom Amt. Prognosen der Folgen eines Mindestlohns reichen von massivem Arbeitsplatzabbau bis zur Ankurbelung der Wirtschaft.

Vielen Frisören reicht der monatliche Verdienst nicht zum Leben. Foto: René Weißbach

Vielen Frisören reicht der monatliche Verdienst nicht zum Leben. Foto: René Weißbach

Foto: zgt

Erfurt. Waschen, schneiden, legen: Viele Friseure gehen täglich ihrer Arbeit nach, aber kommen damit nicht über den Monat. Auch in anderen Branchen besteht dieses Problem. Fast 7000 Erfurter sind Aufstocker: Ihr Lohn reicht nicht aus, die Arbeitsagentur bezuschusst sie mit Sozialleistungen. Damit hat jeder dritte Hartz-IV-Empfänger zwar einen Job, aber nicht genug zum Leben.

Kritiker wie der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) fordern einen flächendeckenden Mindestlohn von 8,50 Euro. Gerade die Geringverdiener gäben zusätzliches Geld sofort aus, für Handwerksarbeiten, Produkte, Dienstleistungen. So kurbele es die Wirtschaft an.

"Im Prinzip kann so einen Mindestlohn jeder zahlen. Wer ihn nicht zahlen kann, muss eben dicht machen", sagt Rolf Düber vom DGB in Erfurt.

Doch genau da sieht Thomas Kemmerich die Gefahr. Nach der Wende hat er die Masson-Friseurkette mit aufgebaut, mit heute mehr als 200 Mitarbeitern. Gleichzeitig ist er Fraktionschef der FDP im Stadtrat.

"Ein Mindestlohn löst kein Problem, aber schafft viele", sagt er. Massive Preissteigerungen seien die Folge. "Wenn die beim Kunden nicht durchsetzbar sind, drohen Entlassungen und die Schwarzarbeit steigt. Das gilt für viele Dienstleistungen oder auch Handwerker."

Anstieg der Schwarzarbeit ist nicht sicher

Der DGB sieht das ganz anders. "Der Anstieg der Schwarzarbeit wird immer nur behauptet, gesichert ist das nicht", sagt Düber. In England habe die Einführung eines Mindestlohnes jedenfalls nicht zum Abbau von Arbeitsplätzen geführt.

Kemmerich hält entgegen: "Der Mindestlohn in Frankreich hat für eine unheimlich hohe Jugendarbeitslosigkeit gesorgt." Den Berufsunerfahrenen werde die Chance genommen, sich überhaupt erst zu beweisen.

In Erfurt leben laut DGB zwar einerseits relativ viele gut bezahlte Bürger, weil sie im Dienst des Landes oder der Stadt stehen. Doch das Gefälle sei groß und es gäbe andererseits wie in jeder Großstadt auch einen erheblichen Niedriglohnsektor.

Im Friseurbereich gilt in Thüringen ein allgemeinverbindlicher Tarifvertrag: 3,82 Euro gibt es als Sockellohn. Wer Kunden bedient, wird mit 30 Prozent an seinem eigenen Umsatz beteiligt. Dazu kommt noch das Trinkgeld.

"Meine Angestellten verdienen so bis zu 8,30 Euro die Stunde", sagt Sybille Hain. Sie führt den Laden "Kopf-Kult" in der Andreasstraße und ist Landesinnungsmeisterin der Friseure in Thüringen und Sachsen-Anhalt. "Wer fleißig ist, verdient auch genug Geld."

Zu viele denken noch: Geiz ist geil

Es fehlt ihr die Wertschätzung des Haarschnittes als Dienstleistung. "Die Menschen haben viel zu oft noch die Geiz-ist-geil-Haltung." Nur in so einer Atmosphäre könnten billige Ketten überhaupt einen Erfolg haben. Auch Kemmerich sieht dieses Problem: "Jeder Salon kann nur das an die Mitarbeiter verteilen, was der Kunde in der Kasse lässt."

Ein Mindestlohn treffe die Geringqualifizierten, die als Erste entlassen würden. "Aber auch diesen Teil der Bevölkerung müssen wir wertschätzen", sagt Kemmerich. "Ein Job sorgt für einen geregelten Tagesablauf und Teilhabe an der Gesellschaft. Deswegen ist es immer noch die bessere Alternative, aufzustocken. Wir sollten die Arbeit fördern, anstatt Arbeitslosigkeit zu subventionieren."

Erfurts Bürgermeisterin Tamara Thierbach (Linke) widerspricht: "Wenn diese Menschen tatsächlich einen Mindestlohn bekämen, würde das für sie ein höheres Maß an Lebensqualität bedeuten." Sie verweist darauf, dass selbst ein Mindestlohn von 8,50 Euro bei weitem nicht ausreiche.

Einen branchengebundenen oder regionalen Mindestlohn hält auch Kemmerich für sinnvoll, "solange die Tarifparteien ihn aushandeln und er nicht von der Politik aufgezwungen wird".

Eine andere Lösung sei es, Sozialabgaben im niedrigen Bereich zu senken und dadurch das Netto zu erhöhen. "Das hätte ich besser gefunden, als die Steuern zu senken. Das käme den niedrigen Einkommen viel eher zugute."

Zu den Kommentaren
Im Moment können keine Kommentare gesichtet werden. Da wir für Leserkommentare in unserem Internetauftritt juristisch verantwortlich sind und eine Moderation nur während unserer Dienstzeiten gewährleisten können, ist die Kommentarfunktion wochentags von 22:00 bis 08:00 Uhr und am Wochenende von 20:00 bis 10:00 Uhr ausgeschaltet.