Nervosität vor der Intendanten-Wahl beim MDR

Bei der Suche nach einem neuen Chef für den Mitteldeutschen Rundfunk hat Thüringen die Initiative dem sächsischen Nachbarn überlassen. Der gestandene Zeitungsmann Bernd Hilder gilt nach wie vor als Favorit.

Bernd Hilder absolviert in diesen Tagen einen Vorstellungsmarathon durch die Gremien des MDR. Foto: Sascha Fromm

Bernd Hilder absolviert in diesen Tagen einen Vorstellungsmarathon durch die Gremien des MDR. Foto: Sascha Fromm

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Erfurt. Die Rundfunkräte werden nacheinander und in alphabetischer Reihenfolge aufgerufen. Einzeln verschwinden sie im Arbeitszimmer des scheidenden Intendanten. Dort werfen sie ihren Stimmzettel in die versiegelte Wahlurne.

Auf dem Papier ist nur ein Name notiert, Bernd Hilder, dahinter je ein Kästchen - eines für "Ja" und eines für "Nein". Irgendwann am frühen Nachmittag des 26. September wird dem Vorsitzenden des Rundfunkrates, Johannes Jenichen, ein Ergebnis vorliegen.

Als einer der Ersten außerhalb des Sitzungsraumes wird Johannes Beermann (CDU) telefonisch informiert werden. Der Staatsminister und Chef der Staatskanzlei in Dresden gilt als der Strippenzieher der aktuellen Intendantenwahl.

Seit Anfang 2009 - so erzählen es sich die üblichen, informierten Kreise in Thüringen und Sachsen - sei der aktuelle Chefredakteur der Leipziger Volkszeitung, Bernd Hilder, aufgebaut worden. Noch mit Ministerpräsident Dieter Althaus soll über die Personalie gesprochen worden sein. Und mit seiner Nachfolgerin in der Erfurter Regierungsstraße, Christine Lieberknecht.

Aus der Sächsischen Staatskanzlei kam dann auch jenes Gutachten, dass zur entscheidenden Sitzung des MDR-Verwaltungsrates überraschend vorgelegt wurde und auf 18 Seiten begründete, warum auf eine Ausschreibung für den hochdotierten Posten verzichtet werden könne, ja sogar müsse.

Das Gutachten erreicht den Verwaltungsrat erst in der entscheidenden Sitzung am 23. August, in der sich das Gremium auf einen oder mehrere Kandidaten festlegen will.

Der Verwaltungsratsvorsitzende Gerd Schuchardt - so maulen Parteifreunde aus der SPD - habe "die Lage falsch eingeschätzt" und sich an das Gutachten gehalten. Für die Kritiker des Kandidaten Hilder steht fest: Nur ohne eine förmliche Ausschreibung habe der profilierte Zeitungsmann überhaupt Chancen, den Chefposten in der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalt zu besetzen. Hilders Erfahrungen in diesem Bereich liegen gut 20 Jahre zurück und beschränken sich auf die Position eines Hörfunkkorres-pondenten in Mexiko.

Trotz der vermeintlichen Schützenhilfe der sächsischen Seite benötigt Hilder zwei Wochen später vier Wahlgänge mit zum Teil langen Verhandlungspausen, um im Verwaltungsrat die erforderliche Zweidrittelmehrheit von fünf Stimmen zu erhalten. In den Pausen sollen einzelne Verwaltungsratsmitglieder mit ganzen Personalpaketen gelockt worden sein. Beweisbar sind all diese Behauptungen nicht. Die Sitzung ist vertraulich. Nur Bruchstücke des stundenlangen Ringens um die Mehrheit dringen nach außen. Hilder lehnt Interviews in dieser Phase ab.

Thüringen verstolperte die Kandidatenkür

Auch die Thüringer Verwaltungsratsmitglieder Gerd Schuchardt (SPD) und Birgit Diezel (CDU) halten sich bedeckt. Als einigermaßen gesichert gilt, dass die Christdemokratin für Hilder und der Sozialdemokrat gegen ihn gestimmt hat. Genau das zeigt aber das Dilemma der Thüringer Position.

Während Sachsen eine klare Strategie verfolgt, hat Thüringen die Kandidatenfindung völlig verstolpert. "Egal, wer es am Ende wird", wehrt die in der Erfurter Regierungsstraße für Medien zuständige Staatskanzleiministerin Marion Walsmann entsprechende Vermutungen ab, "wir erwarten vom künftigen Intendanten, dass er im MDR aufräumt und dass er das Medienland Thüringen aufwertet".

Der schleichende Verfall des Medienstandortes Thüringen wurde durch Fachpolitiker des Freistaats nahezu völlig verschlafen. Das Landesfunkhaus Thüringen gab Jahr um Jahr Redakteure, Sendezeiten und Stellen an die Leipziger Zentrale ab. Heute ist der MDR nur noch mit 110 Angestellten in Thüringen vertreten. Das ist der schlechteste Wert in der Dreiländeranstalt.

Zudem hat die Freude über die Existenz des Kika am Standort Erfurt den Blick dafür getrübt, dass von den 86 Millionen Euro Jahresbudget für Produktionen, die durch den Kinderkanal ausgelöst werden, nur ein Bruchteil in Erfurt ankommt.

Allein das ZDF soll jährlich 20 Millionen Euro einbehalten und Kinderfilmproduktionen bestellen, die über das Kika-Budget abgerechnet werden. Mehr als zehn Jahre nach der Gründung des Kika haben sich noch kaum namhafte Fernsehproduktionsfirmen im selbst ernannten Kindermedienland Thüringen gegründet oder niedergelassen.

Auch die Idee eines Kinderradios aus Erfurt wird inzwischen nicht mehr diskutiert. Dabei hätte sich ein Sendeplatz finden lassen. Bundesweit wurde in den vergangenen Jahren eine ganze Reihe öffentlich-rechtlicher Digitalangebote neu in das Leitungsnetz eingespeist.

Es dürfte schwierig werden, dem neuen Intendanten zusätzliches Geld für Thüringen abzuschwatzen. Denn dieses könnte nur zulasten der sächsischen Nachbarn gelingen.

"Wie soll das gehen, gegen den favorisierten Kandidaten der Sachsen?", lässt sich ein thüringisches Rundfunkratsmitglied zitieren, solange sein Name nicht genannt wird. Die Nervosität sitzt tief. Sowohl die Befürworter einer Kandidatur von Hilder wie auch die Gegner sehen sich "auf gutem Weg" beziehungsweise zeigen sich "vorsichtig optimistisch". Das klingt nach offenem Ausgang.

Was beide Seiten nicht daran hindert, tief in die Trickkiste der Verfahrensführung zu greifen. Da ist zunächst der Mitteldeutsche Rundfunk selbst, der in der Vorlage für den Rundfunkrat anregt, das Gremium möge beschließen, notfalls sogar mehrfach über denselben Personalvorschlag abzustimmen.

Das Verfahren steht möglicherweise in Widerspruch zum Rundfunkstaatsvertrag des MDR, der bei gescheiterter Wahl dem Verwaltungsrat das Recht eines neuerlichen Personalvorschlags zugesteht.

Um den Anspruch zu untermauern, hat der Verwaltungsratsvorsitzende Gerd Schuchardt das Gremium bereits zur nächsten Sitzung geladen - ebenfalls für den 26. September, ebenfalls in Leipzig. "Ein kluger Schachzug", so die Einschätzung in Thüringer SPD-Kreisen. Das zeige zumindest, dass es einen Plan B gebe.

Und sollte Hilder gewählt werden, könnte das oberste Kontrollgremium des Senders immerhin persönlich zum Gratulieren vorbeikommen.

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