Kunststudent zeigt Thüringen als "Kaffhausen"

Weimar. Mit DDR-Kamera und Fahrplanbuch: Lukas Krause fotografierte Thüringer Dörfer und eröffnet eine Galerie in Erfurt.

Von Töppeln über Fröttstädt bis Gangloffsömmern: In seinem Projekt "Kaffhausen" dokumentiert Lukas Krause Anschlagtafeln in Thüringer Dörfern. Fotos: Lukas Krause

Von Töppeln über Fröttstädt bis Gangloffsömmern: In seinem Projekt "Kaffhausen" dokumentiert Lukas Krause Anschlagtafeln in Thüringer Dörfern. Fotos: Lukas Krause

Foto: zgt

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Thüringen ist nicht Amerika. Ein wenig Roadtrip-Romantik schimmert trotzdem durch, wenn Lukas Krause vom Unterwegssein erzählt - auch wenn er nicht auf dem Highway 61 bis St. Louis fuhr, sondern mit der Erfurter Bahn nach Töppeln, Fröttstädt, Niederorschel und Gangloffsömmern. On the road to "Kaffhausen".

So hat der Weimarer Student sein Foto-Projekt genannt, das im Grunde ein romantischer Anachronismus ist: Mit DDR-Kamera, Filmrollen und Studententicket ist er durch Thüringer Dörfer gereist und hat dokumentiert, was ihm begegnet ist: zugewachsene Landmaschinen in verblichenen Eiscreme-Farben, Fassaden mit vernagelten Fenstern und Anschlagtafeln, auf denen die "Clubnight mit DJ Garibaldi" im Wind flattert.

In Kraftsdorf riecht es nach Salami

Menschen eher selten. Gelegentlich unterhielt er sich mal mit jemandem, häufiger spürte er huschende Schatten hinter den Gardinen oder misstrauische Blicke auf der Straße. Der Fremde mit der Kamera fühlte sich oft unwohl. Wie einer, der "in die heile Welt der Dorfgemeinschaft eindringt und darin herumschnüffelt", erzählt er.

Lukas Krause ist so jung, dass er das Fotografieren mit Filmrollen erst im Studium kennengelernt hat. Zweites Semester Mediengestaltung an der Weimarer Bauhaus-Uni. "Die Optik, die Farben: Das hat mich ergriffen." Er begann zu sammeln; achtzig alte Spiegelreflex-Kameras hat der 25-Jährige mittlerweile.

Für seine Dorf-Dokumentation, die zugleich die Abschlussarbeit seines Bachelor-Studiums ist, wählte er eine Pentacon Six, so eine wie Sigmund Jähn sie mit im All hatte. Bis er von den technischen Fehlern genug hatte und auf die, so sagt er, verlässlichere russische Mittelformat-Variante umstieg: eine Kiev 60. Die Filme hat er zu Beginn seiner Ausflüge an die Ränder der Provinz noch im Discounter bekommen; mittlerweile sind sie dort aus dem Sortiment verschwunden.

Auch Lukas Krauses Bilder machen sichtbar, was verloren geht: Anschlagtafeln mit Kegel-Ergebnissen, amtliche Bekanntmachungen hinter Glas und Kaugummi-Automaten. Wie lange, fragt man sich beim Betrachten, wird es wohl dauern, bis man das auch nur noch im Studium kennenlernen wird?

Aber durch Lukas Krauses fotografische Typologie des Thüringer Dorfs, mit der er am Donnerstag eine Ausstellung und auch gleich eine neue Galerie in Erfurt eröffnen wird, blitzt auch ein rühriger und zuweilen komischer Charme. In Kraftsdorf im Kreis Greiz riecht es nach Salami, liest man in seinen Notizen. In Döllstädt (Landkreis Gotha) hängt ein Verkehrsschild: Achtung ältere Menschen. In Singen ist die "Bedarfshaltestelle" umgekippt.

Die sorgsam geflickten Fassaden erzählen von einer Zeit, in der die Menschen bewahrten, was sie hatten - mit den Mitteln, die ihnen eben zur Verfügung standen. "Stumme Zeitzeugen", findet Lukas Krause, der lieber Gegenstände fotografiert, an denen menschliches Wirken sichtbar ist, als Menschen selbst.

Lukas Krause ist nie aus Thüringen weggezogen. Die Dörfer bedeuten für ihn auch Heimat - obwohl er aus Erfurt kommt. Dort gründet er jetzt seine Galerie: Farbraum 17a. In dem einstigen Bürohaus in der Johannesstraße will er Arbeiten junger Künstler und Fotografen zeigen. Eigentlich, dachte er immer, müsse er mal raus aus Thüringen, nach Berlin oder so. "Aber wenn ich hier etwas machen kann, warum soll ich weg?"

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