Thüringens beste junge Autoren

Der von unserer Zeitung unterstützte Eobanus-Hessus-Schreibwettbewerb erlebte zu seiner 11. Auflage erneut große Resonanz. Moritz Meißner erhält den erstmals vergebenen Sonderpreis für satirische Texte.

Die Preisträger in der Engelsburg: Anna Carina Siebert (vorne rechts) aus Kranichfeld, Nadine Kellner, Laura Zimmermann (hinten rechts), Uschi Schmidt (Mitte), Steven Kußin (vorn links), Moritz Meißner (2.v. l. ) und Norman Lauterbach (oben links). Foto: Susann Fromm

Die Preisträger in der Engelsburg: Anna Carina Siebert (vorne rechts) aus Kranichfeld, Nadine Kellner, Laura Zimmermann (hinten rechts), Uschi Schmidt (Mitte), Steven Kußin (vorn links), Moritz Meißner (2.v. l. ) und Norman Lauterbach (oben links). Foto: Susann Fromm

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Erfurt. Die Preisträger der diesjährigen Ausgabe des Eobanus-Hessus-Schreibwettbewerbs stehen fest. Zur Auszeichnungsveranstaltung im Erfurter Studentenzentrum Engelsburg wurden nicht nur die Preisträger gekürt, sondern auch viel junge Literatur geboten.

Die vier Jury-Hauptpreise erhielten die 23-jährige Erfurter Autorin Laura Zimmermann für ihren Prosa-Text "Stop, Milano!", Uschi Schmidt (27 Jahre) aus Jena für den Text "Cognac – aus dem Tagebuch einer Vatersöhnin", Steve Kußin, (26 Jahre), auch aus Jena, für seinen Text "Die Trägheit des Herzens" sowie der in Holzsußra lebende 34-jährige Norman Lauterbach für sein Prosastück "Der zerstückelte Mensch".

Darüber hinaus vergab die Jury in diesem Jahr erstmals einen Sonderpreis für satirische Texte. Dieser wurde dem 21-jährigen Erfurter Moritz Meißner für seinen Text "Kurze Anleitung zur Diskriminierung" zuerkannt. Die zwei Schülerförderpreise gingen an Anna Carina Siebert, (18) aus Kranichfeld, für ihre Kurzgeschichte "Jeanne" sowie an die 15-jährige Schülerin Nadine Kellner aus Unterwellenborn für ihren Text "Unsichtbares Keuchen".

Stopp, Milano!

Leseprobe aus Laura Zimmermanns Text, der der Erfurter Autorin einen Hauptpreis der Jury einbrachte:

Als sie an meiner Tür klingelte, war ich gerade aufgestanden, hatte die Kaffeemaschine eingeschaltet und Musik. Jazz, weil heute Sonntag war und ich glaube sie fand mich seltsam, weil Jazz lief, als ich die Tür öffnete. Aber das war einmal mich seltsam finden gegenüber hundert Situationen, in denen ich sie seltsam gefunden hatte in meinem Leben und hoffentlich noch weiteren hundert, in denen ich sie seltsam finden würde.

Ich nahm an, meine Zeitung würde kommen oder dass jemand falsch geklingelt hatte, aber es war Katharina und es gab niemanden mit dem ich weniger gerechnet hätte als mit ihr. Ihre Haare waren viel kürzer als letztes Mal, als wir uns gesehen hatten. Sie stand in meiner Wohnungstür und lächelte einfach, hatte ein dunkelblaues Kleid an, das fast schwarz war, eine Stofftasche um die Schulter und eine Bäckertüte in der rechten Hand.

"Kann ich reinkommen?", fragte sie. Ich ging einen Schritt zurück und nickte ihr zu, sagte: "Du weißt ja, wo die Küche ist, nimm dir gerne Kaffee, ich bin duschen." Ich ging ins Badezimmer und schaute minutenlang in den Spiegel, rieb mir die Augen und versuchte einen klaren Gedanken zu fassen, musste begreifen.

Als ich zurück in die Küche kam, stand sie in der offenen Tür und die Sonne, die zum Fenster herein schien machte ihre Haare heller und ihr Lachen strahlender. Plötzlich war Frühling. Zwei Eierbecher standen auf dem Tisch und Frühstücksteller. Ich hatte das älteste T-Shirt angezogen, das ich finden konnte in der Hoffnung, sie würde es vielleicht wieder erkennen, weil ich wusste, dass es manchmal kein schlimmeres Gefühl gibt, als dass sich alles verändert hat.

Katharina saß auf dem Stuhl und schaute mich mit großen, gespannten Augen an. Ich setzte mich, nahm einen Schluck Kaffee aus meiner Tasse und sagte: "So?" Sie überlegte nicht lang und zuckte sofort mit den Schultern, lächelte verlegen und sagte dann: "Was hast du vor heute?" Sie wartete nicht auf meine Antwort, sprach weiter: "Ich habe Geburtstag und dachte, wir können vielleicht was erleben. Ich dachte wir frühstücken und sprechen über alte, schöne Dinge und dann gehen wir raus. Wir könnten den Turmberg nach oben laufen, eine Runde durch den Wald drehen, dann kommen wir wieder her und du kochst für mich. Und dann können wir in die Oper gehen. Ich meine, ich stell es mir so vor, dass wir einfach den ganzen Tag schöne Dinge machen."

Ich muss sie wohl ganz schön verwirrt angestarrt haben, sie grinste mir ins Gesicht und berührte meine Schulter, streckte ihren Arm über den Tisch und berührte meine rechte Schulter mit der Hand. Ich räusperte mich und konnte mich nicht zwischen Wut und Glück entscheiden, sagte mit fester Stimme: "Wie stellst du dir das vor? Du klingelst, nachdem wir uns über ein Jahr nicht gesehen haben und sagst, wir könnten mal eben einen Tag glücklich sein?" Sie nickte einfach. "Ich bin sicher, dass es ein toller Tag wird. Hast du gesehen, dass draußen vor deinem Haus Tulpen blühen? Sag mal, willst du das Mohnbrötchen? Ich erinnere mich daran, dass du sie gerne magst." Ich fand sie total irre und nickte. "Ich hab auch Erdbeermarmelade mitgebracht, die von meiner Oma. Erinnerst du dich? Du hast mal gesagt, dass du sie liebst. Ich glaube aber, dass du das nur gesagt hast, weil du gehofft hast, dass ich mich daran mal erinnern werde." (Leseprobe)

Die Trägheit des Herzens

Der 26-jährige Steve Kußin aus Jena gewinnt mit seinem Prosastück einen Hauptpreis:

Es war ein schamlos ehrlicher Montag - und ich mochte Montage noch nie leiden, sie erinnerten mich an gute Vorsätze. Meine Freundin trat ans Bett und sagte, "Dass sie jemanden kennengelernt habe und deswegen die letzte Woche nicht nach Hause gekommen sei, wenn man das noch ein Zuhause nennen dürfe, und dass ich wenigstens hätte anrufen können, damit sie wisse, dass sie mir fehle", aber ich ließ mich davon nicht beirren und erwiderte ganz cool: "Sorry, ist mir entgangen, hab geschlafen, war ziemlich fertig - ist schon wieder Juni?" "Es sei Montag", antwortete sie daraufhin. "Na, das hilft mir jetzt weiter", sagte ich und drehte mich auf die andere Seite. Da fing sie wieder zu quatschen an, "Dass sie nämlich jemanden kennengelernt habe, wie sie schon gesagt hätte, und dass der ein Künstler sei, und zwar ein richtiger, der auch mal Künstlerisches mache, und dass seine Schwermut viel attraktiver sei als mein Gleichmut und dass sie deswegen jetzt zu ihm gehen werde und ich nicht auf sie warten brauchte, weil sie nie mehr zurückkommen wolle, und dass ich ein Loser sei und dass -" Und dann redete sie vermutlich noch unendlich lange weiter und stand wie abwartend in der Tür - liebte mich wohl immer noch und hatte nur Probleme, es richtig auszudrücken -, aber da kramte sich in meinem Gehirn ein uraltes Lied zu Tage, das Opa Hugo immer im Garten gesungen hatte:

Ich weiß, das Leben ist lang,
aber Kopf hoch: Es geht vorbei.

Es ge-eht vorbei.
Es geht vorbei.

Irgendwie muss ich darüber eingeschlafen sein und als ich wieder aufwachte, war sie weg. Da hatte ich Lust, mal wieder aufzustehen und musste außerdem pinkeln, was der eigentliche Grund war. Ich habe noch eine Futterdose verdrückt und bin dann nach draußen, um mal zu schauen, was die Uni so macht, aber ich bin gleich noch mal nach oben gegangen und hab mir lange Sachen angezogen, weil der Schnee überall hüfthoch lag. Auf dem Campus hab ich dann irgendjemanden gefragt, "Wie spät ist es eigentlich?", und er hat mir gesagt, "Dass es genau 12 nach 12 sei", und ich hab gesagt, "Was, kacke, so früh und ich bin schon auf den Beinen?" Und da hat er mich gefragt, "Wann ich denn normalerweise aufstehen würde", und ich hab geantwortet: "Mittwochs." Anschließend bin ich direkt zum Prüfungsamt hingegangen und wollte mich anmelden, aber die haben mir gesagt, "Dass ich ein Jahr zu spät und darum, weil ich mich auch nicht auf die Schreiben gemeldet hätte, bereits exmatrikuliert sei. Da gebe es auch keine Möglichkeit, die Prüfungen nachzuholen, immerhin hätte ich längst die zulässige Höchstsemesterzahl überschritten und damit auch keinen Anspruch auf eine sachgemäße Beendigung meines Studiums. Aber ich könne ein anderes Studium aufnehmen und darin abschließen, doch sei -" Doch mein Gehirn hörte schon gar nicht mehr richtig hin, denn mir trat wieder das uralte Lied von Opa Hugo in die Ohren:

Ich weiß, das Leben ist lang,
aber Kopf hoch: Es geht vorbei.

Es ge-eht vorbei.
Es geht vorbei. (gekürzt)

Der zerstückelte Mensch

Norman Lauterbach ist ebenso unter den Gewinnern eines Hauptpreises in diesem Jahr:

"der Andere besitzt ein Geheimnis: das Geheimnis dessen was ich bin" (Sartre: das Sein und das Nichts)

Neugier. Ein drittes Auge-unsichtbar. Ein Blick durch den Spion. Was sie sieht, ist, was sie sehen will. Heinrich. Er zieht sich die Schuhe an. Dieser Mann ist für sie ein Rätsel. Sie mutmaßte vor zwei Wochen bei einer Tupperware-Party, eine Etage tiefer, bei der verdrießlich dreinschauenden Frau Köhler, dass er vermutlich am Gymnasium arbeitet & Lehrer für Biologie ist. Das leitete sie aus der Tatsache ab, dass er stets einen langen, grünen Mantel trägt, eine braune, vollgepackte, lederne Aktentasche hat & ihrem ehemaligen Mathematiklehrer Herr Lenk zum Verwechseln ähnlich sieht. Ihrer Meinung nach ist er etwa Mitte Vierzig, soweit sie das einschätzen kann ungefähr 1.90 groß - wobei nicht unerwähnt bleiben sollte, dass sie die Entfernung des Mondes einmal auf 3000 Kilometer schätzte. Frau Köhler rümpfte die Nase. Seine Augen sind grün-braun, eine Mischung die ihr noch nie zugesagt hat. Sie sucht eher den blauäugigen Typ, mit blondem Haar, braungebrannter Haut & einem durchtrainierten Körper, womit sie sich nahtlos in die endlose Reihe derer einfügt, die dasselbe wollen. Behäbig nimmt Heinrich den Schuhanzieher von der Wand, den er eigenhändig & unter Protest seiner Nachbarin neben seiner Tür, an einer extra dafür angefertigten Leiste aufhängt. Seine Schuhe stehen vor der Tür in einem alten Schuhregal. Sie sind immer frisch geputzt & auf Hochglanz poliert. Drei gleiche Paare. "Wie kann jemand drei gleiche paar Schuhe besitzen?", sagte sie & verdreht dabei ihre Augen. Sie beugte sich nach vorn & fing an zu flüstern, so als könne sie Heinrich hören. "Vorgestern habe ich gewartet bis er das Haus verlassen hat & habe mir die Schuhe mal angesehen". Frau Köhler rümpfte nochmals die Nase & wippte nervös mit ihrem linken Bein auf & ab. Denn angeblich könne man ja an den Händen & den Schuhen eines Mannes seinen Charakter erkennen, dass sagte zumindest ihre Großmutter Agathe- & die müsse es schließlich wissen, war sie doch dreimal verheiratet. Die Schuhe sind von der Firma Lugner & Co in Österreich. Davon hat sie noch nie gehört. Hier endete ihre Ausführung. Frau Köhler, die nicht den Eindruck gemacht hatte, dass sie das Thema sonderlich interessierte, pries fortan verschiedene Tupperdosen. (gekürzt)

"Jeanne" von Anna Carina Siebert

Schülerförderpreis an 18-Jährige:

Der Großvater musterte die Katze auf eine Weise, mit der man auch das Haltbarkeitsdatum eines alten Joghurtbechers überprüfen könnte. Ein Skulletgestell wie dieses, plakativ bog er die dürren Vorderpfoten nach oben, ist nicht gemacht zum Überleben.

Der Großvater sagte ‚Skullet' und nicht ‚Skelett', er hatte eine Metzgerei und als mein Vater klein war, arbeitete mein Großvater systematisch daraufhin, das Doppelte einer Schweineleiche zu wiegen, aber nachdem er bei 110 Kilogramm angekommen war verkaufte er sein Geschäft. Er beerdigte meine Großmutter, die noch nicht meine Großmutter war, weil ich noch nicht lebte, räumte das Haus auf und schenkte seinem Sohn und dessen Frau zur Hochzeit das Dachgeschoss. Meine Mutter war in der Stadt aufgewachsen, sie kannte Tramlinien und Hotelrouten auswendig und als sie mit meinem Vater in das Dorf zog verlief sie sich, weil die Häuser durcheinander nummeriert waren. (gekürzt)

Kurze Anleitung zur Diskriminierung

Sonderpreis Satire an Moritz Meißner:

"Guten Tag, Herr Schmidt!"

Der Anfang meines Bewerbungsgespräches lief außerordentlich gut. Eine freundliche und zuvorkommende Personalchefin nahm sich meiner sofort an. Sie bat mich in ihr Büro, dessen moderne Einrichtung Ikea-Liebhabern zweifelsohne einen spontanen Orgasmus entlockt hätte.

"Nehmen Sie doch bitte Platz!", forderte sie mich höflich auf und ich kam ihrem Wunsch sofort nach. Prima, dachte ich, vermutlich wird mich ebenfalls so ein tolles Büro erwarten. Oder sollte ich in den Außendienst kommen, Reisen auf Kosten der Firma mit schicken Hotels an traumhaften Orten? Ich konnte es kaum erwarten, den Vertrag zu unterschreiben.

"Zunächst bräuchte ich ein paar Informationen von Ihnen.", meinte sie, in der Stimme eine Spur leichten Bedauerns, als ob es ihr unangenehm wäre, mehr über den zukünftigen Mitarbeiter zu erfahren, den sie auswählen sollte.

"Kein Problem!", erwiderte ich und versuchte mit einem Lächeln die Situation zu entspannen.

"Zunächst einmal: Sind Sie tatsächlich ein Mann?"

Mein Lächeln erstarb. Ich fragte mich, ob sie das wirklich gefragt hatte, oder ob mein Gehör trotz meiner Jugend schon nachzulassen begann. "Ähm, Verzeihung, wie war das bitte?"

Leseprobe aus dem preisgekrönten Text von Moritz Meißner

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