Der gebrochene Held: Eine melancholische Geschichte

Feridun Zaimoglu erzählt eine melancholische Geschichte um Rache, Liebe und Suchfahrt aus dem Ruhrpott.

Feridun Zaimoglu, hier 2007, ist am 21. November um 20 Uhr im Club Centrum Gast der Herbstlese. Foto: Marius Koity

Feridun Zaimoglu, hier 2007, ist am 21. November um 20 Uhr im Club Centrum Gast der Herbstlese. Foto: Marius Koity

Foto: zgt

Seit ein Einbrecher seine Frau ermordet hat, hat Renz sein Leben nicht mehr im Griff. Früher war er Arzt, jetzt fristet er seine Tage im Kiosk seines Schwiegervaters, mitten in Duisburg, wo es solche Verkaufsbuden noch gibt. Renz reicht Schnaps und Süßigkeiten über die Theke und hört sich die Geschichten der alten Männer an, die das Ruhrgebiet kannten, als es noch Kohlenpott war. Ein kraftloser, mutloser Mensch, den die Routine aufrecht hält, die Arbeit an den Ikonen, die er malt, und die Aussicht auf Rache. Denn der Mann, der als Mörder seiner Frau verurteilt wurde, soll bald aus dem Gefängnis kommen.

Renz ist der gebrochene Held von Feridun Zaimoglus neuestem Roman "Ruß"; im Rahmen der Herbstlese stellt der Autor sein Buch am 21. November in Erfurt vor. Der Verlag Kiepenheuer & Witsch preist es als "deutsche Saga", vermutlich, weil der Begriff Saga dank Autoren wie Uwe Tellkamp gerade wieder im Schwange ist.

Dabei hat die gedrängte 260-Seiten-Erzählung von Rache, Liebe und Suchfahrt rein gar nichts von einer Saga an sich. Daran ändern auch die Rückblenden in die Vergangenheit des Ruhrgebiets nichts, die Zaimoglu von einer Art Chor ausrangierter Arbeiter sprechen lässt – Malocher-Lyrik, die den Roman immer wieder in Fettdruck unterbricht. Offenbar sollen diese Einschlüsse Brüche anderer Art symbolisieren: Brüche in der Geschichte der Region und im Leben des Romanhelden. Als Stilmittel wirken sie reichlich manieriert.

Zaimoglu ersinnt für seine Hauptfigur eine neue Liebe und eine Odyssee, die erst nach Warschau führt, durchs halbe Ruhrgebiet, schließlich nach Bad Reichenhall: Er soll einen "Verdrehten" finden, ihn nach Duisburg zurückholen und beaufsichtigen, einen psychisch schwer angeschlagenen jungen Mann, Josef. Eine Irrfahrt mit so viel emotionalem Auf und Ab müsste Spuren hinterlassen, doch Renz bleibt kühl - so sehr, dass die Geschichte auch den Leser kalt lässt. Immerhin gelingt Feridun Zaimoglu ein überraschender Schluss, und wer genau liest, hat ein wenig Hoffnung für den seelisch halb erstarrten Renz.

Alles in allem wirkt "Ruß" überkonstruiert, selbst die Ruhrgebiets-Bilder sind immer wieder kurz davor, ins Klischee zu kippen. Was an Feridun Zaimoglus Roman dennoch überzeugt, ist die Atmosphäre: eine seltsame, schwer zu definierende Stimmung zwischen Hoffnungslosigkeit und Erwartung. Es gibt sie nicht nur im schwer gebeutelten Ruhrgebiet, aber dort ist sie besonders stark.

Feridun Zaimoglu: "Ruß", Kiepenheuer & Witsch, 18,99 Euro.

Zu den Kommentaren
Im Moment können keine Kommentare gesichtet werden. Da wir für Leserkommentare in unserem Internetauftritt juristisch verantwortlich sind und eine Moderation nur während unserer Dienstzeiten gewährleisten können, ist die Kommentarfunktion wochentags von 22:00 bis 08:00 Uhr und am Wochenende von 20:00 bis 10:00 Uhr ausgeschaltet.