Kulturtransfer auf unsicheren Gewässern im Nationaltheater Weimar

Weimar  Mit der Inszenierung „Die Vögel“ kehren afghanische Schauspieler von Azdar ans Nationaltheater Weimar zurück

Gulab Jan Bamik, Abdul Mahfoz Nejrabi, Sulaiman Sohrab Salem und Homan Wesa spielen und sind „Die Vögel“

Gulab Jan Bamik, Abdul Mahfoz Nejrabi, Sulaiman Sohrab Salem und Homan Wesa spielen und sind „Die Vögel“

Foto: Jana Papenbroock

Aufregend und neu kommt die Liebe an Bord. So heißt es in Jack Jones’ Titelmelodie für eine alte US-amerikanische Fernsehserie namens „Love Boat“. Dieser Titel hängt in geschwungener Leuchtschrift rot über der Bühne, während wir dem hübschen Liedchen lauschen: „We’re expecting you.“ Wir erwarten dich.

Dabei, niemand erwartet diese drei ziemlich extraordinären, bereits einmal schiffbrüchig gewordenen Passagierinnen auf dem komischen Kahn, den ein bayerischer Lederhosenkapitän lenkt, eine Hand am Steuerrad, die andere am Wiener Würstchen, das er sich ins Maul schiebt.

Und sein Boot weiß auch nicht, was es will: „Kommen Sie. Gehen Sie. Bleiben Sie. Bleiben Sie weg!“ – Ja, das Boot kann sprechen. Es gibt hier die Kommandos, es will bestimmen, wo’s langgeht.

Es geht nach Deutschland, los ging‘s, für die drei Damen, in Afghanistan. Das war auch der Weg für die Theatertruppe Azdar aus Kabul, wo ihre letzte Premiere, die von Sprengstoffanschlägen handelte, durch ein Selbstmordattentat in die Luft flog.

Das Nationaltheater und das Kunstfest luden sie nach Weimar ein, zum internationalen Kultur-Projekt „Trans Europa“, an dem mehrere Theater und die Schauspielschule „Ernst Busch“ beteiligt sind. Die Einreise scheiterte 2016 am Auswärtigen Amt, ein Jahr später, für „Malalai – Die afghanische Jungfrau von Orléans“, gelang sie. Das Nationaltheater fand fünf Leute, die eine persönliche Selbstverpflichtung für die afghanischen Schauspieler abgaben, falls die einen Asylantrag stellen sollten. Vorerst konnte aber deren Aufenthalt einfach verlängert werden. Derart dockte ein internationales Mini-Ensemble am Weimarer Haus an.

Dort, auf der Studiobühne, führten Gulab Jan Bamik, Abdul Mahfoz Nejrabi, Sulaiman Sohrab Salem und Homan Wesa jetzt „Die Vögel“ auf. Das von einem Konrad-Bayer-Gedicht inspirierte Stück ist die Diplominszenierung Max Martens’ an der Ernst-Busch-Schule, zusammen mit Jana Papenbroock entstanden. Was sie binnen einer knappen Stunde abliefern, war nicht zu erwarten.

Zu sehen war eine ziemlich durchgeknallte, bitter-lustige Groteske auf fluchtbedingt notwendig werdenden Kulturtransfer, bei dem westliche Moden aus dem Osten angespült werden, um im Westen als aberwitzig empfunden zu werden. Es treten hier drei grauweiß-gelockte Ganzkopfmasken auf: hochbetagte afghanische Influencerinnen, die ihre Videokanäle im Internet befeuern. Eine der Vloggerinnen drehte „avantgardistische Über-Ich-Perspektiven aus dem Hubschrauber“, eine bietet Schmink-Tutorials an, unter Einsatz von Schiffsöl und Eigenblut. Das ist ihre Arbeit, für die sie Anerkennung einfordern – derweil das Deck zu schrubben ihre Sache nicht ist. Lieber springen sie den Verlockungen der deutschen Nixe hinterher.

Das grummelt, greint und zetert mehrsprachig, und auch lautsprachig, über die Bühne, das bedient sich expressiver Spielweisen ebenso wie Videokameras und Bildschirme. Und es erinnert uns daran, wie viele Formensprachen dem Theater doch geläufig sein können – von denen wir sonst hierzulande so gut wie gar nichts zu Gesicht bekommen.