Ein altes Haus zieht ins Freilichtmuseum Hohenfelden

Heinersdorf/Hohenfelden.  Von Heinersdorf zieht ein Haus nach Hohenfelden um: Noch fehlen Kran und Tieflader, aber die Vorbereitungen sind schon weitgehend abgeschlossen.

Längst eine Rarität: das Frankenwaldhaus in Heinersdorf bei Sonneberg wird ins Thüringer Freilichtmuseum Hohenfelden umgesetzt. Errichtet wurde der Blockbau, der nur 300 Meter von der innerdeutschen Grenze entfernt steht, um 1709

Längst eine Rarität: das Frankenwaldhaus in Heinersdorf bei Sonneberg wird ins Thüringer Freilichtmuseum Hohenfelden umgesetzt. Errichtet wurde der Blockbau, der nur 300 Meter von der innerdeutschen Grenze entfernt steht, um 1709

Foto: Thüringer Freilichtmuseum Hohenfelden

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Dachziegel und Dielen sind schon aufgenommen worden, sämtliche Lichtschalter und Steckdosen eingepackt: Das Haus, das in Heinersdorf bei Sonneberg nur rund 300 Meter von der ehemaligen innerdeutschen Grenze entfernt steht, gleicht einem hohlen Vogel. Während im Obergeschoss Architekt und Handwerker die weiteren Schritte beraten, mustert Statiker Hans-Reinhard Hunger im Parterre mit zufriedener Miene die Balken: „Ordentlich kräftige Querschnitte, da kann man nicht meckern.“

Der Weimarer Bauingenieur ist nach der Bauwerksdiagnostik sehr zuversichtlich: Dieses Haus wird ihm bei der Umsetzung nach Hohenfelden weniger Sorgen bereiten als andere Häuser davor. Es ist zwar der erste komplette Blockbau, für den er im Auftrag des Thüringer Freilichtmuseums Hohenfelden die Berechnungen anstellen darf. Aber die Wände aus aufeinandergeschichteten liegenden Hölzern, die Deckenbalken und die Dachkonstruktion sind in einem besseren Zustand, als man es bei einem rund 300 Jahre alten Haus erwarten kann. Der Transport ins – Luftlinie – etwa 60 Kilometer entfernte Freilichtmuseum dürfte zwar kein Kinderspiel, aber auch kein Ding der Unmöglichkeit werden.

Anders als zum Beispiel „Utzi“, das Utzberger Wohnstallhaus, das 1994 vom Westen des Weimarer Landes ins Museum umgesetzt wurde, wird der etwa 20 mal 10 Meter messende Blockbau nicht im Ganzen von einem Kran an den Haken genommen und auf einen Tieflader umgesetzt, sondern in eigens gesicherten Einzelteilen.

„Innenwände und Decke werden wahrscheinlich in je zwei Abschnitte zerteilt die Reise antreten“, erklärt Museumsleiterin Franziska Zschäck, die an diesem Tag auf der Baustelle weitere Absprachen trifft. Die Außenwände dagegen müssten in die einzelnen Balken zerlegt werden, weil sie im Sockelbereich doch einige Schäden aufwiesen und die betroffenen Partien ersetzt werden müssten. Trotzdem sei es immer ein aufregender, ja auch kritischer Moment, wenn ein jahrhundertealtes Haus oder Teile davon Zentimeter für Zentimeter angehoben und vom angestammten Fleck wegbewegt wird.

Warum aber überhaupt dieser Aufwand – und auch dieses Wagnis? „Weil es Häuser wie dieses kaum noch gibt“, sagt die Museumsleiterin. Das Haus sei nicht nur ein Blockbau, bei dem alle Wände aus Holzbalken bestehen. Es sei auch ein sogenanntes Frankenwaldhaus mit einigen Besonderheiten wie dem gedrehten Rähm, dem Auflager für die Dachsparren. „Diese Bauweise“, sagt Franziska Zschäck, „war in dieser Gegend weit verbreitet. Aber heute sind solche Häuser eine Rarität.“ Nicht einmal die Freilichtmuseen in Bad Windsheim und Fladungen besäßen eins, obwohl sie zu gerne eins hätten.

Dazu komme die besondere Hausgeschichte: Lothar Barnikol-Veit, der 2013 verstorbene ehemalige Besitzer, hatte im Juni 1952 noch rechtzeitig Wind davon bekommen, dass er im Rahmen der „Aktion Ungeziefer“ mit zwangsumgesiedelt werden sollte. Deshalb konnte er der Volkspolizei, die die Aktion im Auftrag der Stasi umsetzte, mit seiner Flucht in den Westen zuvorkommen. „In Pressig, dem nächsten Ort auf fränkischer und damit bundesdeutscher Seite, hat er sich ein neues Haus gebaut und von dort aus jeden Abend hören können, wie seine Mutter die Gänse eintrieb. Besuchen durfte er sie nicht. Als seine Eltern Rentner wurden, traf sich die Familie zwar auch im Westen. Aber erst nach der Wende konnte Barnikol-Veit sein Elternhaus wieder besuchen“, weiß Franziska Zschäck.

Dieser besondere Teil der Hausgeschichte, ergänzt die Museumschefin, habe letztlich auch den Bund dazu bewogen, sich an der Umsetzung des Gebäudes zu beteiligen. Er stellt 660.000 Euro bereit, wobei von dieser Summe auch noch die Umsetzung eines um 1550 in Abtsbessingen (Kyffhäuserkreis) erbauten Wohnhauses nach Hohenfelden finanziert wird. Weitere rund 400.000 Euro steuert das Land, zirka 300.000 Euro der Kreis Weimarer Land als Träger des Museums bei.

Nach der Umsetzung und der für 2021 geplanten Eröffnung in Hohenfelden soll eine Dauerausstellung das Kapitel der deutsch-deutschen Geschichte am einstigen Grenzort beleuchten und das Haus so gezeigt werden, wie es in den 50er Jahren war: mit Plumpsklo, Ofenheizung, großem Stall- und Wirtschafts- und eher kleinem Wohnbereich sowie Ziegel- statt Strohdach. Ein Teil des Inventars ist noch vorhanden und konnte gesichert werden, zwei Öfen wurden indes leider vor drei Jahren bei einem Einbruch gestohlen.

Zunächst aber muss das um 1709 errichtete Haus erst einmal den Transport nach Hohenfelden überstehen, wo es ab Mitte Dezember erwartet wird. Das Fundament gibt es bereits, ein Zelt, in dem reparaturbedürftige Teile gelagert und aufgearbeitet oder aber neu gefertigt werden, wird noch aufgestellt. Aber vermutlich schon im Januar wird es möglich sein, einen ersten Blick auf den Neuzugang zu werfen.

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