Damals, in der DDR: Das erste Leben der Christine Lieberknecht

Ein Buch der "Thüringen Bibliothek" erzählt, wie aus Lieberknecht das wurde, was sie ist - und wie sie einst war. Die spätere Pastorin führte vor 1990 ein angepasstes Leben als FDJ-Sekretärin, sie war Blockparteimitglied und Westreisekader.

Warum nur habe ich mir das angetan? Womöglich dachte Kultusministerin Christine Lieberknecht auf der Regierungsbank im Landtag an jenem Wintertag 1992 darüber nach. Wenig später trat sie zurück – und löste damit den Abgang von Regierungschef Josef Duchac aus. Foto: Sascha Fromm

Warum nur habe ich mir das angetan? Womöglich dachte Kultusministerin Christine Lieberknecht auf der Regierungsbank im Landtag an jenem Wintertag 1992 darüber nach. Wenig später trat sie zurück – und löste damit den Abgang von Regierungschef Josef Duchac aus. Foto: Sascha Fromm

Foto: zgt

Im Jahr 1977 benötigt die Thüringer Landeskirche einen neuen Bischof. Die Staatssicherheit hat seit Jahren mit der Hilfe ihres Mitarbeiters Lotz Oberkirchenrat Walter Saft für die Position aufgebaut und ihm eigens eine Professorenstelle in der Theologie in Jena verschafft. Doch der Mann ist nicht nur an der Universität unbeliebt.

Die Studenten bevorzugen offen einen anderen Professor, den früheren Studentenpfarrer Klaus-Peter Hertzsch. Gottfried Müller initiiert eine Unterschriftenkampagne. Christine Determann und Martin Lieberknecht beteiligen sich am Protest. Am Ende wählt die Synode als Kompromisskandidaten Werner Leich zum Bischof, der ab 1978 die Landeskirche wieder auf einen kritischeren Kurs bringt, das ist das eine.

Das andere: Christine Determann wird FDJ-Sekretärin der Sektion Theologie. Warum bloß? "Es war unsere einzige Interessenvertretung", sagt sie. Sie sei von den "großen Jungs" vorgeschickt worden, die vorhatten, alle Professoren zu evaluieren. "Es wurden Fragebögen verteilt, auf denen die Studenten die Lehrqualität bewerten konnten. Das war ein unglaublicher Vorgang, ich musste dafür mehrfach gerade stehen."

Doch ist ihre Führungsposition in einem Verband, der sich als "Kampfreserve der Partei" verstand, nur organisatorische Folklore? Die SED gibt sich jedenfalls größte Mühe, die FDJ an der Sektion zu etablieren.

[…]

Die FDJ, sagt [der DDR-Geschichtsexperte] Ehrhart Neubert, habe zuweilen eine rein praktische Funktion besessen. "Wenn die Jugend auf dem Dorf eine Kirmes veranstalten wollte, gründete sie eine FDJ-Ortsgruppe, um die Genehmigung zu erhalten."

So ähnlich sei es eben an der Jenaer Universität gewesen, wo sich 1989 sogar die Reformbewegung aus einer FDJ-Hilfsaktion für Nicaragua entwickelt habe. [Der Erfurter Altpropst] Heino Falcke sagt dagegen, als Lieberknecht Ministerpräsidentin wird, dass sie nicht ohne Grund "die rote Christine" genannt wurde. Heute mag er diesen Vorwurf zwar nicht wiederholen, doch er distanziert sich auch nicht davon.

Fest steht: Als Christine Determann ihr Studium in Jena der Evangelischen Theologie beginnt, gehört die GO, die Grundorganisation der FDJ, ebenso dazu wie das Fach Marxismus-Leninismus, das zuvor über Umwege wie Völkerrechts- und Staatsrechts-Unterricht etabliert worden ist. "Die FDJ", sagt Michael Göring, "war die einzige Möglichkeit, innerhalb des Systems etwas zu bewegen."

Er, Jahrgang 1953, gehört zu der Minderheit der Studenten, die nicht aus Pfarrersfamilien stammen. Seine Eltern sind Arbeiter, er hatte eigentlich Rechtswissenschaften studieren wollen und war deshalb mit 18 in die CDU eingetreten. Doch nach "ein paar persönlichen Erlebnissen bei der Polizei", sagt er, sei er "auf Theologie umgeschwenkt". Seit 1973 studiert er in Jena, also drei Studienjahre über Christine Determann. Er gehört zu jenen, "die sie in das Amt der FDJ-Sekretärin drängten".

Für ihn und die anderen älteren Semester ist vor allem wichtig, dass sie Mitglied der Jugendorganisation ist. Denn: "Es war zuvor jemand FDJ-Sekretär, der gar nicht in der FDJ war, das fanden sie bei der Leitung nicht besonders lustig." Ein inoffizieller Mitarbeiter (IM) "Horn" der Staatssicherheit kommt zu einer ähnlichen Einschätzung des Vorgangs. In einem Bericht, den Göring später in seiner Akte findet, steht, dass gegen Lieberknecht "keine Bedenken" vorlägen.

Bei Göring zeigt sich wieder, wie vielschichtig eine Diktatur funktioniert und wie komplex die Strategien sind, die von den Beteiligten entwickelt werden. So wird Göring einerseits vom Geheimdienst bespitzelt. Andererseits trifft sich der Theologie-Student während der Unruhen der Biermann-Ausbürgerung zweimal mit Stasi-Offizieren und sagt zuerst eine teilweise Zusammenarbeit zu. Göring begegnet dem Ansinnen taktisch: Er berichtet dem Studentenpfarrer von dem Kontakt. "Dekonspiration" heißt dieses Mittel, das in Kirchenkreisen empfohlen wird, wenn man nicht die Kraft zu einem klaren Nein zu einer inoffiziellen Mitarbeit hat.

Gleichzeitig ist Göring in der Bezirksleitung der FDJ, "die CDU", sagt er, "schickte mich für ein Jahr dorthin". Christine Determann habe dies "kritisch" gesehen. "Vielleicht sagte sie deshalb Nein, als ich sie für die CDU werben wollte." So oder so: Der inzwischen pensionierte Pfarrer aus Ingersleben bei Erfurt, der mit der Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckardt verheiratet ist, gehört seit damals zum Netzwerk Lieberknechts.

Im Frühjahr 1978 wird Christine Determann schwanger. Eine unverheiratete Pastorentochter, die ein Kind bekommt? Es muss schnell etwas passieren. Superintendent Lukas Determann schaut in den Kalender seiner Hauskirche in Apolda, die nach dem Heiligen Martin benannt ist. Der nächste freie Hochzeitstermin wird gebucht.

Am 14. April 1978, einem Freitag, heiraten Christine Determann und Martin Lieberknecht. Die Trauung vollzieht Schwiegervater Hans Lieberknecht. Im Oktober 1978 bekommen die Lieberknechts eine Tochter. Sie nennen sie Marie, wie Christine ein bewährter Name der Familie Ulrich. Das Studium unterbricht die gerade einmal 20-jährige Mutter nur kurz - für die Funktion der FDJ-Sekretärin fehlt ihr nun die Zeit. Das Kind ist oft bei den Großeltern in Apolda, während sie Religionswissenschaft, Kirchengeschichte, Griechisch und Latein lernt. Sie erhält fast ausschließlich Bestnoten, auch in Marxismus-Leninismus. Nebenher geht sie dennoch in den Studentenclub "Rose" und auf Partys der Studentengemeinde.

[…]

1980 absolviert Martin Lieberknecht sein Examen und wird Vikar in Ramsla. Das Dorf liegt nördlich des Ettersbergs, nur sechs Kilometer von Leutenthal entfernt, und ist so wie alle anderen Örtchen im Weimarer Land: klein, alt und beschaulich. Die erste urkundliche Erwähnung stammt aus dem 12., die Kirche aus dem 17. Jahrhundert.

Die Lieberknechts ziehen in das Pfarrhaus, das sich wie die meisten Pfarrhäuser in der DDR in einem beklagenswerten Zustand befindet. Vier Jahre stand es leer. Die Kirche ist marode. Trotz Schwangerschaft und Kind beendet Lieberknecht ihr Studium planmäßig im Jahr 1981. Das Examen schließt sie mit Auszeichnung ab. Die Diplomarbeit beschäftigt sich mit dem 4. Artikel der Confessio Augustana, der Augsburger Konfession, in der sich im Jahr 1530 die reformierten Fürsten, Herzöge und Bürgermeister zum lutherischen Glauben bekannten. Auf 137 Seiten plus Anhang geht es um allerlei für den Laien eher unverständliche triniatrische, pneumatologische oder ekklesiologische Bezüge.

Im Zentrum steht stets die Ökumene. Ausführlich beschäftigt sich die Theologin mit dem Zweiten Vatikanum - und Joseph Ratzinger. Dessen Forderung, den Streit einfach dadurch zu beenden, indem man die Confessio Augustana für katholisch erkläre, bezeichnet sie als "bemerkenswert". Sie bekommt für die Arbeit eine Eins. Knapp 30 Jahre später wird sie das Papier an Ratzinger selbst übergeben, der sich nun Benedikt XVI. nennt.

Die Diplomarbeit, sagt Lieberknecht, sei "absolut promotionsfähig" gewesen. Doch warum schlug sie dann keine akademische Karriere ein? Ihre Antwort: "Ich habe mir damals gesagt: Forschen kannst du immer noch, wenn du alt bist."

Parallel zum Examen tritt Christine Lieberknecht in die Christlich-Demokratische Union ein. Nachdem sie mehreren Anwerbungen Görings widerstand, ist es schließlich Justus Lencer, ein CDU-Pfarrer aus Gutendorf bei Bad Berka, der bei ihr Erfolg hat. Die Union in Ramsla, sagt sie heute, "war damals eine gute Truppe." Die örtliche Organistin habe genauso dazu gehört wie die Kirchenältesten. "Das war die richtige Mischung aus Einbringen und Distanz für mich."

Nicht alle nehmen ihr das ab, allen voran Martin Lieberknecht und dessen Familie. Ihr Mann und der Schwiegervater, so empfindet sie es selbst, sehen ihren Eintritt "sehr kritisch". Lukas Determann macht seiner Tochter Vorwürfe. Er empfiehlt zwar jungen Christen, die Lehrer werden wollen, in die CDU einzutreten, um der SED zu entgehen. Aber ein Pfarrer gehört für ihn in keine Partei, auch nicht in eine, die sich christlich nennt.

Dafür gibt es Gründe. Die CDU ist eine gleichgeschaltete Blockpartei, so wie die Liberaldemokratische Partei LDPD oder die Bauernpartei DBD. Über das Vehikel der Nationalen Front ist sie dem Diktat der SED untergeordnet. Ihre Sitze in der Volkskammer, im Ministerrat, im Staatsrat, in den Rathäusern und in den kommunalen Räten sind fest quotiert.

Wie die Bauernpartei die Bauern oder die Nationaldemokratische Partei die vormaligen Nationalsozialisten soll die ostdeutsche Union kirchlich orientierte Menschen in das System integrieren und schlussendlich assimilieren. Die etwa 100"000 Mitglieder, die in 15 Bezirks- und fast 200 Kreisverbänden organisiert sind, rekrutieren sich aus den Resten des sogenannten Bürgertums, aus Handwerkern, Selbstständigen und Christen. "Die CDU", sagt Heino Falcke, "war ein Anpassungsinstrument, um die Christen auf die Linie der SED zu bringen."

Sogar in Publikationen der CDU-nahen Konrad-Adenauer Stiftung heißt es: "Seit der erzwungenen Umformung zu einer stalinistischen Kaderpartei im Verlauf des Jahres 1950 galt die CDU in organisatorischer und programmatischer Hinsicht als eine Kopie der SED. Nach der Anerkennung der führenden Rolle der SED im Juli 1952 zeichneten sich ihre politischen Erklärungen durch eine bedingungslose Gefolgschaft aus." Schon in den 1950er-Jahren sei die CDU in Bezug auf die Kirchen "zu einem Informationsbeschaffungs- und Beeinflussungsinstrument der SED und des MfS degeneriert".

Dennoch gibt es Versuche, die Geschichte der DDR-CDU im Nachhinein umzuinterpretieren. Zwischen 1990 und 1995 vollzieht sich in der Blockparteienforschung "ein bemerkenswerter Wandel": CDU-nahe Forscher bemühen sich, die Partei gar in die Nähe von Oppositionsgruppen zu rücken - wobei der Name Lieberknecht eine zentrale Rolle spielt.

Unumstritten bleibt jedoch die Funktion der DDR-CDU als karrierekompatible Nische. Wer Christ ist, nicht in die SED möchte und trotzdem vorankommen will, geht in die CDU. Der katholische Bauingenieur Uwe Ehrich zum Beispiel tritt 1973 in die Union ein, um der Partei der Arbeiterklasse zu entgehen. Er wird später Stadtrat für Wohnungswirtschaft, Ortsvorsitzender und Mitglied im Hauptvorstand der CDU. Dazu absolviert er zwei dreimonatige Lehrgänge an der zentralen Parteischule der Union in Burgscheidungen im heutigen Sachsen-Anhalt.

Dort trifft Ehrich neben der jungen Jura-Studentin Marion Walsmann den älteren Josef Duchac aus Gotha, der wie er Ingenieur ist und nebenher Theater spielt. Für die Unionsfreunde gibt er an den Abenden nach den Lehrgängen in Bad Lauchstädt den Urfaust. Duchac ist seit 1957 in der Blockpartei, um nicht, wie er sagt, dem Atheismus folgen zu müssen. Er steigt zum Betriebsleiter der Gummiwerke in Waltershausen auf, bis er 1986 in den Rat des Kreises Gotha wechselt und den stellvertretenden Kreisvorsitz der Partei übernimmt.

Auch der Lehrer Dieter Althaus, ein bekennender Katholik aus dem thüringischen Eichsfeld, tritt 1985 in die Partei ein und arbeitet später im Jugendweihe-Ausschuss mit. 1987, da ist er keine 30, steigt er zum stellvertretenden Schulleiter an der Polytechnischen Oberschule in Geismar auf.

Nach der Wende wird die neue Thüringer CDU Ehrich zu ihrem ersten Landeschef wählen. Duchac und Althaus regieren das Land sogar, so wie heute Lieberknecht. Doch sie stellt immerhin eine Ausnahme in der CDU dar - jedenfalls, was ihre Profession betrifft.

Pfarrer sind im Jahr 1981 eine verschwindend kleine Minderheit in der Partei. Selbst wenn für diese Phase der DDR keine verlässlichen Zahlen existieren: Im Jahr 1965 sind gemäß der internen Statistik 222 Pfarrer in der Union, bis 1970 schrumpft die Zahl auf 207. Umso mehr müht sich die Partei, "Mitglieder oder Bündnispartner im Talar" zu finden. Auf allen Ebenen der Partei wird debattiert, wie man Pfarrer gewinnen könne. Auf einer Vorstandssitzung der Erfurter CDU im April 1982 zeigt man sich erfreut darüber, dass der Bezirksverband "zu den wenigen gehöre, die jährlich mindestens zwei kirchliche Amtsträger aufgenommen haben".

Dabei gibt es durchaus Pfarrer, die die Union von innen heraus verändern wollen. Jugenddiakon Auerwald tritt extra 1975 in die CDU ein, wird aber nach seiner Verhaftung 1976 wieder ausgeschlossen. Ehrhart Neubert geht noch kurz vor der Ausbürgerung Biermanns in die Union. Doch er arbeitet nur kurze Zeit mit. 1984 tritt er wieder aus.

Andere bleiben - so wie Pfarrer Gottfried Müller. Er ist seit 1972 Mitglied der CDU, seit dem Jahr, in dem er als Leiter der Altenburger Bibelanstalt amtiert. Auch der Vorstand des Geraer Kreiskirchenamtes, Martin Kirchner, der 1967 eingetreten ist, bleibt der Partei treu, als er in den 1980er-Jahren Oberkirchenrat in der Thüringer Landeskirche wird.

Es sei ihr damals um das "Mitmachen" gegangen, "ohne sich korrumpieren zu lassen", sagt Christine Lieberknecht heute. Es habe zudem einen Unterschied zwischen Stadt und Land gegeben. "In Berlin unter dem Vorsitzenden Gerald Götting war die CDU gleichgeschaltet, doch Dorf und Basis waren schon etwas anderes." Ihre Mitgliedschaft in der Blockpartei sieht sie als Instrument zum Wohle ihrer Gemeinde. "Ich muss ja auch mal mit dem SED-Sekretär, dem Bürgermeister und dem LPG-Vorsitzenden streiten können. Doch die erreichte ich ja als Pfarrerin nicht."

[…]

Christine Lieberknecht geht auf in dem, was sie tut - und es geht ihr gut dabei. Sie predigt, organisiert, baut Kirchen und engagiert sich nebenher in der Blockpartei. Das Leben in dem unsanierten Haus in Ramsla ist bescheiden, aber für DDR-Verhältnisse kommod. Es gibt, was eher die Ausnahme ist, einen privaten Telefonanschluss.

Die Kirche hat dem Pfarrer-Ehepaar einen Dienst-Trabant zu Verfügung gestellt, zusätzlich besitzt die Familie einen Lada. Eine Konfrontation mit den Behörden, sagt Lieberknecht über diese Jahre, habe es für sie "komischerweise" nie gegeben. Doch wer die "Neue Zeit", die Parteizeitung der CDU, durchblättert, für den relativiert sich diese Verwunderung.

So wird am 14. November 1986 über eine Rede von Vize-Parteichef Wolfgang Heyl in Mühlhausen berichtet, an die sich "eine offene und ergebnisreiche Aussprache" anschloss, "in der Unionsfreunde persönliche Erfahrungen und Erkenntnisse zu der Thematik Ehe und Familie einbrachten".

Weiter heißt es: "In doppelter Weise berührt und betroffen von diesem Thema nannte sich die Unionsfreundin Pastorin Christine Lieberknecht, Ramsla; als Ehefrau und Mutter erlebe sie selbst die umfassende Förderung junger Familien in unserer Gesellschaft, als Seelsorgerin erfahre sie in ihrem Dienst aber auch, dass trotz Unterstützung und sozialpolitischer Maßnahmen familiäre Beziehungen scheitern. Daraus ergebe sich für sie die Erkenntnis, dass über die vielfältige Förderung hinaus noch ein weites Feld zur Lebensbegleitung junger Familien beschritten werden müsse. Zugleich begrüße sie aber das verstärkte Engagement unserer Partei auf diesem Gebiet."

In einem Artikel über die Bezirksdelegiertenkonferenz der CDU im September 1987 in Erfurt taucht wieder die Pastorin auf, die diesmal über "den familienpolitischen Auftrag christlicher Demokraten" referiert.

Im Februar 1988 berichtet die "Neue Zeit" über die Teilnahme Lieberknechts an einer Tagung des Präsidiums des Hauptvorstandes der CDU im Berliner Otto-Nuschke-Haus. Dem abgedruckten Foto ist zu entnehmen, dass die Pastorin in der ersten Reihe sitzt, als Parteichef Gerald Götting erklärt, wie die Union der "wachsenden Mitverantwortung im Bündnis der Partei der Arbeiterklasse mit allen anderen politischen Kräften (...) am besten gerecht" werde.

Lieberknecht fragt in ihrem Referat: "Wo in der Kirche, insbesondere in der kirchlichen Jugendarbeit, kommen die vielen, vielen jungen Christen zu Wort, die ‚tagtäglich ihren Kampfplatz für den Frieden‘ beziehen?" Sie halte das "Zusammengehen der kirchlichen Friedensarbeit mit den gesellschaftlichen Friedensbemühungen unseres Staates (...) für sehr hilfreich".

Alles in allem beschränkt sich also Lieberknechts Parteiarbeit nicht nur auf die gemeindliche Rosenpflege. Der Einsatz ist nicht umsonst: 1987 schenkt der Staat Christine Lieberknecht ihre ganz persönliche Reisefreiheit. Mit nicht einmal 30 Jahren besitzt sie, wie sie es formuliert, "das Privileg, in den Westen zu fahren". Dass ihr die Reisen genehmigt werden, hat aber nicht nur damit zu tun, dass die Staatssicherheit die Pastorin zu den "progressiven Kräften" in der Kirche zählt.

[…]

Das, was sie im Westen sieht, lässt sie eher kalt. "Ich hatte einen nüchternen Blick", sagt sie. "Dieser Überfluss, das fand ich kritisch. Ich hätte nicht tauschen wollen. Nicht im Ansatz kam ich auf die Idee, 'rüber zu gehen. Ich persönlich besaß ja noch Freiheit, wir Pastoren hatten Nachteile, aber wir hatten auch Privilegien. Die Zustände für die meisten Leute waren viel unerträglicher als für mich. Die in der sozialistischen Produktion ihr Dasein fristen mussten, die nur Ostklamotten hatten ... Ich dagegen lebte in einer Nische, aus der heraus ich mich engagieren wollte. Wir blieben hier, weil wir hier etwas tun wollten."