„Ein Signal für das Ende des deutschen Stadttheaters“: Kulturmanager Michael Schindhelm im Interview

Erfurt  Kulturmanager Michael Schindhelm über seinen neuen Roman, der den Berliner Theaterbetrieb aufs Korn nimmt.

Michael Schindhelm in einem Selbstporträt in seinem Haus in Lugano. Der aus Thüringen stammende Kulturmanager lebt in der Schweiz und in London.

Michael Schindhelm in einem Selbstporträt in seinem Haus in Lugano. Der aus Thüringen stammende Kulturmanager lebt in der Schweiz und in London.

Foto: Michael Schindhelm

Die 25 Jahre dauernde Intendanz von Frank Castorf an der Berliner Volksbühne geht am Samstag mit einem Straßenfest zu Ende. Der Streit um die Zukunft dieses Theaters war für den aus Eisenach stammenden Kulturmanager Anlass, einen Roman über den Berliner Theaterbetrieb zu schreiben. Eigene Erfahrungen hat Michael Schindhelm (56) an den Theatern Nordhausen, Gera und Basel gesammelt. Von 2005 bis 2007 war er Generaldirektor der Stiftung Oper in Berlin. Danach wurde er Kulturberater in Dubai und London. Zu DDR-Zeiten arbeitete er als Chemiker in der Akademie der Wissenschaften – in einem Büro mit Angela Merkel.

Das Buch erzählt die Geschichte eines Dramaturgen, der auf der Bühne stand. Sind Sie selbst als Schauspieler aufgetreten?

Ich war nie Dramaturg und nur einmal Schauspieler. Es gab einen kleinen Auftritt in Basel. Regisseur Andreas Kriegenburg hat dort 1998 Friedrich Hebbels „Maria Magdalena“ inszeniert. Katharina Schmalenberg spielte damals die Klara. Ich musste in einer kleinen Nebenrolle als unauffälliger Stasi-Typ über die Bühne gehen. Ich durfte machen, was ich wollte. Mit dem Stück sind wir zum Theatertreffen nach Prag eingeladen worden. Im Theater an den Weinbergen stand Karel Gott an der Pforte.

Der Roman ist eine Satire auf die Berliner Kulturpolitik: Man hat beim Lesen den Eindruck, dass da Ihre Verletzungen aus der Zeit als Generaldirektor der Berliner Opernstiftung behandelt werden. Schmerzt das noch?

Nein, der Auslöser war der Wechsel des Intendanten an der Volksbühne. Daraus ist der Gedanke eines ungewöhnlichen Auftrittes entstanden. Das Buch erzählt wenig über mich. Meine Geschichten wären Memoiren. Da hätte es mehr Themen gegeben. Natürlich hat ein Buch ein Nachleben: Es ist eine intime Geschichte, die zum Allgemeingut wird. Zu Berlin habe ich nach meiner Zeit als Generaldirektor der Berliner Opernstiftung Abstand gehalten. Seit über zehn Jahren war ich dort nicht mehr im Theater. Mein Roman „Letzter Vorhang“ ist ein Signal dafür, dass die Geschichte des deutschen Stadttheaters wirklich ein Ende nimmt. Es ist eine ironische Hommage an den idealistischen Theaterbetrieb, den ich vor gut zehn Jahren verlassen habe.

Wie meinen Sie das?

Das Theater ist ein Biotop, in dem man miteinander lebt. Es ist wie eine virtuelle Familie. Die Theater geraten aber immer mehr unter ökonomischen Druck. Darum befürchte ich, dass über diesem Theaterbiotop vielleicht tatsächlich der Vorhang fällt. In Thüringen haben wir das schon erlebt. Andere Theater haben das eigene Verschwinden gar nicht mitbekommen.

Der Intendant Hartung in Ihrem Buch ist als Frank Castorf schnell identifiziert: Sind Sie tatsächlich unversöhnlich?

Mit Frank Castorf und seinem Nachfolger Chris Dercon verbindet mich eine lange professionelle Freundschaft. Castorf machte bei mir in Basel vor fast 20 Jahren seine erste Oper.

„Ehrlichkeit ist die einzige Waffe, mit der Sie diese Leute beeindrucken können“, heißt es in dem Buch: Haben Sie diese Erfahrung gemacht?

Wir leben im Zeitalter der Post-Truth, der Unwahrheiten und Halbwahrheiten. Tatsächlich hat es die Manipulation von Meinung und Wahrheit schon früher gegeben. Das kennen wir aus der DDR. Das war auch ein Grund für mich, die Opernstiftung zu verlassen. Lange hielt sich auch das Gerücht, dass mich Angela Merkel zum Bundesbeauftragten für Kultur machen wollte. Ich hätte diesen Posten nie angenommen, weil ich in der Welt der Politik gar nicht funktioniere.

Sie werden das Buch in Nordhausen vorstellen. Als sie 2001 mit „Zauber des Westens“ aufgetreten sind, gab es eine Bombendrohung. Womit rechnen Sie dieses Mal?

Ich freue mich auf die Lesung, die eine treue Buchhandlung vorbereitet hat, wie auf das Theater Nordhausen. Und ich freue mich auf den Intendanten, der früher in Mulhouse gearbeitet hat, also in meiner einstigen Nachbarschaft.

Lesung: 12. 9., Nordhausen, Theaterrestaurant, um 19 Uhr Michael Schindhelm: Letzter Vorhang, Verlag Theater der Zeit, 256 Seiten, 19,50 Euro

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