MDR-Intendantin richtet Augenmerk aufs Kerngeschäft

MDR-Intendantin Karola Wille ist heute 100 Tage im neuen Amt und kann mit ersten Erfolgen aufwarten. Sie hat schnelle Aufklärung der Affären versprochen. Programmreform und Konzentration auf das Kerngeschäft als erste Maßnahmen lassen eine neue Strategie des Senders erkennen.

Karola Wille beim gestrigen Intendantentreffen in Erfurt. Fotos: Alexander Volkmann Foto: Alexander Volkmann

Karola Wille beim gestrigen Intendantentreffen in Erfurt. Fotos: Alexander Volkmann Foto: Alexander Volkmann

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Erfurt. Es sind vor allem zwei Entscheidungen von Karola Wille, die in den ersten 100 Tagen ihrer Intendanz im öffentlichen Gedächtnis haften bleiben. Gleich am ersten Tag setzte sie dem langjährigen Pressesprecher ihres Vorgängers Dirk Thärichen den Stuhl vor die Tür. Das sei "kein ungewöhnlicher Vorgang, dass eine neue Chefin nicht mehr mit dem bisherigen Pressesprecher zusammenarbeiten will", entgegnete sie Kritikern, die von einem ersten Opfer und einem eisernen Besen sprachen, mit dem sie nun im MDR kehren werde.

Die zweite Personalie folgte erst vor wenigen Tagen. Am Montag dieser Woche segnete der Verwaltungsrat des Senders den Verkauf des Fernsehballetts ab, an dem der Mitteldeutsche Rundfunk über seine Tochtergesellschaft Drefa seit 20 Jahren mit rund 40 Prozent beteiligt war.

Dessen Geschäftsführer Uwe Geißler ließ im Gespräch mit dieser Zeitung durchblicken, dass es eine Vorgabe der neuen Intendantin war, "sich wieder mehr auf das Kerngeschäft, die Produktion von Fernsehproduktionen, zu konzentrieren". Zudem habe der Sender auch eine Programmreform beschlossen, die im Ergebnis dem Ballett künftig weniger Einsatzmöglichkeiten im MDR biete.

Rückblickend war das zwar eine Trennung mit Ansage, hatte die 52-jährige Juristin in ihrer Antrittspressekonferenz doch drei Herausforderungen für das dritte Jahrzehnt des MDR benannt:

So müsse zum einen das durch verschiedene Skandale in Misskredit gekommene Haus wieder zur Ruhe kommen. Wille kündigte hier eine neue Führungs- und Verantwortungsstruktur an, um neuerlichen Affären vorzubeugen.

Zum zweiten müssten die Strukturen innerhalb des Senders überprüft und die junge Generation stärker ins Blickfeld gerückt werden. Die dafür notwendige Programmreform wurde schon unter Altintendant Udo Reiter auf den Weg gebracht. Doch der verbale Bruch, mit dem Wille zu Beginn ihrer Amtszeit von Volksmusik und leichter Muse abrückte, ließ aufhorchen.

Lebenswirklichkeit besser widerspiegeln

"Der MDR ist nicht nur ein Schunkelhaus", sage sie. Stattdessen gab sie die neue Linie vor, dass sich im Programm und insbesondere in den Zuliefe-rungen des MDR die "Lebenswirklichkeit der neuen Länder" besser widerspiegeln müsse. Mitteldeutschland habe seit der Wende so viele Erfolgsgeschichten zu erzählen; dem solle der MDR Rechnung tragen.

Eine Erfolgsgeschichte der besonderen Art gab unterdessen der ehemalige Unterhaltungschef des Senders Udo Voht preis. "Niemand hat Unterhaltung so preiswert produziert wie wir", rühmte sich der Medienmanager vor dem Arbeitsgericht Leipzig. Richterlichen Beistand hatte Voht gesucht, nachdem ihm noch vor Willes Amtsantritt fristlos gekündigt worden war.

Er hatte geplante TV-Produktionen von kleineren Firmen vorfinanziert, indem er ihnen Kredite von größeren Konkurrenten verschaffte – auf offiziellem Briefpapier des Senders. Seine Rechtfertigung, warum diese Querfinanzierungen notwendig gewesen seien, bot erschreckende Einblicke in die Preisdrückerei des Mitteldeutschen Rundfunks. So scheinen für eine 30-minütige Auftragsproduktion im Unterhaltungsbereich Vergütungen von 20 000 Euro plus Mehrwertsteuer eher die Regel denn die Ausnahme zu sein.

Dafür darf dann auch gern auf anderen Kontinenten gedreht werden.

"Redaktion, Kamera, Endbearbeitung. Alles inklusive", rühmte sich Voht. "Das schafft keiner außer uns." Großzügiger verfuhr Voht dagegen mit Künstlergagen. In einem Fall reichte er – ebenfalls noch vor Willes Zeiten – 20 000 Euro an den Manager einer US-amerikanischen Künstlerin über den Tisch. Zwei Tage vor der Sendung und in bar. Dummerweise war es offenbar der falsche Künstleragent, der sich mit dem Geld prompt aus dem Staub gemacht hat. An einen Namen konnte sich Voht nicht mehr erinnern.

Das seltsame Finanzgebaren flog auf. Voht verteidigte sich: "Ausländische Künstler bevorzugen Bargeld."

Doch lässt sich auf diese Weise Qualitätsjournalismus an den Zuschauer bringen? Bessere Zeiten sind jedenfalls nicht in Sicht. Im Gegenteil.

Finanzielle Situation

angespannt

Laut Wille sieht es finanziell nicht rosig aus. Der MDR muss weiter sparen. "Bis 2016 werden die Rücklagen des Senders aufgebraucht sein. Zusätzlich muss der Sender bis dahin 48 Millionen Euro sparen", so Karola Wille.

570 Millionen Euro an GEZ-Gebühren stehen dem Sender zu – die Tendenz ist leicht sinkend auf Grund der demografischen Entwicklung Mitteldeutschlands. Hinzu kommen weitere Einnahmen von rund 130 Millionen Euro. Davon muss der Sender alle Ausgaben wie Personalkosten für rund 4500 feste und freie Mitarbeiter, Auftragsproduktionen und Sendetechnik bezahlen.

Wie prekär die Situation der freien Produktionsfirmen inzwischen ist, darüber reden deren Chefs und Geschäftsführer allenfalls in vertraulichen Runden. Über die aktuelle Nachrichtenproduktion beispielsweise. "Die Aufträge sinken seit Jahren, die Minutenpreise für Zulieferungen wurden im letzten Jahrzehnt nicht mehr erhöht", sagt Wille. Die Kosten für Benzin, Technik und Büromieten seien dagegen gestiegen. Gespart werde deshalb beim Personal, was wiederum Auswirkungen auf die Rechercheintensität habe. "Aufwendige Recherchen sind im Budget fast nicht mehr drin."

Auch im Spielfilmbereich sieht es auf dem Thüringer Markt nicht besser aus. Die einzig nennenswerte heimische Filmfirma, die Kinderfilm GmbH, hat im vergangenen Jahr mit Verlust abgeschlossen. Der Kinderkanal muss die veruntreuten Millionen seines Herstellungsleiters Marco K. einsparen. Dem Unternehmen, an dem der MDR beteiligt ist, fehlten zuletzt die Aufträge.

Überhaupt scheint die neue Intendantin die Beteiligungen auf den Prüfstand stellen zu wollen. Bis hin zur Studiotechnik, bis hin zur Bildreporterausrüstung hat der Sender die gesamte Technik in eine Tochterfirma ausgegliedert. Teilweise ging das Personal mit.

An die Spitze dieser Unternehmen rückten meist ehemalige Mitarbeiter des Senders, die vergleichsweise üppig bezahlt werden. Sie haben nun dafür zu sorgen, dass ihre Firmen mit maximalem Gewinn arbeiten.

Doch scheint die Rechnung für den MDR nicht ganz aufgegangen zu sein. Vergleichsweise magere 6,9 Millionen Euro erlöste der Sender 2010 aus allen seinen Beteiligungen.

Öffentlich überlegte die neue Intendantin zu Beginn ihrer Amtszeit, künftig das Programm wieder stärker von festangestellten Mitarbeitern bestreiten zu lassen.

Die Situation des Senders hat Karola Wille nicht zu verantworten. Doch wird sie über die ersten hundert Tage hinaus Antworten finden müssen.

Die Öffentlichkeit muss auf die erste Bilanz noch bis Monatsende warten. Zunächst nämlich will Karola Wille den Rundfunkrat informieren.

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