„Ich lebe mit meinen Romanfiguren“: Klaus Jäger spricht über Entstehung

Frank Quilitzsch
| Lesedauer: 6 Minuten
Der Schriftsteller Klaus Jäger auf der Mittelmeerinsel Procida: Blick auf Bucht und Hafen von Corricella.

Der Schriftsteller Klaus Jäger auf der Mittelmeerinsel Procida: Blick auf Bucht und Hafen von Corricella.

Foto: Beate Jäger

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Apolda.  Immer wieder gibt es Leseranfragen zu Klaus Jägers Fortsetzungsroman „Carlotta oder Die Lösung aller Probleme“. Wie viele kommen noch? Woher hat der Autor seine Detailkenntnisse über Italien?

Mehr als die Hälfte des Buches liegt hinter uns. Es war sicher ein Wagnis, den guten alten

Fortsetzungsroman wieder aufleben zu lassen, doch es ist geglückt: Dank Klaus Jäger und seines Romans „Carlotta oder Die Lösung aller Probleme“. Das zeigen viele Leserzuschriften. Hier und da tauscht man sich über das Buch auch rege aus, in der Familie und unter Freunden. Für uns Anlass, mit dem Autor über sein Werk zu sprechen, über das Schreiben, über Italien und seinen literarischen Umgang mit der Wirklichkeit. Natürlich ohne dabei zu verraten, wie es weitergeht.

Wie lange liegt Ihre Midlife-Crisis eigentlich zurück?

Moment mal! Natürlich hat es auch in meinem Leben Krisen gegeben. Aber diese spezielle Männerkrankheit mit den untrüglichen Symptomen wie schwarze Lederhosen, Chopper fahren oder exzessivem Joggen hat um mich glücklicherweise einen Bogen gemacht.

Wir sind bei Folge 88. Nicht nur Laurenz Stadlers Liebesleben, auch seine Suche nach dem Vater hat Fahrt aufgenommen... Muss man, wenn man so etwas schreibt, von seiner Geschichte besessen sein?

Von dieser Geschichte war ich tatsächlich besessen, manche Erzählstränge und manche Figuren, wie zum Beispiel Stadlers Mutter, gingen mir wochenlang nicht aus dem Kopf. Dann lebst du richtig mit diesen Figuren, führst stumme Dialoge mit ihnen. Es wäre schon toll, würde sich diese Besessenheit auch ein wenig auf den Leser übertragen.

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Auslöser der Sinnkrise des Zeitungskorrespondenten Laurenz Stadler ist der sehr gegenwärtige Umbruch in der Medienlandschaft, wie Sie ihn in seinen Anfängen noch aktiv erlebt haben. Wieviel Jäger steckt in Stadler?

Nun, ich habe selbst lange mit der sich verändernden Medienwelt gehadert, tue es noch heute. Die Haltung Stadlers in dieser Frage ist auch meine Haltung. Ansonsten teile ich mit ihm die Liebe zu Italien. Das war es dann aber auch schon.

Als Leser fragt man sich, woher der Autor seine profunden Italien-Kenntnisse hat. Sie müssen mal längere Zeit dort gewesen sein...

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Italien ist mein Sehnsuchtsland, damit stehe ich ja nicht alleine. Ich habe nie darüber Buch geführt, aber ein Jahr meines Lebens dürfte es inzwischen schon sein, das ich seit der Wende in Italien verbrachte. Und 2011 hatte ich das Glück, eine Zeit lang als Stipendiat des Goethe-Institutes bei einer italienischen Tageszeitung arbeiten zu dürfen. Auch von diesen Erfahrungen ist einiges in den Roman eingeflossen.

Die Insel Procida gibt’s wirklich. Wie haben Sie sie gefunden?

In einer Illustrierten las ich vor vielen Jahren von einer unglaublichen Buchhandlung auf Procida, in der handgeschriebene und gebundene Memoiren von Kapitänen verkauft werden. Das war die Keimzelle des Romans - es dauerte dann aber ein paar Jahre, bis ich dazu eine passende Geschichte fand.

Und das Seefahrer-Altersheim, reine Erfindung?

Das Seemannsheim und die Buchhandlung gibt beziehungsweise gab es wirklich. Aber nicht so, wie von mir geschildert. Ich nehme die Lokalitäten und gebe ihnen ähnlich wie den Figuren ein Eigenleben, eine eigene Geschichte. Davon abgesehen kenne ich alle Schauplätze des Romans ziemlich genau aus eigener Anschauung. Allerdings nur die in Italien - Stadlers Heimatdorf im Allgäu ist frei erfunden.

Die Liebesgeschichte ist zweifellos erlebt!

Es passiert immer wieder, dass man den Autor mit seinem Protagonisten verwechselt. Das ist oft ein Fehler. Schließlich schneidet Sebastian Fitzek auch nicht anderen Menschen die Augen heraus. Ganz im Ernst: Ich bin tatsächlich einmal der großen Liebe begegnet. Aber das war in Deutschland. Und inzwischen bin ich mit ihr seit über 30 Jahren verheiratet.

Man kann auch seine Sehnsüchte in literarischen Figuren ausleben…

Man kann. Die Konstellation alter Mann und junges Mädchen einmal literarisch zu befragen, war seit langem mein Wunsch. Ich habe einen solchen Altersunterschied bei einem Paar in meiner eigenen Familie.

Sie fahren oft mit Ihrem Dichtermobil durchs Land. Brauchen Sie das Gefühl, unterwegs zu sein?

Dichtermobil ist ein schönes Wort. In Wirklichkeit ist es ein ganz normales Wohnmobil. Ein paar Mal im Jahr nutze ich tatsächlich eine kleine Flucht, um in der Einsamkeit fern von Ablenkung ungestört zu schreiben. Am liebsten bin ich jedoch mit meiner Frau unterwegs. Sich treiben lassen, sich den kleinen Abenteuern im eigenen oder in fremden Ländern stellen, Erfahrungen sammeln, Menschen „gucken“ - ich sauge das alles auf wie ein Schwamm. Für einen Schriftsteller sollte alles Leben Rohstoff sein.

Und daheim wartet schon die nächste Schreibblockade?

Ich kenne keine wirklichen Schreibblockaden. Kommt die Frage nach Schreibblockaden, zitiere ich gerne meinen berühmten Kollegen Martin Suter: „Ein Schreiner kann sich auch keine Hobelblockade leisten.“

Was war für Sie schwieriger, der Anfang oder das Ende des Buches?

In diesem Fall das Ende - aber darüber wollen wir noch nichts verraten.

Bekommen Sie Leserpost?

Leider nicht allzu viel. Aber einmal schrieb mir sogar eine Leserin aus St. Gallen in der Schweiz. Immerhin kann ich noch jede Zuschrift beantworten, das ist der Vorteil eines weitgehend unbekannten Heckenschriftstellers.

  • Klaus Jäger: Carlotta oder die Lösung aller Probleme. Verlag Tasten & Typen, Bad Tabarz, 475 Seiten, 16,80 Euro
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