#langenichtgehört: Verführung zum Wandel

Vom Schmusesänger zum sanften Aufrüttler der Gesellschaft. Christian Werner über das Album „What’s going on“ von Marvin Gaye.

Alben zum Wiederhören

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Foto: Christian Werner

Egal, wer US-Präsident werden wird: Unser heutiger Tipp für den heimischen Plattenteller bleibt so oder so aktuell. Obwohl das Album vor fast 50 Jahren erschienen ist. Erschreckende Erkenntnis. Oder?

Marvin Gaye setzt 1971 alles auf eine Karte und lässt das Politische, das Streitbare, das Kontroverse in seine Musik. Der Star des Motown-Labels war seit Jahren ein Hitgarant vorrangig mit dem einen, immerhin lebenswichtigen, aber eben auch wenig Kontroversen evozierenden Thema: Liebe.

Die Themen, die Gayes Songs nun inspirieren sind Korruption, Rassismus, Drogen und Umweltzerstörung. Die Auflistung und damit verbundenen Aufgaben klingen, als wäre das Album in den aktuellen Zeitläufen entstanden. Es gilt seither als Soundtrack der schwarzen Bürgerrechtsbewegung und inzwischen darüber hinaus, siehe „Black Lives matter“.

Das erste Konzeptalbum des Soul

Die neue Richtung ist für den Künstler Anfang der siebziger Jahre ein Wagnis. Aber ein unausweichliches. Die Berichte eines befreundeten Vietnam-Veterans rütteln am politischen Gewissen des Sängers. Und am Verständnis seiner Plattenfirma. Die sieht mit der Abkehr von der inhaltlichen Hitformel ihr goldenes Kalb in Gefahr. Der Star wiederum droht zu gehen und so wird „What’s going on“ dann doch das geplante gesellschaftliche Statement. Und zu Gayes wichtigstem Album sowie einem seiner erfolgreichsten.

Alle Songs folgen ohne Ausnahme der Themensetzung. Die Platte gilt als das erste Konzeptalbum des Soul und wird in einem Atemzug mit „Sgt. Peppers“ von den Beatles genannt oder mit „The Wall“ von Pink Floyd. Die Lieder gehen ineinander über, wie ein überdimensioniertes Medley und trotzdem gibt es mit dem Titelsong, mit „Mercy mercy me“ und „Inner City Blues“ drei Hitsingles.

Am bekanntesten ist freilich das Stück, das dem Album seinen interpretativen Titel gibt. In diesem finden sich Handlungsempfehlungen für wutgetriebene Diskutanten und (vermeintliche) Wortführer: „You know, we’ve got to find a way, to bring some loving here today“ (Du weißt, wir müssen einen Weg finden, um heute hier etwas Liebe her zu bringen). Und ein Plädoyer für mehr faktenbasierte Kommunikation: „Come in talk to me and you will see what’s going on“ (Rede mit mir und du wirst sehen, was hier los ist).

Gaye nutzt auf dem Album keinen scharf-ironisch klagenden Ton wie Protestsänger es schon vor seiner Zeit taten oder schreit seine Wut über die herrschenden Zustände nicht heraus, wie Jahre später Rage against the Machine. Er wählte zwar musikalisch einen neuen Ansatz, in dem er den federleichten Motown-Standard mit Jazz, Blues und symphonischen Elementen aufbricht. In der Ansprache mit dezentem Tonfall aber bleibt er seinem Ansatz treu.

Die Songs schmeicheln sich mit unwiderstehlichen Grooves in die Gehörgänge und pflanzen ihre kritischen Botschaften fast schon beiläufig ins Unterbewusstsein. Ein Verführer bleibt Gaye auch mit diesem Album. Oder anders gesagt: Bisher brachte seine Musik Menschen zum Engtanz und zwischen die Laken, nun regt er sie zum Nachdenken an.

Reinhören!

Wir haben die Playlist zum Krisen-Modus. Hören Sie unsere Auswahl an Songs für die Heimarbeit, zur Kurzweil oder für andere Ablenkungen in Selbstquarantäne. Die Titel werden mit jeder neuen Folge unserer Kolumne erweitert. Und hier erfahren Sie, warum die Songs ausgewählt wurden.