Regieren aus der Wohnung: Wie sich Kabinett und Verwaltung im Home Office eingerichtet haben

Erfurt.  Thüringens Landesregierung appelliert, so viele Arbeitnehmer wie möglich ins Home Office zu schicken. Doch wie ist es um die Home Office-Quote bei Kabinett und Verwaltung bestellt?

Coronabedingt arbeiten viele Beschäftigte mehr als sonst vom heimischen Büro aus. Auch zahlreiche Mitarbeiter der Landesministerien und des Kabinetts sind
nach Möglichkeit im Home Office aktiv.

Coronabedingt arbeiten viele Beschäftigte mehr als sonst vom heimischen Büro aus. Auch zahlreiche Mitarbeiter der Landesministerien und des Kabinetts sind nach Möglichkeit im Home Office aktiv.

Foto: Sebastian Gollnow/dpa

Bevor Helmut Holter nach Thüringen kam, hatte er in seiner Heimat Mecklenburg-Vorpommern eine lange Karriere als Arbeitsminister oder Chef der Linke-Fraktion im Landtag absolviert. 2016, da war er 63, wurde er von seinen Genossen ins Abseits gestellt.

Doch im Jahr darauf bot sich eine neue, späte Chance: Der Job als Kultusminister in Erfurt. Seitdem unterhält er eine Zweitwohnung, der Hauptwohnsitz blieb aber Schwerin.

Das Büro ist dort, wo die Wohnung ist

Das alles war vor Corona nicht weiter wichtig. Doch zuletzt fiel den Beschäftigten im Bildungsministerium immer häufiger auf, dass sie ihr Minister per Telefon und Video aus dem fernen Norden anleitete.

Während dieser Pandemie befindet sich eben auch für Politiker oft das Büro dort, wo ihre Wohnung ist - also etwa in Berlin, wo Medienstaatssekretär Malte Krückels (Linke) privat lebt, oder in Frankfurt am Main, wo Kultusstaatssekretärin Heesen zu Hause ist.

Allerdings haben beide auch eine Bleibe in Erfurt. Überhaupt sind in dieser merkwürdigen Zeit zwei Wohnsitze besonders praktisch.

So kann der eigentlich in Erfurt beheimatete Regierungschef, was er derzeit sogar überwiegend der Fall ist, ohne größere Umstände in seinem Waldhaus an der Bleiloch-Talsperre leben. Von dort aus regiert Bodo Ramelow (Linke) dann virtuell. Sogar eine hellblaue Stellwand mit regierungsamtlichem Logo wurde nach Ostthüringen transportiert, damit der Ministerpräsident in den offiziellen Videoschalten staatstragend aussieht.

Eine Umfrage im Kabinett ergab, dass alle Minister und Staatssekretäre mindestens unregelmäßig im Heimbüro arbeiten, viele sogar regelmäßig. Aus dem Wirtschaftsministerium heißt es zum Beispiel, dass Absprachen auch innerhalb der Leitung "fast ausschließlich über Video- oder Telefonkonferenzen" stattfänden.

In dem Ministerium wurde, so wie in den meisten anderen Ressorts, bereits im April eine Dienstvereinbarung geschlossen. Danach, sagt eine Sprecherin, hätten die Mitarbeiter "in großem Umfang und regelmäßig die Möglichkeit, mobile Arbeit im Wechsel mit Anwesenheit in der Dienststelle in Anspruch zu nehmen".

Darüber hinaus gelte vorerst bis Mitte Februar die zusätzliche Regel, dass eigentlich fast immer daheim gearbeitet werden kann. Knapp 90 Prozent der Bediensteten besäßen zumindest die technische Voraussetzung, diese Regelung zu nutzen.

Damit scheint das Ministerium, das auch für Digitales zuständig ist, mit an der Spitze der Telearbeitsbewegung zu stehen. Allerdings gibt auch das Infrastrukturministerium eine ähnlich hohe technische Versorgungsquote an. 40 Prozent der Bediensteten arbeiteten regelmäßig daheim, sagte eine Sprecherin; weitere 35 Prozent täten dies gelegentlich.

In den meisten Ressorts und Behörden gibt es ein Wechselmodell

Auch im Thüringer Umweltministerium käme insgesamt etwa Dreiviertel der Belegschaft kaum noch ins Büro, sagt Ressortchefin Anja Siegesmund (Grüne). Ein Spaß sei dies jedoch nicht: "Die krasse Situation, gleichzeitig Home Schooling, Home Office und Home Work miteinander unter einen Hut zu bringen, ist mir leider gut vertraut." Dennoch gebe es keinen anderen Weg, arbeitsfähig zu bleiben und gleichzeitig die Kollegen zu schützen.

In den meisten Ressorts und den nachgeordneten Behörden wird eine Art Wechselmodell praktiziert. Das heißt, die Mitarbeiter stimmen sich untereinander ab, damit sie das Büro jeweils allein für sich haben. In der Staatskanzlei praktiziert dies etwa ein Drittel.

Aber es gibt noch Potenzial. An den Appell der Landesregierung an die Wirtschaft, möglichst alle Beschäftigten nach Hause zu schicken, halten sich einige Verwaltungen nur bedingt. Im Innenministerium hat bisher nur die Hälfte der Mitarbeiter überhaupt die Möglichkeit, im Home Office zu arbeiten, im Landesverwaltungsamt sind es gerade einmal 23 Prozent.

Ähnlich niedrig ist die Quote im Finanzministerium, wo nur sieben Prozent regelmäßig Telearbeit nutzen. Auch Ressortchefin Heike Taubert (SPD) ging bislang lieber ins Büro. Inzwischen hat sich aber auch sie entschieden, vorerst daheim im Ostthüringischen zu bleiben.

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