Zalando bestreitet Vorwurf schlechter Arbeitsbedingungen

Erfurt. Der Online-Modehändler Zalando hat erneut Kritik an schlechten Arbeitsbedingungen am Standort Erfurt zurückgewiesen. Im neuen Auslieferungslager mit derzeit 1500 Mitarbeitern "wird natürlich hart gearbeitet", räumt Zalando-Sprecher Boris Radke gegenüber unserer Zeitung ein. Es gebe aber weder ein Verbot zu sitzen, noch würden Mitarbeiter, die öffentliche Kritik am Unternehmen üben, per Kündigung bestraft, so Radke.

Bei Zalando in Erfurt. Ein ehemaliger Mitarbeiter kritisierte, es sei zu heiß, man dürfe nicht sitzen und Mitarbeiter, die zu langsam arbeiteten, würden rund um die Uhr kontrolliert. Foto: Marco Kneise

Bei Zalando in Erfurt. Ein ehemaliger Mitarbeiter kritisierte, es sei zu heiß, man dürfe nicht sitzen und Mitarbeiter, die zu langsam arbeiteten, würden rund um die Uhr kontrolliert. Foto: Marco Kneise

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Zalando reagiert damit auf mehrere Medienberichte vom Wochenende, die sich erneut kritisch mit Arbeitsbedingungen und Löhnen am inzwischen größten deutschen Standort von Zalando in Deutschland auseinandersetzen.

Neben extremer Hitzebelastung und Akkordarbeit war in Berichten des MDR und des "Spiegel" davon die Rede, dass Mitarbeiter unter starkem Leistungsdruck und rund um die Uhr unter Beobachtung stünden. Falle jemand als zu langsam auf, werde sein Arbeitstempo protokolliert, hieß es im "Spiegel" beispielsweise. Außerdem sei es verboten, sich während der Arbeitszeit zu setzen.

Zalando-Sprecher Boris Radke: "In der Logistikbranche wird nun mal vorrangig im Stehen gearbeitet. Zwischendurch gibt es ganz normale Pausenzeiten. Und wem es einmal schlecht geht, der kann natürlich den Pausenraum aufsuchen."

Hinweisen auf zu große Hitze an manchen Tagen werde zügig nachgegangen, sicherte Radke zu. Hierfür gebe es sogar einen runden Tisch und einen eigenen technischen Schutzmechanismus.

Auf jeden Fall könnten Mitarbeiter ihre Kritik jederzeit in internen Foren oder gegenüber Vertrauenspersonen äußern. "Wir sehen uns überhaupt nicht als schlechter Arbeitgeber. Im Gegenteil geben wir 1500 Thüringern eine fair bezahlte Arbeit", sagte der Sprecher. Mit Stundenlöhnen von knapp neun Euro für einen Neueinsteiger liege man inzwischen über Wettbewerbern wie Otto.

Zalando verwahrte sich gegen Kritik, wonach man von Thüringen mit 22,4 Millionen Euro gefördert wurde. "Wir haben 1200 Langzeitarbeitslosen Arbeit gegeben. Sie auf Dauer vom Staat finanzieren zu lassen, würde viel teurer kommen", so Radke.

Thüringer Politiker, wie Wirtschaftsminister Matthias Machnig (SPD), protestierten gegen die Entlassung eines Zalando-Mitarbeiters, der Kritik in den Medien geübt hatte.

Laut Zalando handele es sich dabei um eine Racheaktion. "Der Kollege hatte schon vor der Sendung aus ernsten Gründen seine Kündigung erhalten", so Zalando. Dieser Schritt habe nichts mit der Meinungsäußerung zu tun.

Dem widerspricht die Gewerkschaft Verdi: "Uns erreichen täglich Anrufe von Erfurter Mitarbeitern. Dort geht Angst vor einer Kündigung um, wenn man öffentlich Kritik übt", so Marlen Schröder von Verdi.

Zalando zahlt über dem Mindestlohn

Der 2008 gegründete Online-Händler Zalando wuchs in den vergangenen Jahren rasant, macht aber noch Verluste. In Erfurt steht das größte Logistikzentrum des Unternehmens. Es wurde Ende 2012 eröffnet.

Zalando hat in Erfurt einen dreistelligen Millionen-Betrag investiert und stockt die Belegschaft in diesen Monaten in Richtung 2000 Mitarbeiter auf.

Der Einstiegslohn bei Zalando in Thüringen liegt derzeit bei 8,79 Euro. Nach einer Qualifikation zum Teamleiter beträgt der Stundenlohn 10,30 Euro.

Fernseh-Dokumentationen über schlechte Arbeitsbedingungen hatten Zalando bereits mehrfach in die Schlagzeilen gebracht.

Im Februar dieses Jahres kündigte das Unternehmen deshalb eigene Sozialstandards an. Deren Einhaltung sollten externe Prüfer kontrollieren.

Die Fluktuationsrate der Mitarbeiter der ersten sechs Monate lag bei 20 Prozent.

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