Keine 900 Jahre: Forscher durchkreuzt Jubiläumspläne in Kirchgandern

Kirchgandern (Eichsfeld). Zwei Jahre bis zum großen Jubiläum. Der Ausblick ist gemacht. 900 Jahre soll Kirchgandern 2018 alt werden. Seit wenigen Tagen steht allerdings fest: Daraus wird nichts.

Der Verein für Eichsfeldische Heimatkunde hat sein Jahrbuch 2015 in Kirchgandern im Dorfgemeinschaftshaus vorgestellt. Foto: Fabian Klaus

Der Verein für Eichsfeldische Heimatkunde hat sein Jahrbuch 2015 in Kirchgandern im Dorfgemeinschaftshaus vorgestellt. Foto: Fabian Klaus

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Dr. Ulrich Hussong durchkreuzt die Jubiläumspläne der 600-Seelen-Gemeinde. Nicht in böser Absicht. Er hat erforscht, wie alt Kirchgandern tatsächlich zu sein scheint. Frühestens 2019 kann der Ort eine 730-Jahr-Feier begehen. Das Forschungsergebnis publiziert Hussong im neuen Eichsfeld-Jahrbuch, das es seit Samstag gibt. Darin beschreibt er die Entstehungsgeschichte des Ortes und bezieht die umliegenden Dörfer Hohengandern sowie Niedergandern in seine Betrachtung ein.

Die Internetseiten von Kirchgandern und der Verwaltungsgemeinschaft Hanstein-Rusteberg nehmen auf das Jahr 1118 als urkundliche Ersterwähnung Bezug. Hussong stellt in seinem Aufsatz jedoch fest, dass an diesen Stellen keine Quelle zu 1118 genannt wird. Es sei deshalb nicht möglich, eine Prüfung der Angabe vorzunehmen. Erstmals sei Kirchgandern, schildert er, in einer undatierten Aufzeichnung aufgetaucht, die zwischen 1289 und 1305 entstanden sei.

Würde man nun das älteste Datum annehmen, was in aller Regel allerdings nicht geschieht (ein Beispiel dafür wäre die urkundliche Ersterwähnung der Gemeinde Gernrode, die vor ein paar Monaten geklärt wurde), dürfte Kirchgandern also im Jahr 2019 nun eine 730 Jahr-Feier begehen, oder man würde bis zum Jahr 2030 warten und dann mit 725 Jahren ein echtes Jubiläum feiern.

Für Bürgermeister Wolfgang Sieling sind diese Nachrichten nicht unbedingt ein Schock. Er habe, sagt er, eine gewisse Ahnung gehabt. Deshalb war er an den Verein für Eichsfeldische Heimatkunde herangetreten mit der Bitte um Unterstützung bei der Klärung. Welches Jahr der Ersterwähnung angenommen wird, darüber „muss ich erstmal mit meinem Gemeinderat sprechen“, sagt Wolfgang Sieling. Er ist am Samstag Gastgeber gewesen bei der Präsentation des Jahrbuches. Der erste Aufsatz widmet sich dem Thema „Gandern“.

Redaktionsleiter Müller übergibt an Müller

Der Verein für Eichsfeldische Heimatkunde und der Heimatverein Goldene Mark, es ist das Untereichsfelder Pendant, legen mit dem 436-seitigen Druck-Erzeugnis das Jahrbuch mit dem bisher größten Umfang vor. Für den Worbiser Thomas T. Müller ist es bereits die 16. Ausgabe, die er als Redaktionsleiter verantwortet – und seine letzte. Die Vorstellung nutzt der Leiter der Mühlhäuser Museen dazu, die Mitglieder und Autoren darüber zu informieren. Müller übergibt den Stab an – Müller. Der neue Schriftleiter heißt Dr. Torsten W. Müller, kommt aus Mackenrode und ist seit fast einem Jahr vor allem als Leiter des Eichsfelder Heimatmuseums in Heiligenstadt bekannt.

Auch im aktuellen Jahrbuch tritt er als Autor auf, widmet sich unter dem Titel „Liturgie und Frömmigkeit im 19. Jahrhundert – Religiöse Praxis im Eichsfeld am Beispiel des Direktoriums von 1855“ und beschreibt darin immense Veränderungen in der Liturgie und Frömmigkeit in der Zeit der Restauration.

Gerold Wucherpfenning, der CDU-Landtagsabgeordnete für den Altkreis Heiligenstadt und Vorsitzende des Heimatvereins „Goldene Markt, würdigt das im Mecke-Verlag herausgegebene Eichsfeld-Jahrbuch als ein Zeugnis von „großem und ausgeprägtem regionalen Bewusstsein“. Es sei ein „Spiegel der Eichsfeld-Forschung“. Wucherpfenning erinnert daran, dass in der Eichsfeld-Bibliografie – die Vorstellung hat in diesem Jahr für großes Aufsehen gesorgt – bis zum Jahr 2008 insgesamt 19.000 Titel erfasst sind. „Mittlerweile werden es 20.000 sein“, sagt er. Aus dem Eichsfeld-Jahrbuch kommen nun wieder einige dazu.

Peter Anhalt, Vorsitzender des VEH, lobt die eifrige Arbeit der zahlreichen Autoren. „Es ist eine Freude zu erleben, was alles erforscht wird“, sagt er mit Blick auf den einstigen Vorsitzenden des Vereins für Eichsfeldische Heimatkunde, Philipp Knieb. Denn der habe einmal behauptet, dass es irgendwann den Zeitpunkt geben werde, an dem alles erforscht sei – bisher sieht das nicht so aus.

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