Wie Thüringer Handwerksbetriebe die Corona-Krise erleben

Erfurt.  Thüringer Handwerksbetriebe haben die Corona-Krise ganz unterschiedlich bewältigt. Die Handwerkskammer Erfurt fordert von den Kommunen im kommenden Jahr nicht bei Investitionen zu sparen.

Der Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Erfurt, Thomas Malcherek (links), besuchte Handwerksbetriebe, um sich über deren Situation während der Corona-Krise zu informieren.  In Bösleben traf er Ralf Gumpert (Geschäftsführer der Agrargenossenschaft, 2. v. l.), Edeltraud Möller (Geschäftsführerin der Landschmaus-Fleischerei) sowie Fleischermeister Bert Groenig (r.).

Der Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Erfurt, Thomas Malcherek (links), besuchte Handwerksbetriebe, um sich über deren Situation während der Corona-Krise zu informieren.  In Bösleben traf er Ralf Gumpert (Geschäftsführer der Agrargenossenschaft, 2. v. l.), Edeltraud Möller (Geschäftsführerin der Landschmaus-Fleischerei) sowie Fleischermeister Bert Groenig (r.).

Foto: Kai Mudra

„21 Hochzeiten wurden ins kommende Jahr verschoben.“ Mit diesem einen Satz beschreibt Ralf Gumpert, wie sich die Corona-Krise aufs Veranstaltungs- und Catering-Geschäft der Agrargenossenschaft Bösleben (Ilm-Kreis) auswirkt. 80 Prozent Umsatzrückgang muss dieser Unternehmensbereich verkraften. In der Bauernscheune mit großen Saal finden jährlich 180 Veranstaltungen zumeist mir Catering statt. Alle aktuellen Entwicklungen im kostenlosen Corona-Liveblog

Diesen Einbruch abzufangen gelingt nur, weil sich die Agrargenossenschaft breit aufgestellt hat. Pflanzenanbau, Tierzucht, Mischfutterproduktion und Getreidehandel gehören genauso dazu wie eine Tankstelle, eine Großküche mit Lieferservice und die Landschmaus-Fleischerei. Neben der Agrarproduktion hat auch die Fleischerei während des Lockdowns durchgearbeitet, geschlachtet und hochwertige Fleischerzeugnisse gefertigt.

Etwa drei Wochen lang wurde ein Lieferservice organisiert, dann seien die Kunden wieder persönlich zum Einkaufen gekommen, erzählt Ralf Gumpert. Er ist überzeugt, dass die Menschen in der Krise den Wert regionaler Produkte wieder mehr schätzen gelernt haben. Der Komplettausfall großer Familienfeiern, der Jugendweihen oder von Dorffesten mache sich aber auch bei der Fleischerei bemerkbar, erzählt er Thomas Malcherek.

Krise je nach Branche mit ganz unterschiedlichen Auswirkungen

Der Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Erfurt hat am Donnerstag Innungsbetriebe besucht, um sich über die Auswirkungen der Corona-Krise auf die Unternehmen zu informieren. Was sich ihm bietet, war ein diffuses Bild. Denn die einzelnen Betrieb erlebten je nach Branche und Voraussetzungen in den vergangenen Monaten ganz unterschiedliche Szenarien.

Manche mussten komplett schließen, Kurzarbeit beantragen und kommen erst ganz langsam wieder auf die Beine. Caren Müller von der Mahlschatz Thüringer Schmuck GmbH in Bad Tabarz (Kreis Gotha) schildert, dass quasi über Nacht dem Produzenten traditionellen Schmucks sämtliche Vertriebswege weggebrochen seien. Der 1997 aus einer ABM-Maßnahme heraus gegründete Handwerksbetrieb nutzt vor allem Messen und Märkte sowie die Hotels der Region aber auch Raststätten und Busreisegruppen für den Verkauf.

Erst seit Juni kommen ins Stammgeschäft in Bad Tabarz wieder Kaufinteressierte. Auffällig sei, dass Kunden derzeit mehr Geld ausgeben als früher, so Caren Müller. Messen und Märkte machten dagegen weiterhin keinen Sinn, dorthin kommen derzeit zu wenig Besucher. Einen zweiten Lockdown würde der Betrieb nicht überstehen, ist sich die Mitarbeiterin sicher.

Bei der Bezold + Platz GmbH in Ohrdruf (Kreis Gotha) wurde während der Corona-Krise dagegen durchgearbeitet. Industriekunden im Bereich Heizung-, Klima und Sanitär hätten zum Beginn des Lockdowns zwar Aufträge verschoben, erzählt Geschäftsführer Siegmar Bezold. Daher sei auch Kurzarbeit beantragt worden. Aber glücklicherweise musste sie nicht in Anspruch genommen werden. Die Servicetechniker konnten in anderen Bereichen, beispielsweise auf Baustellen, mit eingesetzt werden.

Geschäftsführer Heiko Platz sieht auf die Branche, besonders im Bereich Lüftung, einen technologischen Umbruch zukommen. Erst mit der Corona-Pandemie sei deren Bedeutung wieder deutlich geworden. Der Innungsbetrieb arbeite unter anderem im Bereich Handel für zahlreiche zuverlässige Kunden, sowohl beim Neubau als auch im Service.

Trotzdem ist den Handwerkern wichtig, in der Region für die Privatkunden weiter da zu sein. „Wenn bei der Oma der Wasserhahn tropft, dann nehmen wir auch diesen Auftrag an“ versichert Siegmar Bezold.

Malcherek sieht Handwerk bei Verschärfung der Krise bedroht

Für Kammer-Hauptgeschäftsführer Malcherek zeigt sich erst im Winter 2020/21, wie die Krise bewältigt werde. Entscheidend sei, ob es gelingt, die Industrie in Gang zu beringen. Letztlich seien auch die Handwerksbetriebe von den Aufträgen abhängig, die sie von Privatpersonen oder Unternehmen bekommen. Das Niveau von 2019 wieder zu erreichen, ist aus seiner Sicht sehr schwierig. In vergangenen Jahren sei die Wirtschaft unter Hochlast gefahren.

Sollte sich die Krise Verschärfen, wäre auch das Handwerk bedroht. Eine Folge könnte das Verkleinern von Betrieben sein. Thomas Malcherek spricht von „Verzwergung“. Gefährlich sei diese Entwicklung, weil damit zumeist die Fähigkeit verloren gehe, als Unternehmen hochtechnologische Prozesse zu beherrschen.

Auch deshalb dürfe die öffentliche Hand bei ihrer Haushaltsplanung keine Abstriche bei Investitionen machen. Er sehe bei Kommunen die Tendenz, die zusätzlichen Mittel von Land und Bund im Verwaltungshaushalt einzuplanen, statt das Geld über Investitionen der Wirtschaft mit zu Gute kommen zu lassen, so Malcherek. Kommunen hätten auch eine Verantwortung für die Unternehmen und Betriebe in ihrer Region, betont er.