Afghanische „Jungfrau von Orléans“ verstört beim Kunstfest Weimar

Weimar  Es war eine Sternstunde transnationaler Theaterarbeit. Die Afghanische „Jungfrau von Orléans“ verstörte im E-Werk.

„Malalai – die afghanische Jungfrau von Orléans“ nach Friedrich Schiller.

Foto: Annette Hauschild

Weiß gewandete Männer treiben eine junge Frau vor sich her. Sie will nicht verheiratet werden, sie will ihr Vaterland retten. Viele Väter und Brüder brüllen in fremden Sprachen auf sie ein. „Hört doch auf!“ wirft ein anderer auf Deutsch dazwischen: „Wir spielen hier Schiller! Friedrich Schiller! Schon mal gehört?“

Klar, im Workshop des Kunstfestes Weimar. Wochenlang proben dort deutsche, französische, israelische und afghanische Schauspieler „Die Jungfrau von Orléans“, und immer wieder mischen sich ihre Erlebnisse und Erfahrungen mit hinein. Orléans, Kabul oder Jerusalem? Schillers Jeanne d‘Arc ist in Frankreich Nationalheiligtum. Eine Jungfrau, die die Männer in die Schlacht führt, kennt man aber auch in Afghanistan, und Gotteskriegerinnen, die sich in die Luft sprengen, sind der Alptraum aller Israelis.

Den kleinen avantgardistischen Trupp in der Klassikstadt zusammengebracht und mit Schillers Drama konfrontiert zu haben, ist, dies zeigte die Uraufführung im E-Werk, eine Sternstunde transnationaler Theaterarbeit.

Ein hochspannendes Theaterprojekt

Denn sie spielen hier nicht nur Schiller, sie spielen auch um ihr Leben: Drei aufmüpfige Johannas – Hadar Dimand, Thais Lamothe und Céline Martin-Sisteron – schlagen den Rhythmus zum Aufbruch, tanzen durch die Schlacht und verstummen nach dem Sieg. Junge Frauen im Teenager-Look, die statt des Helms blutige T-Shirts tragen – eine Reminiszenz an die Opfer des Bombenanschlags im Kabuler Theater. Immer wieder erzählen die Afghanen davon und beschämen uns, die wir ihnen im vergangenen Jahr die Einreise verwehrten.

Denn „Malalai – die afghanische Jungfrau von Orléans“ ist die Fortsetzung des „Kula – nach Europa“-Projekts von 2016, das noch ohne sie stattfinden musste.

Robert Schuster und Julie Pauker haben damit einen Diskurs eröffnet. In ihrer jüngsten Arbeit verschwistern sich die französische und die afghanische Legende, Jeanne d’Arc und Malalai werden eins und behaupten dennoch ihre unterschiedlichen Identitäten.

Gesprochen wird in vier Sprachen, mitunter so schnell, dass der Zuschauer Mühe hat, der Übersetzung zu folgen. Zumal Schiller immer wieder ironisiert wird. Lords und Warlords, die Vogesen und der Hindukusch, die Bauerstochter und die Sanitäterin.

In der afghanischen Legende wird das Kopftuch zur Flagge: Malalai von Maiwand fällt im Unabhängigkeitskrieg von 1880 gegen die britische Kolonialmacht und geht den heutigen Frauen und Mädchen voran. Doch was kommt, fragen sich die vereinten Jungfrauen zu Weimar, nach dem Hass?

Da fallen sie, Männer wie Frauen, abermals aus dem Text und geraten auf der mit verschiebbaren Stahlplatten gespickten Bühne (Eva-Maria von Acker) in Streit. „Verzeihen? Vergeben? Gnade?“ Es ist schwieriger noch als bei Schiller, zumal die Afghanen zum immer wieder aufgeschobenen Ende auch noch eine Protestresolution unterm Gewand hervorholen: Der Kampf gegen die Taliban geht weiter. Freiheit für die Frau! Doch trollt euch, ihr Besatzer! USA und Nato raus aus Afghanistan!

Die deutschen Schauspieler schweigen nicht, sie übersetzen.

Drei Stunden lang bringt das Duo Schuster (Regie) und Pauker (Text und Dramaturgie) Akteure und Zuschauer immer wieder an ihre Grenzen. Das ist oft großartig und manchmal überzogen. Im babylonischen Sprachgemenge entfalten auch die Männer ihre geballte Kraft: Gulab Jan Bamik, Said Edris Fakhri, Ahmad Nasir Formuli, Marcus Horn, Abdul Mahfoz Nejrabi, Sulaiman Sohrab Salem, Jonas Schlagowsky, Romaric Séguin und Homan Wesa. Zäh wird es, wenn sie ihrem eigenen Spiel nicht trauen und meinen, es kommentieren zu müssen.

Und die Regie packt nicht nur Texte von Anouilh und Brecht mit hinein, sondern auch immer noch eins drauf. Lässt zum Beispiel Malalai als Flüchtling durch Europa irren, wo sie kein Asyl findet. Das ist gut gemeint, vielleicht aber des Guten zu viel.

Weitere Aufführungen: 3., 6. und 7. September sowie am 19. Oktober, 15. und 16. Dezember im E-Werk

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