Der aufgehörte Schriftsteller: Vor 75 Jahren starb Kurt Tucholsky

Wenn ein nach außen heiterer, witziger, gern auch sarkastischer, den Spott nie scheuender Mensch stirbt, verschlägt es Nahestehenden die Sprache. Darf der Tod pointiert sein?

Kurt Tucholsky: 1890 - 1935.  Foto: Kurt Tucholsky Literaturmuseum/dapd

Kurt Tucholsky: 1890 - 1935. Foto: Kurt Tucholsky Literaturmuseum/dapd

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Erfurt. Wenn der Mensch zudem von Paris bis Göteborg, besonders aber in Berlin oder Zürich bekannt und beliebt, gehasst auch und gefürchtet ist, gibt es widersprüchliche Nachrufe. Da wird vom kleinen dicken Berliner geschrieben, der mit der Schreibmaschine eine Katastrophe aufhalten wollte, oder vom "Rattenfänger" und "Salonbolschewisten".

Jetzt, nach 75 Jahren, kann man sich dem Manne anders widmen. Man lehnt sich zurück und liest seine Liebes-Lebensgeschichte. Klaus Bellin hat sie aufgeschrieben und nannte sie "Es war wie Glas zwischen uns". Das Zitat stammt aus den Anfangs-Liebesjahren von Kurt Tucholsky und seiner aus dem Baltischen kommenden späteren Ehefrau Mary Gerold. Ein paar Tage vor seinem Tode, in jener dunklen Zeit des Jahres 1935, nutzt Kurt Tucholsky das Zitat wieder - in seinem Abschiedsbrief, den er nicht abschickt, den aber Mary nach seinem Tod erhält. Ein anderes Zitat wird häufiger verwendet. Das vom "aufge-hörten Schriftsteller". Er selber bezeichnete sich zunächst auch als "aufgehörter Deutscher". Das war er schon seit 1924, als er sein Heimatland verlassen hatte und immer nur kurz "auf Besuch" da war.

Der "aufgehörte Schriftsteller" wird immer gern mit der Zeit nach 1933 verbunden, als witzige Spötter, Verhöhner des Germanenkultes, scharfe Kritiker jeglichen Soldatentums wie Tucholsky auf dem großdeutschen Buchmarkt keine Chance mehr hatten und schon gar nicht in die Völkischen Beobachtungs-Gazetten gelangten.

Aber aufgehört öffentlich zu schreiben, hatte er schon vorher. Vielleicht auch aus anderen Gründen. Vielleicht war jener Spruch, den die Bücherverbrenner ihm widmeten, nur der letzte Funke: "Gegen Frechheit und Anmaßung, für Achtung und Ehrfurcht vor dem unsterblichen deutschen Volksgeist!" Er wollte gern frech, mit allem Recht anmaßend und ohne jegliche Ehrfurcht vor Dumpf-Köpfen sein - und war doch nur noch ein kranker Mann mit zerbrochenen und zerbrechenden Beziehungen.

Man muss sich vorstellen, dass Tucho, wie ihn manche nannten, mit seinen vier Pseudonymen und seinem bürgerlich-jüdischen Nachnamen samt urdeutschem Vornamen Zeitungsseiten um Zeitungsseiten gefüllt hatte. Nicht nur die legendäre "Weltbühne", der er auch mal - widerwillig, nach dem Tod von Siegfried Jacobsohn - vorsitzen musste. Er belieferte die intelligentesten Blätter der zwanziger Jahre, Kabaretts in Berlin und andernorts - und diverse Freundinnen mit Briefen, die heute zwar gezählt sind, aber doch ungezählt erscheinen. Er machte dicke Bücher, obwohl ihm doch die dünnen wie "Rheinsberg", sein erster Publikums-Wurf, lagen.

Darf ein solcher manischer Schreiber sich nicht mit vierzig Jahren ausgeschrieben haben? Hatte er nicht alles versucht, was man in der Publizistik nur machen kann, vom knackigen Reim bis zum berlinernden Monolog, vom Schnipsel bis zum fingierten Schulaufsatz, von der Buchbesprechung bis zur Zeitgeist-Analyse? Hatte er nicht auch immer wieder Formen probiert und kreiert, die bis heute von beginnenden wie auch ausgelernten Journalisten durchaus studiert werden mit heißem Bemühn?

Ob er das heute modische Burn-out-Syndrom hatte, wage ich dennoch zu bezweifeln. Er war richtig krank. Magenbeschwerden, ständige Kopfschmerzen. Er war zunächst nach Frankreich geflohen, als man aus Deutschland noch gar nicht hätte fliehen müssen. Er war in den Norden gegangen, der nur im Sommer so richtig schön ist, wenn das Heimat-Meer, die Ostsee, lockt. An Dezembertagen aber ist der Norden einfach nur kalt, dunkel und nass. Geht auf den Geist.

Tucholsky wurde in seinem Sterbeort Hindas bei Göteborg umsorgt von Gertrude Meyer. Er lebte in seiner "alten Kiste", der Villa, die er verkaufen wollte. Seiner fernen Schweizer Freundin, Frl. Dr. Müller, seiner Nuuna, schrieb er Brief um Brief, legte Tagebuchblätter bei.

Klaus Bellin formuliert in seinem Liebes-Buch: "Die Welt geht ihn nichts mehr an, die Zuversicht ist verbraucht, der Mut zerrieben. Der Grund zu kämpfen, sagt er, der Lebenssinn fehlt."

Kurt Tucholsky starb am Abend des 21. Dezember 1935. Im Krankenhaus zu Göteborg. Jahrelang hieß es, man habe ihn am 19., von Schlaftabletten vergiftet, gefunden, dann ins Spital gebracht, wo er trotz ärztlicher Kunst starb. Erst die Krankenhaus-Akten verrieten, als man Ende 1986 mal genauer recherchierte, dass er am 21. morgens gefunden wurde, von Gertrude Meyer, die die Tür zu seinem Zimmer habe aufbrechen lassen. Gab es noch um den Sterbenden einen Kampf zwischen der schwedischen und der Schweizer Freundin?

War sein Freitod vielleicht nur ein Tod aus Versehen, wie der Biograf Michael Hepp schreibt?

Am Ende seines Bilderbuches "Deutschland, Deutschland über alles", montiert von John Heartfield, schreibt Tucholsky: "Deutschland ist ein gespaltenes Land. Ein Teil von ihm sind wir". Dieser Satz trug in Tucholskys Todesjahr eine andere Wahrheit in sich als vor dreißig Jahren. Aber wahr ist der Satz wohl geblieben.

Bis heute.

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