Podiumsdiskussion zum TA-Buch "Der Amoklauf" auf der Leipziger Buchmesse

Beim Mitteldeutschen Bildungstag auf der Leipziger Buchmesse präsentiert unsere Zeitung das Buch "Der Amoklauf". Unter dem Motto: "12 Jahre nach dem Amoklauf am Erfurter Gutenberg Gymnasium - Welche Schule braucht das Land?" wurde am Donnerstag in Leipzig bei einem gemeinsamen Forum unserer Zeitung und dem Thüringer Institut für Lehrerfortbildung, Lehrplanentwicklung und Medien (Thillm) diskutiert.

Zur Buchmesse luden am Donnerstag unser Redakteur und Buchautor Hanno Müller (rechts), der ehemalige Gutenberg-Gymnasiast Pascal Mauf (Mitte) und der Direktor des Instituts für Lehrerfortbildung Thillm, Andreas Jantowski, zur Podiumsdiskussion. Thema der Buchmesse-Veranstaltung in Leipzig war "12 Jahre nach dem Amoklauf am Erfurter Gutenberg Gymnasium - Welche Schule braucht das Land?" Foto: Christian Nitsche/Leipziger Volkszeitung

Zur Buchmesse luden am Donnerstag unser Redakteur und Buchautor Hanno Müller (rechts), der ehemalige Gutenberg-Gymnasiast Pascal Mauf (Mitte) und der Direktor des Instituts für Lehrerfortbildung Thillm, Andreas Jantowski, zur Podiumsdiskussion. Thema der Buchmesse-Veranstaltung in Leipzig war "12 Jahre nach dem Amoklauf am Erfurter Gutenberg Gymnasium - Welche Schule braucht das Land?" Foto: Christian Nitsche/Leipziger Volkszeitung

Foto: zgt

Schon unmittelbar nach dem Amoklauf am Erfurter Gutenberg-Gymnasium, bei dem 16 Menschen und der Täter starben, forderten Schüler eine andere Schule. Sie kritisierten Schulstress und Leistungsdruck, vor allem an den Gymnasien.

Beklagt wurde zudem, dass Lehrer zu wenig Zeit hätten. Diese wiederum vermissten Anerkennung und Respekt für ihre Arbeit. Ganz konkret ging es damals auch darum, dass gescheiterte Abiturienten zu jener Zeit die Schule noch ohne jeglichen Abschluss verlassen mussten und Eltern zu wenig Informationen und Mitspracherechte bekamen.

Die Konsequenzen, die nach Gutenberg für das Thüringer Schulsystem gezogen wurden, sind eines der Themen im TA-Buch "Der Amoklauf", über das am Donnerstag auf der Leipziger Buchmesse bei einem gemeinsamen Forum von Thüringer Allgemeine und dem Thüringer Institut für Lehrerfortbildung, Lehrplanentwicklung und Medien (Thillm) diskutiert wurde. Motto: Welche Schule braucht das Land?".

Nach Ansicht von Andreas Jantowski (43), Direktor des Thillm, hat sich seit 2002 durchaus etwas getan. Mit der Besonderen Leistungsfeststellung (BLF) können inzwischen auch Abiturienten einen Abschluss der 10. Klasse erlangen, zudem müssen auch die Eltern volljähriger Schüler seit 2005 über Vorkommnisse an der Schule informiert werden. Lehrer seien dafür sensibilisiert worden, wie Anzeichen einer sozialen Isolation von Schülern erkannt werden können.

"Wir müssen darüber reden und klarmachen, was Pädagogen im Krisenfall tun können", sagte Jantowski. Dennoch blieben Fragen offen. Schule sei auch heute viel zu häufig kein Ort, in dem Schüler und Lehrer wirklich vertrauensvoll miteinander umgehen können.

Pascal Mauf (30), der damals als Abiturient miterlebte, wie eine Lehrerin niedergeschossen wurde und verblutete, sagte in Leipzig, Schülern und Lehrern falle es oft schwer, miteinander ins Gespräch zu kommen. "Dieser Draht war damals bei dem Täter zerrissen und er ist auch heute nicht wirklich da", konstatierte der 30-Jährige, der als Lehrer inzwischen auch die andere Seite kennt. Diese Kommunikation aber sei wichtig, damit Schulen nicht nur Fachwissen transportieren, sondern auch Rüstzeug für das Leben weitergeben.

An der Drucksituation an Thüringer Schulen hat sich nach Meinung der Podiumsteilnehmer auch nach 12 Jahren nur wenig geändert. Thillm-Chef Andreas Jantowski sieht dies durch Studien zur Stressbelastung bestätigt. "Schüler sind hochbelastete Menschen. Ihre Terminkalender sind durch Schule und außerschulische Anforderungen von früh bis abends voll gefüllt."

Zusammen mit Hausaufgaben und Unterrichtsvorbereitung komme die Beanspruchung der eines arbeitenden Erwachsenen sehr nah. "Kindheit, sofern es diese überhaupt noch gibt, hat keinen Eigenwert mehr und bedeutet oft nur noch die Vorbereitung auf das Erwachse-nendasein", sagte Jantowski. Um dies durchzustehen, brauche man Ressourcen wie gute Freunde, Freizeiterfahrungen und soziale Netzwerke.

Pascal Mauf plädierte deshalb am Donnerstag auch für größere Freiräume an Schulen. In denen sollten sich Schülern ausprobieren und auch einmal über Dinge nachdenken können, die nicht unbedingt etwas mit dem Unterricht zu tun haben. "Auch beim einfachen Abhängen entwickeln sich manchmal Dinge und Ideen, die man so vielleicht nicht erwartet hätte."

Wenig Verständnis gab es am Donnerstag für das, was man auch als innere Kündigung von Lehrern bezeichnet. Lehrer müssen für die Schule und ihre Schüler brennen, forderte Andreas Jantowski. Auch wenn es schwer falle, führe letztlich kein Weg daran vorbei, eine gelingende Beziehung aufzubauen. "Ich habe Menschen vor mir und nicht nur Subjekte, die mir mein Einkommen sichern. Schüler haben einen gesetzlichen Anspruch darauf, in ihrer Individualität ernst genommen zu werden", konstatierte der Thillm-Direktor.

"Schule ist nicht losgelöst vom Leben und darf es auch nicht sein", sagt Pascal Mauf. Vielfach scheiterten aber auch engagierte Lehrer am starren System Schule. "Es ist das Drumherum, was oft nicht funktioniert", klagte der 30-Jährige Mauf gestern.

So habe es ihn mitunter entsetzt, wie in manchen Lehrerzimmern über Schüler und den Beruf gesprochen wurde. Er habe den Lehrerberuf deshalb zunächst an den Nagel gehängt und arbeite inzwischen bei den Thüringer Grünen.

Nicht zuletzt sollen Schulen nach Meinung der Podiumsteilnehmer integrativ wirken. Dies erfordere sowohl Aufmerksamkeit und Zuwendung für eher leistungsschwache Schüler als auch Akzeptanz für Unterschiede und Abweichungen. Dafür fehlten jedoch häufig Zeit und Bereitschaft.

Andreas Jantowski mahnte allerdings, Schulen diesbezüglich nicht zu überfordern. "Man kann der Schule und den Lehrern nicht alle die Aufgaben aufbürden, die auch die Gesellschaft insgesamt nur schwer lösen kann", sagte der Thillm-Chef.

Jantowski begrüßte es, dass sich Schulen vernetzen mit Sozialarbeitern, Schulsoziologen und Einrichtungen der Jugendhilfe. Diesen Weg gehe man derzeit in Thüringen, wo gerade 200 Schulsozialarbeiter eingestellt wurden.

Auch dafür, wie Schule all dies bewerkstelligen kann, unterbreiteten die Podiumsteilnehmer gestern Vorschläge: Nach Meinung von Andreas Jantowski sollte es mehr jüngere Lehrer geben, die aktuelle Alterspyramide mit einem Altersdurchschnitt von 52 Jahren sei "nicht gesund".

Pascal Mauf wünschte sich mehr Zeit für Freiräume. Lehrer, die in den Pausen nur zwischen den Unterrichtsräumen hin- und herhetzten, hätten diese Zeit nicht, um zum Beispiel auf Schüler zuzugehen, die Probleme haben. "Schule ist Gesellschaft im Kleinen, und die funktioniert nur mit einer guten Gesprächskultur und Respekt auf allen Ebenen", sagte der ehemalige Gutenberg-Abiturient.

Der Internet-Auftritt zum TA-Buch "Der Amoklauf"

Zu den Kommentaren