Film dokumentiert Honeckers geheime Lagerpläne

Erfurt  SED und Stasi wollten im „Spannungsfall“ bis zu 85.000 Andersdenkende an vorbereiteten Orten internieren oder verstärkt überwachen.

 Filmszene mit dem Bürgerrechtler Rudolf Keßner im Keller von Schloss Beichlingen, das als Isolierungslager geplant war. Die Dokumentation „Honeckers unheimlicher Plan – Wie die DDR ihre Bürger wegsperren wollte“ hatte am Dienstagabend Vorpremiere in der Gedenkestätte Andreasstraße in Erfurt. Am Mittwochabend wurde sie auch im Kino „Mon Ami“ in Weimar gezeigt.

 Filmszene mit dem Bürgerrechtler Rudolf Keßner im Keller von Schloss Beichlingen, das als Isolierungslager geplant war. Die Dokumentation „Honeckers unheimlicher Plan – Wie die DDR ihre Bürger wegsperren wollte“ hatte am Dienstagabend Vorpremiere in der Gedenkestätte Andreasstraße in Erfurt. Am Mittwochabend wurde sie auch im Kino „Mon Ami“ in Weimar gezeigt.

Foto: RBB/Scoopfilms

„Spezifisch-operativer Vorbeugungskomplex“ – so nannten SED und Stasi ihre Pläne, im Falle einer innerstaatlichen Krise Zehntausende Andersdenkende aus dem Verkehr zu ziehen. Landesweit suchten Stasileute nach geeigneten Objekten – Kinderheime, Jugendherbergen, Schlösser und Burgen – für Isolierungslager. In Weimar war dafür die Jugendherberge „Juri Gagarin“ am Wilden Graben vorgesehen.

In ihrem Dokumentarfilm „Honeckers unheimlicher Plan“ belegen die Berliner Regisseure Katharina und Konrad Herrmann anhand von Akten, dass schon seit Ende der 1960er für den „Tag X“ geplant wurde. Als Grundlage diente die streng geheime „Direktive 1/67“ von Stasichef Erich Mielke. Mit einem speziellen Codewort an alle 211 MfS-Kreisdienststellen sollte demnach eine ungeheure Maschinerie in Gang gesetzt werden, in deren Folge man binnen 24 Stunden DDR-weit 2900 Personen festnehmen und 10 000 in vorbereiteten Lagern internieren wollte. Weitere 72 000 Bürger sollten verstärkt überwacht werden.

Ursprünglich ein Plan für den Verteidigungsfall

Ursprünglich sei es darum gegangen, auf mögliche „Kriegs- oder Spannungsszenarien“ vorbereitet zu sein, sagten die Filmemacher am Dienstag bei einer Vorpremiere des Filmes in der Erfurter Gedenkstätte Andreas-straße. Mit dem Erstarken der Opposition hätte sich das gewaltige Planspiel aber zunehmend gegen Systemkritiker gerichtet. Als Spannungsfall galten nun bereits die „Verteilung von Hetzschriften“, „Arbeitsniederlegungen“ oder „Demonstrationen“.

Gründe für die Erfassung auf den Lagerlisten konnten beispielsweise der „organisierte Zusammenschluss oppositioneller Kräfte“ oder eine angeblich „feindlich-negative Einstellung zur Friedens- und Umweltschutzpolitik der Partei- und Staatsführung“ sein. Es sei ein unheimlicher und perfekter Plan gewesen, an jedes Detail wurde gedacht. Nirgends war jedoch festgelegt, wie lange es die Lager geben sollte bzw. wie und wann man die Menschen wieder entlassen wollte.

Bis November 1989 wurde der perfide Vorbeugekomplex ständig perfektioniert und aktualisiert. Mehrere Testläufe sollten die Praxistauglichkeit des gewaltigen Planspieles garantieren. Im Vorfeld der Weltfestspiele der Jugend 1973 in Ostberlin wurden 2000 Personen festgenommen, über 2000 Jugendliche in Jugendwerkhöfe eingeliefert und über 20000 Menschen „durch Gespräche“ eingeschüchtert. Dazu meldete die Einsatzzentrale in Chemnitz, man habe nicht genügend Fahrzeuge und Kräfte für die Realisierung der Maßnahmen.

Im Dezember 1981 unterstützte die DDR Polen bei der Ausrufung des Kriegsrechts zur Zerschlagung des Solidarnosc-Aufstandes mit Ausrüstung für die Verhaftung, Unterbringung und Versorgung von 13 000 Regimegegnern. Man brauchte Sprit, Munition, Handschellen, aber auch Unterwäsche – das meiste kam aus der DDR.

Im Herbst 1989 stand es Knopf auf Fall. Anfang Oktober plante SED-Chef Honecker die Aktivierung des Vorbeugekomplexes, die blutige Niederschlagung der Studentenunruhen in Peking war erst wenige Wochen her. Dass es nicht dazu kam, sei den Massen auf der Straße und der fehlenden Unterstützung aus der Sowjetunion geschuldet gewesen. Unter den aufmerksamen Augen der Weltöffentlichkeit seien die geplanten Verfolgungsszenarien so nicht mehr realisierbar gewesen.

Juristisch zur Rechenschaft gezogen für die verbrecherischen Internierungspläne des SED-Regimes wurde nach der Wende niemand. Ausführlich schilderte der Erfurter Bürgerrechtler und Mitbegründer des Neuen Forum, Matthias Büchner, nach der Filmpremiere, wie nach Bekanntwerden der Vorhaben im Herbst 1989 Bemühungen, die Verantwortlichen vor Gericht zu bringen, unter anderem am Desinteresse der Staatsanwaltschaften scheiterten. Diskussionsteilnehmer forderten eine moralische und politische Aufarbeitung und eine Beschäftigung mit dem Thema in Schulen.

Der Film „Honeckers unheimlicher Plan“ läuft am Montag, 23.30 Uhr, im Ersten.

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